06.07.09
Francois und ich, wir passen eigentlich gut zusammen: wir sind beide intuitiv, beide verwundet und haben eine ähnliche Mischung von Ups and Downs.
Und doch sind wir extrem unterschiedlich: er lässt nichts wieder los, was ihm gehört und ich verliere ständig alles und muss wieder bei Null anfangen.
Er hat in seinem ganzen Leben alles erfolgreich gemeistert und ich bin erfolgreich unerfolgreich.
Er konzentriert sich nur auf wenige Interessengebiete, und ich bin wie ein riesiger Trichter, es gibt eigentlich nichts, was mich nicht interessiert.
Ich habe den Widerstand gegen ihn aufgegeben.
Gekommen ist das durch meinen Analytiker. Ich habe über die ungeheure Mühe geklagt, die es mich kostet, mich jeden Tag wieder neu zu motivieren. Diese Arbeitslosigkeit macht mich kaputt. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte man mich aus dem Paradies geworfen. Sehnsüchtig erinnere ich mich an das Leben mit Michael in Eschersheim zurück. Das regelmäßige Gassigehen mit den Hunden, das Arbeiten im Büro?
Im Moment zwingt mich nichts zu irgendwas. Nur ich selbst muss mich zwingen. Ich schreibe Artikel, sitte die Kinder meiner Freundin und erlege mir Verpflichtungen auf, damit ich überhaupt etwas tue. Niemand zwingt mich, außer dieser permanente Gedanke, nichts wert zu sein, wenn ich nichts tue. Und selbst, wenn ich mein Programm erledigt habe, dann mache ich mich manchmal nieder, weil ich denke, das sei zu wenig, ich könnte noch mehr tun. Ich mache mich wahnsinnig.
Doch ich bin nicht krank oder faul oder unfähig, nein. Glücklicherweise hat mich mein Analytiker beruhigt: das geht jedem so, der keine regelmäßigen Verpflichtungen hat. Manche Menschen gehen in Rente oder werden arbeitslos und fallen dann in ein tiefes Loch, und kommen nie wieder heraus.
Wie kann es ein Mensch gut finden, sich in einen Zombie zu verwandeln? Dr. N. erklärt mir das am Beispiel von Francois. Gehorchen vermittelt Struktur. Ein festes Korsett von Regeln und Verpflichtungen befreit von Unsicherheit und Angst. Und dass ist wahrscheinlich Francois Mittel gegen das Auseinanderfallen seiner Persönlichkeit. Das hilft ihm, sich zusammenzuhalten und das erlaubt ihm, sich zu entspannen. Und zum ersten Mal verstand ich seine Sucht nach dieser glorreichen 24/7-Beziehung. Endlich ordne ich auch meine Rolle besser ein; komme mir jetzt fast vor wie eine Krankenschwester. Und auf einmal finde ich es gar nicht mehr so schlimm, diese Rolle einzunehmen, irgendwie ist es doch immer schon meine Rolle gewesen - zumindest in Bezug auf meinen Vater - nur hatte ich mich bisher erfolgreich dagegen gewehrt.
Guten Morgen Herrin,
wie Sie mir geschrieben haben, bin ich ein dummer Bello oder einfach ein Doofy. Sofern ich nicht tatsächlich die ganze Zeit ein Schwachkopf gewesen bin, war Ihre Erziehung auch da sehr erfolgreich und der Vorteil der resultierenden Konditionierung ist wirklich, dass ich sehr gut meine zugewiesene Funktion erfüllen kann, ohne denken zu müssen. Von daher, ist es nicht erstaunlich, dass ich nicht mehr in der Lage bin, mir keine Strafe vorzustellen, wenn ich wie gestern Abend einen Fehler mache. Ich habe nur ein einfaches Programm, das in meinem Kopf läuft: ich nehme, was Sie mir geben das ist Schmerz, Lieblosigkeit, Ekel, Demütigung und Beleidigung und ich muss trotzdem Ihnen tadellos dienen, gehorchen und Sie verehren.
23.07.09
Ich bin wie eine Höhle, außen herum Fels und innen leer. Kein Wunder, dass ich nie zufrieden bin. Kein Mensch kann das ausfüllen. Francois ist genauso kaputt wie ich, aber er hat wenigstens nicht das Problem, so wenig ausgefüllt zu sein wie ich. Bei ihm drehen sich die Gedanken lediglich permanent um Sex.
