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Leeloo's Blog

  • Kapitel 18

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    Die Friedhofsclique 18

    Das Ende

     

     

    Tief in uns liegt die Sterblichkeit

     

     

    Diesmal war Maestro Rufes wirklich am Boden zerstört. Er hatte einen Krieg verloren. Seinen Krieg.

    Schweigend hielt er die von Schwester Hildegard förmlich geschriebene Kündigung in den Händen. Er hatte den Brief schon vor einigen Tagen erhalten. Heute war sein letzter Tag hier in der Kapelle. Und zufälliger Weise war es auch der letzte Tag der Kapelle.

    Die dicke Schwester hatte letztendlich doch mit Zustimmung von Bürgermeister Scheuerwich all ihre Vorhaben durchsetzen können. Noch heute würden die Abrissfahrzeuge ihren Weg zum Marienkloster finden und die Kapelle dem Erdboden gleichmachen. Dann würde darauf eine Kirche für die Novizinnen entstehen und Rufes von einem Priester abgelöst werden. Von Manfred Hasel, wer es genau wissen will.

    Was mit seinen getreuen oder weniger getreuen Azubis geschehen würde, konnte Rufes nur vermuten. Doch da sie Schwester Hildegard ebenso wenig wie ihn leiden konnte, schätzte er, dass Dexter und Jeanie in Bälde die Auflösung ihres Ausbildungsvertrages ins Haus geschickt bekamen. Nicki würde wohl wieder auf die Klosterschule gehen müssen.

    Nachdenklich räumte Rufes seine Bücher aus dem Regal und packte sie in einen Karton, der auf dem Schreibtisch stand. Er hatte es bis jetzt noch nicht übers Herz gebracht, seinen Azubis Schwesters Neuerungen zu erzählen. Sie wussten noch nicht, dass ihre geliebte Kapelle heute Mittag um 14.00 Uhr nicht mehr sein würde.

    Der Prediger holte tief Luft: "Nicki! Dexter! Jeanie! Bewegt gefälligst eure kleinen... kommt mal schnell hoch und helft mir tragen!"

    Diesmal stoppte er nicht die Zeit, um zu erkunden wie lange sie brauchten, um seiner freundlichen Aufforderung folge zu leisten.

    Als Dexter den Umzugskarton sichtete, vermutete erst einmal etwas völlig falsches: "Klasse Meister! Wurde ja auch Zeit, dass sie mal ihre Bude ausmisten!"

    Auch Nicki und Jeanie fassten es so auf. Doch Jeanie hatte in ihrer Verliebtheit gelernt auf Anhieb jede Stimmungsschwankung des Meisters zu erkennen. Irgendetwas stimmte nicht. Noch bevor Rufes Dexter und Nicki den Karton übergeben konnte, fragte sie kleinlaut: "Ist etwas nicht in Ordnung Meister?"

    Rufes schluckte. Er hatte insgeheim gehofft, dass seine Azubis nichts fragten, doch Jeanie konnte hervorragend aus seinen Gesichtszügen lesen - auch wenn er versuchte sich zu verstellen. Nicki und Dexter hielten inne.

    Rufes straffte die Schultern. Es hatte ja doch keinen Zweck. Er würde ihnen damit das Herz brechen, aber wenn sie es so wollten...

    "Hört zu. Es hat sich etwas geändert." Nachdem er seine Schilderungen beendet hatte, waren die Azubis schockiert.

    "Heute Mittag kommt die Abrissgesellschaft", fügte Rufes mit trockenem Mund hinzu. "Wenn ihr also noch etwas Persönliches hier aufbewahrt, solltet ihr es besser mitnehmen."

    Stille. Die Azubis konnten kaum glauben, was sie da gehört hatten. Ihre geliebte Kapelle! Das durfte nicht sein! Und was sollte dann aus ihnen werden?

    Jeanie konnte sich nicht mehr beherrschen und fing an, Rotz und Wasser zuheulen. Dieses vergammelte Gemäuer war doch ihr einziger Zufluchtsort! Und die Vampire? Es war keine Zeit mehr sie zu warnen, geschweige denn sie in Sicherheit zubringen. Das Tageslicht würde sie verbrennen, falls sie den Steinschlag der einstürzenden Decke noch überleben sollten.

    Nicki und Dexter machten sich indessen jedoch auch über ihre Zukunft sorgen. Nicki wusste jedenfalls genau, was sein bitteres Schicksal sein würde.

    "Es hat wohl nicht sollen sein", sprach Rufes betrübt.

    Nach einem lautstarken Naseputzen, sah Jeanie plötzlich auf. Stumm trat sie auf den Meister zu und fragte mit dünner Stimme: "Und sie, Meister? Was machen sie dann?"

    Dexter und Nicki hielten die Luft an. Sie wussten schließlich, um was es bei Jeanie ging.

    "Ich werde mir wohl eine andere Kapelle suchen müssen. Und zwar möglichst weit weg von hier!", blaffte er wütend.

    Das Mädchen war entsetzt. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so hilflos gefühlt. Die Tränen schossen ihr abermals in die Augen, als sie verzweifelt rief: "Oh nein, Meister! Bitte nicht! Bitte nehmen sie mich mit! Es ist mir egal, wo sie danach hingehen!"

    Maestro Rufes wusste gar nicht mehr, was er sagen sollte. Dass Jeanie gleich einen Nervenzusammenbruch erlitt, hätte er nicht gedacht. Tröstend nahm er sie in die Arme und beklagte sich noch nicht einmal, obwohl sie seine Kutte mit ihren Tränen ganz feucht machte. Er hatte keine Ahnung, weshalb sie es so schlimm fand, dass er ging. Eigentlich hatte er seine Azubis doch nur herum kommandiert, oder?

    "Nein, bitte gehen sie nicht..."

    Vielleicht hatte er doch etwas falsch gemacht. Nur mit viel gutem Zureden schaffte er es schließlich, sich aus ihrer Umklammerung zu befreien.

    "Packt den restlichen Kram zusammen", befahl er den Jungs. Die blieben jedoch stehen. Waren heute denn alle verrückt?

    "Und wenn wir uns das einfach nicht gefallen lassen?", fragte Nicki.

    "Wir könnten doch um die Kapelle kämpfen!", spann Dexter den Gedanken weiter.

    "Unsinn." Mit einem Stofftaschentuch versuchte er sich vergeblich die nassen Stellen von der Kutte zu wischen.

    "Also ich finde, wir sollten nicht einfach so aufgeben! Wie wäre es mit einem Sitzstreik oder so?", rief Nicki begeistert.

    "Schlagt euch diese Hirngespinste aus dem Kopf!"

    Da hörte er ein erneutes Schluchzen. Jeanie, die so eben hoffnungsvoll den Kopf gehoben hatte, bekam schon wieder feuchte Augen. In Gedanken malte sich Rufes schon die neuen Flecken auf seiner Kutte aus. Ein Hauch von Panik schwang in seiner Stimme mit, als er schnell sagte: "Aber andererseits... nun, vielleicht wäre es einen Versuch wert. Na obwohl..."

    Die Azubis musterten ihn gespannt. Es gab kein zurück mehr.

    "Nun gut. Sollen sie nur kommen. Wir werden ihnen einen gebührenden Empfang bereiten! Nicki und Dexter, ihr geht zum Kloster, Verteidigungsmaterial besorgen. Etwa faules Obst oder derartiges. Und wir, Jeanie, werden einige Vorbereitungen in der Kapelle treffen. Sollen sie nur versuchen, unseren Eden zu erobern!"

    Freudestrahlend hüpften die Azubis in die Luft und machten sich sogleich an die Arbeit. Rufes und Jeanie trugen sämtliche Kirchenbänke zur Eingangstür und stellten sie zur Verbarrikadierung bereit. Auch das Sakristeifenster wurde zugestellt und sogar vernagelt. Schließlich ging es um alles oder nichts. Kaum eine halbe Stunde später waren die Jungs zurück. Nicki hatte eine ganze Kiste gammeliges Obst und faule Eier aufgetrieben. Dexter kam gleich mit einem Super Socer 2000 und einer Tüte alter Feuerwerksraketen an.

    "Ich habe den Priester Manfred Hasel gesehen!", teilte Nicki ganz außer Atem den anderen mit. "Er ist auf dem Weg zur Kapelle."

    "Dieser Dilettant wird mein Gotteshaus nicht betreten!", rief Rufes außer sich.

    "Warten sie, Meister!", warf Jeanie mit funkelnden Augen ein. "Ich glaub', ich weiß da was Besseres..."

     

    Der junge, pickelige Priester stand recht unsicher vor der geschlossenen Kapellentür. Er verband keine sonderlich angenehmen Erinnerungen mit diesem Bauwerk. Diesmal hatte ihm Schwester Hildegard ausdrücklich gesagt, dass die kleine Kirche vollkommen leer stand. Trotzdem war sie nicht mit ihm zur Kapelle gegangen. Sie hätte soviel zu tun, hatte sie gesagt.

    Es war alles ganz still, doch Hasel wollte dem Frieden nicht so recht trauen. Doch irgendwann musste er ja reingehen. Also nahm er seinen ganzen Mut zusammen und öffnete die Tür.

    Erleichtert stellte er fest, dass die Oberschwester recht gehabt hatte. Es war wirklich niemand da.

    "Jetzt!!!!"

     

    Das nächste an was sich Hasel wieder erinnerte, war, dass er gefesselt neben dem Altar saß und ihm der Kopf ziemlich wehtat. Die Kapellentür war mit vielen Kirchenbankreihen verbarrikadiert, so dass keiner mehr raus oder rein kam.

    "Oh Gott...", stöhnte Hasel.

    Oben aus dem Büro kamen Stimmen.

    "Wenigstens haben wir jetzt eine Geisel", meinte Dexter.

    "Ich finde wir sind bestens vorbereitet", fügte Nicki hinzu.

    "Wie spät ist es?", fragte Rufes.

    "Zehn Minuten vor 14.00 Uhr", antwortete Jeanie aufgeregt.

    "Dann gehen wir jetzt hoch zum Glockenturm. Vergesst unsere Munition nicht. Und Hasel bringt ihr auch mit."

    Nicki und Dexter seufzten. Es war nicht gerade einfach, das schwere Zeug die Wendeltreppe hoch zutragen.