Und ich? Ich lese sexy Bücher, schaue sexy Filme und empfinde keine Erregung mehr, ich fühle mich oversexed. Das einzige was mich im Moment ausfüllt, ist mein Roman. Er wächst und gedeiht. Es kommt mir im Moment gar nicht darauf an, ihn zu veröffentlichen. Ich fühle mich glücklich, wenn ich etwas geschrieben habe. Ich sollte zu diesem Schriftstellerstammtisch im Club Voltaire gehen und erkunden, was Konstanze mit ihren „Schreibkursen“ macht.
Was füllt mich eigentlich überhaupt noch aus? Meine Familie hat eine große Bedeutung, vielleicht könnte ich noch mehr für sie tun. Und meine Freunde sind mir wichtig, ich werde sie weiterhin hegen und pflegen.
27.07.09
Gestern kam Francois aus der Normandie zurück und ich bin ins seine Wohnung gefahren, um ihn zu empfangen. Er hatte geschrieben, dass er bald wieder zu Hause sein würde. Ich dachte: zu Hause? Das ist kein Ort, sondern das bin ich. Also fuhr ich los und setzte mich hin. Ich war unsicher, wie er das aufnehmen würde. Nichts zwischen uns geschieht ohne diese Beklemmung.
Er kam, und obwohl ich mich aufrichtig freute, ihn zu sehen, und er sich anscheinend umgekehrt auch, trat schnell wieder dieses Spannungsgefühl bei mir ein. Ich fremdelte.
Sex hat mich die ganze Zeit wenig aufgeregt, ich habe mich nicht ein einziges Mal selbst befriedigt. Bei ihm dagegen troff jede Sms vor Geilheit. Und doch: Wie er noch nicht einmal fünf Minuten warten konnte, bevor er sich ausgezogen hatte und an seinem Glied herumspielen musste und wie er mir dann die Füße leckte, da fuhr es mir wie ein Blitz in den Unterleib. Dieser Mann wirkt wirklich wie Gehirn gewaschen und das macht mich an. Auch die Erinnerung an seine enorme Erektion regte mich noch Tage später auf.
30.07.09
Vorgestern noch fragte ich mich, ob ich wirklich mit dieser Form von Beziehung glücklich werden könnte, doch kurz danach setzte ich ihn schon über meine neue Regel in Kenntnis, mich zu Hause nicht mehr anschauen zu dürfen. Als Übung, hängte ich ihm einen schweren Stein um den Hals. Jetzt schleicht er nur noch durch die Gegend, sein Gesicht sieht völlig verzerrt aus vor lauter Anstrengung, alles richtig machen zu wollen. Wir reden nur noch das Allernotwendigste miteinander und daraus entsteht genau das Problem, dass ich die ganze Zeit schon befürchtet hatte: Ich verachte ihn immer mehr. Es wird jetzt schon schwierig, sich im Restaurant miteinander zu unterhalten, weil ich ihn nicht mehr als gleichwertigen Partner akzeptieren kann. Und ich langweile mich dementsprechend. Manchmal glaube ich, dass ist genau das, was er sich erträumt hat. Zu Hause kann er sich jetzt total in seinen Verpflichtungen auflösen, die ihn ja sowieso völlig absorbieren, er muss sich nicht mehr anstrengen zu lesen, sich zu unterhalten, über anstrengende Dinge nachdenken. Außer für Musik und die Finanzmärkte interessiert er sich sowieso für nichts. Er hat mir geschrieben, dass ihm dieser Zustand jetzt ganz natürlich vorkommt. Und er sich ganz erfüllt davon fühlt, nur noch Schmerz, Ekel und Lieblosigkeiten zu erfahren. Und ich? Was ist mit mir? Viele Wünsche, die Francois hat, haben sich erfüllt. Und ich bin immer noch unzufrieden. Ich bin aber auch selbst schuld, wenn ich meine eigenen Vorstellungen nicht wirklich vorantreibe.