     

    "Hoch auf dem gelben Wagen, sitz ich beim Schwager vorn!

    Vorwärts die Rosse traben, lustig schmettert das Horn,...", trällerte Gärtner Greulich gut gelaunt, als er die Arbeiter des Abrissunternehmens den Waldweg hinunter zur Kapelle führte.

    "Berge und Täler und Auen, leuchtendes Ährengold.

    Ich möchte in Ruhe gern schauen, aber der Wagen, der rollt!"

    Leicht genervt schlenderten ihm die Bauarbeiter hinterher. Gegen einen Fanatiker der Volkstümlichen Hitparade ließ sich leider nicht allzu viel ausrichten.

    "Kennt ihr denn wenigstens 'Das Wandern ist des Müllers Lust?'", fragte der Gärtner höflich.

    "Ja!!!", antworteten die armen Leute im Chor. "Du brauchst es uns nicht vorzusingen!"

    "Oh.. . Na jedenfalls finde ich es wunderbar, dass ma' endlich jemand kommt, um unsere alte Kapelle zu renovieren."

    "Wir werden sie nicht renovieren, sondern abreißen."

    "Oh........"

    Geduldig winkte der Chef des Abbruchunternehmens - nennen wir ihn aufgrund eines besonders auffälligen äußeren Erscheinungsmerkmales den großen, krümeligen 'Schnauzer' - das Abrissfahrzeug mit der schweren Abrissbirne heran. Jeanie, die zusammen mit den anderen oben auf dem Glockenturm stand, konnte bei den schweren Geschützen nur mit dem Kopf schütteln. Denn für die baufällige Kapelle war eine Abrissbirne eigentlich gar nicht nötig. Es hätte vollkommen ausgereicht, wenn Dexter einmal kräftig einen Fußball gegen die Wand geschossen hätte.

    Als sie von den Arbeitern gesichtet wurden, winkten sie ihnen fröhlich zu: "Kuckkuck!"

    "Was soll das denn?", rief der Schnauzbart, der einen gelben Schutzhelm auf dem Kopf trug. "Da oben sind ja noch Leute! Geht mal den Auftraggeber holen."

    Etwa eine viertel Stunde später kam Schwester Hildegard angewackelt und warf ihren enorm großen Schatten auf das Gebäude. Mit Tränen in den Augen flüsterte sie andächtig: "Diesen Anblick habe ich schon so lange ersehnt. Das ist der schönste Tag in meinem Leben!"

    "Aber wir können es nicht abreißen, weil noch Leute oben sind", erklärte Schnauzer.

    "Ach so, geht das nicht trotzdem? Hmm... Maestro Rufes! Jetzt sein sie doch nicht kindisch!"

    "Wir haben eine Geisel!", rief Rufes hinunter und zerrte den armen Hasel in die Höhe. Der schrie hinunter: "Sie sagten doch es wäre niemand mehr hier!"

    "Tut mir leid", rief die Oberschwester. "Das war nur eine Notlüge, sonst wären sie ja nicht hineingegangen!"

    "Bringe Hasel wieder hinunter", wies Rufes Dexter an. Zu Schwester Hildegard rief er: "Schicken sie das Abrissfahrzeug weg. Dies ist meine letzte Warnung!"

    "Niemals!"

    Und prompt zerschellte ein faules Ei auf ihrer gigantischen Brust.

    "Du kannst klasse werfen, Jeanie", lobte Nicki die junge Schützin.

    "Na ja, das Ziel ist groß genug."

    "Die kleine Göre ist ihnen unterstellt, nicht wahr?!", fauchte die Schwester den Gärtner an. Zeit zum Antworten blieb ihm jedoch nicht, da ein wahrer Hagel an Obst und Gemüse auf sie herunterschoss. Dexter, der inzwischen wieder oben war, hatte seine Super Socer mit Wasser voll getankt und feuerte damit auf die Bauarbeiter.

    Schwester Hildegard hatte sie angewiesen, die Kapelle zu stürmen und Maestro und seine Azubis mit Gewalt herauszuholen, doch die Arbeiter gaben schon bald auf. Denn von oben ließen es Jeanie und Rufes frisch entzündete Feuerwerksböller regnen und das war dem härtesten Arbeiter zuviel. Immerhin hatten sie ja alle Familie.

     

    Hasel, der gezwungener Maßen wieder am Altar hockte, hörte mit zunehmender Besorgnis den Krach von draußen. Dann wendete er sich wieder dem schwarzen Kapellenkater zu, mit dem er soeben ein ziemlich einseitiges Gespräch begonnen hatte.

    "Ich weiß, dass du mich verstehst", erklärte Hasel. "Franz von Assisi konnte doch auch mit euch reden!"

    "Klar verstehe ich dich, aber ihr Menschen seid zu doof, um unsere Sprache zu sprechen. Und dass wir eure komischen Laute lernen sollen - mal ganz zu schweigen von der Grammatik -, kommt ja gar nicht in Frage!"

    Hasel nahm natürlich nur ein lang gezogenes Miauen wahr.

    "Also, wenn du mir einen scharfen Gegenstand besorgst, damit ich meine Fesseln durchschneiden kann, wäre ich dir wirklich sehr dankbar...", fuhr Hasel fort.

    "Na und?" Miau.

    "Ich werde dir auch etwas dafür geben. Meinen Segen und einen ganzen Trog Futter verspreche ich dir!"

    Nosferatu überlegte. Da weder der Meister noch seine Azubis daran dachten, ihn zu füttern, war es nicht absehbar, wann er wieder etwas zwischen die Zähne bekommen würde. "Ich weiß nicht, euch Menschen kann man doch nicht trauen." Miau.

    "Ein Trog Futter, nur damit du mich hier befreist. Na komm, vertrau mir."

    Dem Kater war völlig klar, dass er mit dieser Befreiung Verrat an seinen Möchtegern-Besitzern ausübte. Aber manchmal musste man Opfer bringen. "Na schön, aber nur, weil du ein echter Geistlicher bist." Miau.

    Hasel erstaunte sehr, als der Kater fort ging und auf einen der Schränke zu schlich. Nosferatu wusste genau, wo die Sägen und Messer aufbewahrt wurden. Es war immer Werkzeug in der Kapelle, da die Verstorbenen während der Leichenstarre manchmal einfach nicht ohne gewisse handwerkliche Kniffe in die Särge zu kriegen waren.

     

    Die Oberschwester sah inzwischen aus, wie ein riesiges Gemüsegratin.

    "Es hat keinen Sinn", schnaufte sie atemlos. "Ich werde Polizeioberwachtmeister Chicomocomoco holen und der wird es ihnen dann schon zeigen. Ihr Arbeiter könnt so lange Pause machen."

    Das ließen sie sich nicht zweimal sagen und vesperten gemütlich in dem Abrissfahrzeug. Schwester Hildegard rief bedrohlich: "Ich komme wieder!" nach oben und watschelte mit Herrn Greulich im Schlepptau davon.

    Oben im Glockenturm machte sich Erleichterung breit.

    "Wir haben sie vertrieben!", rief Nicki ausgelassen.

    "Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben", gab Rufes zu bedenken. "Sie kommen bestimmt mit Verstärkung zurück und unsere Munition ist aufgebraucht. Lange können wir die Kapelle nicht mehr verteidigen. Wir brauchen unbedingt Hilfe. Nicki, du läufst ins Kloster und trommelst alle Novizinnen zusammen. Aber lass dich nicht von den Nonnen erwischen! Und du Dexter fährst ins Dorf und holst Gräfen und meine übrigen Kirchgänger. Und rufe die Zeitung an, diese Geschichte dürfte sie interessieren. Sputet euch. Viel Glück!"

    "Und Ihr?", fragte Nicki.

    "Wir halten hier die Stellung."

    Mit vereinten Kräften hievten sie die echt-deutsche-Eiche-Bänke von der Tür weg, damit Nicki und Dexter nach draußen konnten. Die Arbeiter nahmen glücklicherweise gar keine Notiz von den beiden.

    Und noch jemand raste raus. Der junge Priester. Jeanie, Maestro und Nosferatu blickten ihm enttäuscht hinterher. Besonders der Kater fühlte sich angeschmiert, da er für seine Mühen natürlich nicht von Hasel belohnt worden war. Trotzig fauchte er dem Flüchtenden hinterher. Dann kauerte er sich zusammen und meinte bitter enttäuscht: "Ach was soll's?! Ich setz mich hoch ins Büro und leck an meinem Genital..."

     

    Als Nicki in den Zimmertrakten des Klosters herumschlich, hatte er das Glück genau auf Anna und Violetta zu treffen. Aufgeregt erklärte er ihnen was geschehen war und fragte sie, ob sie mitkommen würden, um die Kapelle zu retten. Anna war sofort Feuer und Flamme, denn auch sie hatte schon in so mancher Nacht die Stille der kleinen Kirche aufgesucht. Violetta hingegen hatte nur wenig Lust mitzukommen.

    "Alssso ich weißßß nicht...", murmelte sie schulterzuckend.

    Da meinte Nicki ganz nebenbei: "Dexter ist übrigens auch da..."

    "Echt? Och, vielleicht komm ich doch mit."

    "Aber zuerst trommeln wir noch die anderen zusammen!"

     

    Dexter hatte es etwas einfacher, seine Leute einzusammeln. Denn heute tagten alle älteren Leute von St. Stilisten in ihrem Klubhaus. Steinmetz Gräfen war erster Vorsitzender des Vereins 'Des Alten Mannes Rückenbeschwerden e. V.', indem natürlich auch Frauen und Leute ohne Rückenleiden zugelassen waren. Als Dexter dem Steinmetz berichtete, was mit der Kapelle geschehen sollte, brach Gräfen kurzerhand die Sitzung ab und marschierte mit der gesamten Rentnerschar zum Nonnengarten.

     

    "Das sieht nicht gut aus", sagte der Meister in bedauerlichem Tonfall. Er und Jeanie standen im Büro und lugten vorsichtig aus dem Fenster. Zu Schwester Hildegard, ihren Nonnen und der Abrissgesellschaft gesellte sich nun auch noch die lutheringer Polizei. Eigentlich rief niemand, der etwas auf sich hielt Hilfe aus Lutheringen, aber Schwester Hildegard machte eben alles ein bisschen anders.