Obwohl, um ganz ehrlich zu sein: das stimmt nicht ganz. Einige Sachen kommen voran: Francois ist hilfsbereiter, unterstützt mich jetzt finanziell, ich besitze endlich einen Schlüssel zu seiner Wohnung. Wir waren zusammen in Venedig bei Freunden seiner Familie, er lässt mich ungern allein. Auch unser Zusammensein hat sich verändert: es ist angenehm. Meistens zieht er sich seine Kittelschürze an wenn ich komme. Er isst auf dem Boden und schläft auf einer Matte neben meinem Bett. Er spült, kauft ein, kocht und zieht mich an und aus.
Gestern habe ich ihm eine Ledermaske gekauft, er muss sie anziehen, damit ich sein hübsches Gesicht nicht sehe, dann fällt es mir noch leichter, ihn schlecht zu behandeln.
Er kann mir nicht mehr direkt in die Augen schauen vor lauter Respekt, er strengt sich an, mir alles Recht zu machen, ich fühle, wie viel Angst er vor mir hat. So langsam verachte ich ihn wirklich. Dieser Wurm mit seinem krummen Buckel, wie er um mich herumwuselt und beflissen alles Niedrige macht. Und es ist leider, wie ich befürchtet hatte, ich fühle mich wie eine Königin, aber ich bin gleichzeitig einsam. Wenn meine Freundinnen nicht wären, dann würde ich untergehen.
Manchmal wird mir Angst und Bange, wie aggressiv und menschenfeindlich ich bin. In der Woche, als Francois in der Normandie war, bin ich mit meiner Mutter zu ihrer Schwester gefahren. Zuerst war ich total glücklich ihr so nahe zu sein doch dann musste ich mich schwer zusammenreißen, dass ich sie ausgehalten habe. Ihre Nähe, ihre Körperlichkeit waren mir plötzlich verhasst, ihre stinkenden Füße, ihr feister Körper, ihr schweres Atmen, ihr Schnarchen. Ihre Hinfälligkeit ließ mich vor Mitleid zerfließen und andererseits ekeln. Am Schluss hat mich alles angewidert, alles, was sie sprach, alles was sie machte. Jeder dritte Satz drehte sich um meinen Vater, eine einzige Mischung aus Anbetung und Leid. Jetzt ist mir endgültig klar geworden, dass ich es ihr zu verdanken habe, dass wir als Kinder so unter meinem Vater gelitten haben, sie ist ihm hörig und deshalb ekle ich mich vor ihr und vor mir.
Solche Gefühle bei dem Menschen, der einem am meisten bedeutet. Ich bin entsetzt über mich. Anscheinend bin ich absolut nicht dazu gemacht, irgendjemandem nahe zu sein.
Francois hat sich in der Normandie auf meinen Auftrag hin eine Zigarette auf seiner eigenen Hand ausgedrückt. Ist er genauso bekloppt oder noch schlimmer als meine Mutter. Kein Wunder, dass seine Familie Angst um ihn hat, er ist wirklich verrückt. Andererseits habe ich nie das Gefühl, dass seine Hingabe wirklich etwas mit mir zu tun hat. Ich glaube immer zu fühlen, dass ich nur ein Fetisch bin. Keine Individualität, sondern nur eine Attrappe oder Stellvertreterin für einen ganz alten Traum.
Guten Morgen Herrin,
Die Tatsache dass ich nicht Sie während dieser letzten 4 Tage sehen konnte, war so ein Entzug dass ich keinen anderen Weg mich vorstellen kann, als eine Existenz unter den Bedingungen die Sie gestellt haben. Aus diesem Grund, bin ich bereit, immer mehr aufzugeben und die Abgabe meiner Schlüssel ist ein aufschlussreichendes Zeichen dafür. Ich vermute tatsächlich dass Sie meine Versklavung ins Extreme steigern wollen und Ihre Analyse stimmt, dass ich mich geborgen, erleichtert und sicher fühle, wenn ich diese Zukunft als abhängiges Tier betrachte. Sie nutzen meine Schwäche aus und freuen Sie sich sehr darauf, einen gehorsamen Zombie zur Ihrer Verfügung zu haben, denn Sie genießen es, zu quälen, misshandeln, demütigen und herabzuwürdigen. Ich werde schon erfahren was Schmerz, Ekel und Lieblosigkeit als Alltag bedeutet und bin dennoch bereit Sie zu verehren und Ihnen zu dienen und gehorchen.
Doofy.