    Polizeioberwachtmeister Chicomocomoco störten Einsätze in Stillisten allerdings nur wenig. Da er dunkelhäutig war, waren ihm regionale Einsätze lieber als die Zusammenarbeit mit Kollegen eines fremden Polizeireviers. Es hatte schon zu oft Zwischenfälle gegeben, bei denen er für den Drogendealer gehalten und eingesperrt wurde, während man die wahren Täter laufen ließ.

    Chicomocomoco umrundete die Kirche, um nach einer Eintrittsmöglichkeit für sich und seine Leute zu suchen. Es gab keine. Also wies er seine Unterstellten an, die Kapellentür mit Gewalt zu öffnen. Schwester Hildegard klatschte begeistert in die Hände und feuerte die Polizei an. Dann nahm sie Stirn runzelnd wahr, dass sich inzwischen einige der Novizinnen ebenfalls hier versammelt hatten.

     

    Verzweifelt stemmten sich Jeanie und Rufes gegen die Holzbänke, die die Tür blockieren sollten.

    "Es ist zu spät!  Sie werden meine Kapelle stürmen!", brüllte Rufes hoffnungslos.

    "Aber wenn sie uns rausholen, werden sie sie zerstören!", schrie Jeanie, deren Tränen die Backen hinunterkullerten. Es war einfach ausweglos! Rufes würde sie verlassen und die Vampire würden sterben.

    'Die Vampire!', Jeanie hatte einen Einfall. Doch der Preis war verdammt hoch. Sie musste dazu dem Meister ihr Geheimnis zwischen sich und den Vamps beichten. Tja, leider blieb ihr nichts anderes übrig.

    Die Polizisten hackten draußen wohl mit einer Axt auf die Tür ein und die Stöße schoben die Bänke jedes Mal weiter um ein Stückchen zurück. Jeanie und Rufes versuchten noch immer dagegenzuhalten und sie waren beide tropfnass vor Anstrengung.

    "Meister! Wir könnten uns verstecken!", rief das Mädchen. "Wenn sie uns nicht finden, können sie die Kirche auch nicht abreißen!"

    "Das hat keinen Sinn. Sie werden in jedem Schrank suchen."

    "Aber ich kenne ein Versteck, wo sie uns nicht finden!"

    Rufes horchte auf: "Und das wäre?"

    Jeanie löste sich von den Bänken und schnappte sich einen Kerzenständer. Damit hebelte sie die lose Steinplatte zur Seite und öffnete den Eingang zur Vampirgruft. Hoffnungsvoll blickte sie zu Rufes, der nun gleichfalls nicht mehr gegen die Bänke drückte, und meinte: "Da drin werden sie uns nicht finden."

    Der Prediger nickte: "Also gut."

     

    Nicki war inzwischen zu Dexter gestoßen und gemeinsam liefen sie nun durch ganz St. Stilisten, um noch mehr Sympathisanten der Kapelle zu finden. Doch leider waren die meisten Leute nicht zu Hause oder hatten schon etwas besseres vor. Daher beschlossen die zwei wieder zur Kapelle zurück zu laufen.

     

    "Wo kommen denn die ganzen Menschen her?", fragte Schwester Hildegard, die sich von Novis, Rentnern und Fotographen der Bildzeitung geradezu umzingelt fühlte. Da postierte sich der Steinmetz vor sie: "Wir demonstrieren gegen den Abriss unserer schönen Kapelle!"

    Und gemeinsam rief der Verein 'Des Alten Mannes Rückenbeschwerden e. V.' im Chor: "Gebt der Kapelle eine Chance! Gebt der Kapelle eine Chance!"

     

    Den Eingang der Gruft hatte Jeanie wieder sorgfältig verschlossen. Langsam kletterte sie hinunter zu Rufes, der die Höhle mit einem siebenarmigen Kerzenständer ausleuchtete. Jetzt wusste er, wo die Särge standen, die ihm vor einigen Jahren abhanden gekommen waren. Er hatte es damals für einen Jungendstreich gehalten, doch da hatte er sich wohl geirrt.

    "Hallo Jeanie, Hallo Maestro", erklang eine Stimme aus einem der Särge.

    "Hallo Drake", erwiderte Jeanie und setzte sich leise zu Rufes auf den Boden. Oben waren Geräusche zu hören. Die Polizei war in die Kapelle eingedrungen.

    "Dann warst du also diejenige, die den Kontakt mit den Vampiren pflegte", stellte der Prediger fest. Jeanie ließ schuldbewusst die Schultern hängen.

    "Ich wusste schon lange von den Vampiren und dass einer meiner Azubis mit ihnen verkehrte, aber dass du die jenige bist! Das hätte ich nie von dir gedacht."

    "Tut mit leid..."

    Drakes Stimme erklang wieder: "Nimm sie doch nicht so hart ran, Rufes. Sie hat immer ihr bestes gegeben."

    "Du weißt, was oben los ist, nicht wahr Drake?", fragte das Mädchen bitter.

    "Ja."

    "Nun, so sei es. Ich vergebe dir", sprach Rufes großzügig. Jeanie nickte, doch viel besser fühlte sie sich nicht. Von oben hörten sie Schritte und Stimmen. Chicomocomoco ließ alles gründlich durchsuchen.

    Jeanie und Maestro warteten. Was mussten wohl gerade die Vampire durchmachen? Vielleicht waren dies die letzten Stunden ihres ewigen Lebens.

     

    "Es ist niemand drin", gab der Polizeioberwachtmeister seine Erkundungen irritiert an die Oberschwester weiter. "Aber ich könnte schwören, dass wir vorhin beim Tür aufbrechen Stimmen in der Kirche gehört hatten."

    Schwester Hildegard schlug ihre Stirn in Falten: "Vielleicht sind sie hinausgegangen, während wir fort waren." Fragend wendete sie sich an den Schnauzbart: "Sie waren doch die ganze Zeit hier. Haben sie niemanden das Gebäude verlassen sehen?"

    Er dachte tatsächlich einen Augenblick lang nach - jedoch ohne sich dabei ernsthaft Mühe zugeben: "Ja ich glaube, da sind welche raus gelaufen..."

    "Und wie viele?"

    "Tja pffff...."

    Schwester Hildegard fasste einen Entschluss: "Augenscheinlich ist das Gebäude leer, oder? Also reißen sie es endlich ein!"

    "Das wurde ja auch Zeit."

    Trotz lautstarker Proteste aller Anwesenden wurde das Abrissfahrzeug vorgefahren und nahm seine Aufstellung vor der Kapelle ein. Und wer es nicht besser wusste hatte den Eindruck, einen entsetzten Gesichtsausdruck auf der Front des kleinen Gemäuers zu erkennen.

     

    Nicki und Dexter hatten den Nonnengarten erreicht. Da sie das Abrissfahrzeug hörten, fingen sie an zu rennen, als ginge es um ihr Leben.

     

    "Hören sie das auch?", fragte Jeanie den Meister.

    "Das Motorgeräusch? Ja. Vielleicht wäre es besser, wir gehen wieder hoch zum Glockenturm und winken runter."

    "Ja, glaube ich auch."

    Zügig kletterten Jeanie und Rufes wieder nach oben und schoben die Steinplatte beiseite. Es war niemand außer ihnen hier. Nosferatu hatte sich schon vor ein paar Minuten in Sicherheit gebracht und war aus der Kapelle geschlüpft.

    Gentlemanartig half Jeanie dem Meister aus der Gruft.

     

    Die Abrissbirne schwang zurück. Da kamen zwei Jungs auf den Menschentrubel zu gerannt, von denen einer blond war. Er schrie so laut er konnte: "Nein! Stopp! Da sind noch Leute drinnen!"

    Nur mit Mühe bekam Chicomocomoco den Jungen an der Jacke zu fassen und riss ihn rüde zurück. "Du kannst da jetzt nicht reingehen, Junge! Siehst du nicht, dass das Gebäude abgerissen wird?"

    "Aber da sind noch welche drinnen! Jeanie! Meister!", Nicki war außer sich und konnte sich von dem Polizisten nicht losreißen, so sehr er auch zappelte und um sich schlug. Da bemerkte er, dass Dexter wie erstarrt neben ihm stand. Dexters Augen folgten der Abrissbirne, die unaufhaltsam nach vorne an den Glockenturm schwang.

    "Nein! Nicht!", kreischte er.

     

    Ein schreckliches, tosendes Geräusch zerriss die angespannte Stille in der Kapelle. Jeanie und Rufes, die gerade zur Holztreppe unterwegs waren, blieben plötzlich wie versteinert stehen und starrten zur Decke, die ihnen entgegen fiel. Besonders Rufes stand ungünstig, denn ein Teil der Decke krachte genau über ihm zusammen.

    Und das konnte Jeanie natürlich nicht zulassen. Niemals würde sie ihre große Liebe im Stich lassen! Ohne zu überlegen, sprang sie auf Rufes zu und stieß ihn aus der Gefahrenzone. Das Dumme war nur, dass ihr nun keine Zeit mehr blieb sich selbst zu retten. Die schweren Steine begruben das dürre Mädchen unter sich.

    Leider waren ihre Bemühungen umsonst gewesen. Weitere Steine lösten sich von der Decke und fielen auf Rufes, der umknickte und ebenfalls zu Boden stürzte.

     

    Die beiden schreienden Jungen waren weder den Arbeitern noch Schwester Hildegard entgangen.

    "Was sagt ihr da? Es ist noch jemand drin? Fahrt die Abrissbirne zurück!", rief Schnauzer seinen Männern zu.

    "Ich rufe einen Krankenwagen", lies Anna verlauten und rannte in Richtung Klostergebäude. Die Polizisten waren hingegen weitgehend damit beschäftigt Violetta, Nicki und Dexter am betreten der Kapelle zu hindern.

     

    …und plötzlich war alles ganz still.

    Dafür war es jetzt heller in der Kapelle, da in der Decke ein großes Loch klaffte.

    Schmerzen, Schmerzen, es tat so weh. Jeanie hatte ein so furchtbar lautes Krachen in ihrem Brustkorb gehört und jetzt tat ihr das Atmen so weh. Jeder Atemzug war schlimmer als tausend Dolchstöße. Doch sie musste atmen! Jeanie dachte nur an Rufes, der verwundet neben ihr lag und sich nicht rührte. Sie musste es ihm sagen, jetzt oder nie! Es war die letzte Möglichkeit, jetzt bevor sie starb. Unter allergrößter Anstrengung öffnete sie den Mund und versuchte zu sprechen: "Hsssfff… " Sie versuchte es noch einmal: "Meister..."

    Rufes stöhnte.

    "Meister, ich muss ihnen etwas sagen." Wieder liefen Tränen, vermutlich ihre letzten.

    Rufes stöhnte erneut.

    "Ich liebe sie!"

    Maestro Rufes hatte grässliche Schmerzen und mit solchen Geständnissen zu solchen unpassenden Zeiten am allerwenigsten gerechnet. Er antwortete nur: "Ach so."

    Dann fühlte er Jeanies Hand nach seiner tasten. Sie fühlte sich feucht und klebrig nach Blut an. Er drückte sie trotzdem.

    Dann erschlaffte Jeanies Hand. Und seine ebenfalls.

     

    "Autsch! Du kleiner Bengel!", Chicomocomoco mochte es gar nicht, wenn ein Junge, der zwei Köpfe kleiner war, als er, ihm einen derartigen Stoß mit dem Ellenbogen in die Magengegend verpasste. Doch Nicki hatte es damit nun endlich geschafft, den Polizisten loszuwerden. Niemand hielt ihn mehr auf, als er in die Kapelle stürmte.

    Und der Anblick, der sich seinen Augen bot, war wesentlich schlimmer, als jemals vermutet. Beide lagen bewegungslos und unter schweren Steinen verschüttet.

    "NEEEEIIIIIIIIN!!!!!!"

    Schreiend und weinend warf sich Nicki zu seiner Jeanie und dem Meister auf die Erde.

    "Sie sind tot!", schrie er. "Sie sind tot!"

    Hektisch räumte er die Steine von Jeanies Brust und wiegte ihren Körper heulend in den Armen. Dexter, Chicomocomoco, Violetta, Schwester Hildegard, der Schnauzer und noch einige der anderen betraten langsam und still die Ruinen der Kapelle. Nicki sah schluchzend auf.

    "Sie sind tot", wiederholte er monoton. "Sie sind tot."

     

     

     

     

    Lieber Leser!

    Das ist die Stelle an der normalerweise die Werbung kommt. Oder FORTSETZUNG FOLGT. Doch diese spektakuläre Geschichte hat gleich zwei Enden:

    Für alle Pessimisten, die traurige Enden lieben, ist der Roman daher an dieser Stelle beendet. Die Liebende kam nie mit ihrem Schwarm zusammen. Dafür sind sie aber gemeinsam gestorben. Und das ist doch auch etwas. Hart und bitter, fast wie im richtigen Leben.

    Eigentlich reicht dieses Ende vollkommen, doch leider gibt es ja auch bestimmt viele Liebhaber von triefend schmalzigen Schnulzen unter Euch Lesern. Und ich finde, dass man auch Euch eine Chance geben sollte. Wenigstens eine kleine.

    Also schön.

     

     

    "Nein sie leben noch", sagte der Sanitäter, der den zwei Verletzten den Puls fühlte.

    "Wirklich?!", fragte Nicki. Dann fiel ein Blitzlichtgewitter auf ihn herab und jemand hielt ihm ein Mikro ins Gesicht: "Herr Klostergarten, was fühlen sie jetzt?"

    "Was ich fühle!?"

    "Kann nicht mal jemand die Presseleute nach draußen bringen? Ich versuche hier meine Arbeit zu machen!", fluchte der Sani.

    Mit leeren Blicken beobachteten Dexter und Nicki, wie Jeanie und der Meister auf eine Trage gelegt und in den Krankenwagen gebracht wurden. Rufes war inzwischen wieder aufgewacht und gab den Paparazzi ein Interview.

    "Es ist alles Oberschwester Hildegards Verschulden! Sie hatte schon seit langem geplant gehabt, diese idyllische Kirche, diesen Ort des Friedens und der Besinnung einfach zu vernichten. Selbstverständlich konnten meine Azubis und ich dieses nicht zulassen!"

    Jeanie hingegen regte sich nicht und Nicki konnte nur hoffen, dass sie jemals wieder aufwachte.

     

     

    Zwei Monate später.

    Der Frühling hatte St. Stilisten auch dieses Jahr nicht im Stich gelassen und war wie versprochen zurückgekommen. Die Vögel waren erstaunlicher Weise wiedergekehrt und auch die Blumen hatten sich nicht lumpen lassen und streckten ihre Hippie-Köpfe aus der Erde.  Die Bundesgartenschau wäre ihnen zwar lieber gewesen, als dieses blöde Kaff, aber in Stilisten zublühen war immer noch besser, als gar nicht zublühen...

    Der Nonnengarten war in neuem Glanz erstrahlt. Und auch die Kapelle.

    Wie gewohnt hockten Nicki und Dexter - der mal wieder verbotenerweise rauchte - auf den Eingangsstufen, während Maestro Rufes drinnen ein paar Blumengestecke richtete.

    "Mann, ich dachte, sie wollte heute noch vorbei kommen. Heut ist doch ihr Entlassungstag", jammerte Nicki.

    "Reg' dich ab, sie kommt schon noch", sprach ihm Dexter gut zu.

    "Hallo Jungs!"

    "Jeanie!"

    Stürmisch wurde das Mädchen von den beiden begrüßt. Sogar so stürmisch, dass sie beinahe umgefallen wäre, denn immerhin hatte sie noch einen dicken Gips am rechten Bein und musste an Krücken gehen. Und noch jemand stand an ihrer Seite: VATRA. Allerdings hatten sich Nicki und Dexter schon an den Dämon gewöhnt, da er die letzten Wochen mit Jeanie im Krankenhaus gewohnt hatte und immer anwesend war, wenn die beiden sie besucht hatten. Wahrscheinlich war VATRA auch der Grund, weshalb Jeanie viel früher entlassen wurde, als es eigentlich vorgesehen war.

    Heute war Jeanies großer Tag. Denn jetzt, wo endlich raus war, dass VATRA sie mit einem Liebesfluch belegt hatte, konnte Rufes helfen, denselben von ihr zu nehmen. Doch wenn sie zurück blickte, musste sie zugeben, dass sie vieles nicht erlebt hätte, wenn der Fluch nicht gewesen wäre. Immerhin hatte sie bei ihrer Odyssee ja auch ziemlich viel gelernt. Eins davon war, dass Dämonen und andere spiritistische Lebewesen eigentlich soweit ganz in Ordnung waren. Jedenfalls weitaus ungefährlicher als viele der Menschen, denen sie Einhalt gebieten sollten. Sie hatte auch gelernt, dass Vampire doch ein Spiegelbild hatten. Lingh zum Beispiel, bewunderte sein Antlitz von allen Seiten recht oft in Spiegeln. Und sie hatte in Erfahrung gebracht, dass es nur etwas Sekundenkleber bedurfte, um ein abgerissenes Mumienohr wieder anzukleben.

    Nun, mit VATRA war das so eine Sache. Jetzt, wo er bei ihr wohnte, hatte er es sich zum Hobby gemacht, Jeanie überallhin zu begleiten. Wenn sie mit Nicki und Dexter unterwegs war, gab es natürlich keine Probleme, da die Jungs über den Dämon bescheid wussten. Doch wenn Jeanie bei wildfremden Leuten mit diesem vermeintlichen Hund aufkreuzte, der dann auch noch anfing sarkastische Bemerkungen von sich zu geben, gab es etliche Schwierigkeiten. Jeanie behauptete in diesen Fällen immer, dass es sich bei VATRA um einen rumänischen Zirkushund handelte. Natürlich glaubte ihr das niemand ernsthaft, doch die meisten Leute zogen es vor, lieber nicht noch einmal nachzufragen. Nun, wer behauptete schon, dass das Leben mit einem Dämon einfach war?

    "Die Kapelle sieht ja super aus!", platzte es aus Jeanie heraus. Immerhin war der Glockenturm schon fast wieder vollständig aufgebaut. Um die gesamte Kapelle herum hatte man ein Stahlgerüst errichtet. Schließlich sollten bei der Renovierung keine Kosten gescheut werden. Man konnte sagen, dass sie das gammelige Gemäuer bereits jetzt schon in ein strahlendes Schlösschen verwandelt hatten.

    Nach Schwester Hildegards Skandal, der in allen Zeitungen gestanden hatte, war Bürgermeister Scheuerwich sehr bemüht gewesen seine Weste rein zu waschen und hatte einen Hilfsfond für die Kapelle ins Leben gerufen. Außerdem hatte er für Maestro Rufes einen Arbeitsvertrag auf Lebenszeit bei der Oberschwester ausgehandelt.

    Nun bliebe noch zu erwähnen, dass sich auch die Vampire bester Gesundheit erfreuten. Rufes hatte einzig den Steinplatten-Boden der Kapelle wohlwissentlich nicht renovieren lassen.

    Die einzigen Gearschten - außer Schwester Hildegard natürlich - waren die netten Leute von der Bildzeitung. Sie waren ziemlich eingeschnappt, weil Jeanie nun doch nicht tödlich verunglückt war, denn das hätte die Schlagzeile perfekt gemacht. Daher wurde die Nachricht von ihrem Überleben zur Strafe auch nur kurz als Randmitteilung erwähnt.

    "Hallo, mein Kind!", begrüßte Maestro Rufes Jeanie freundlich, als sie in die Kapelle trat. Sie hatte ihn so sehr vermisst, während der langen Zeit im Hospital...

    "Hallo", antwortete sie schüchtern. Ihr war die Situation etwas peinlich, nun wo er wusste, dass sie ihn liebte. Doch Rufes verzog keine Miene und kam gleich zur Sache: "Bist du bereit den Fluch endlich los zu werden?"

    "Na klar!"

    "Ich hoffe nur, dass es auch klappt. Einen Fluch zu bannen ist kein Kinderspiel."

    "Wem sagst du das?", fiel ihm VATRA heiter ins Wort. Rufes ignorierte ihn und wies seine Azubis an, sich in einen Kreis auf den Steinboden zu setzen - natürlich nahm VATRA neben Jeanie platz. In der Mitte des Kreises lagen schwere, alte Bücher, Rosenkränze und Massen Weihwasser. Zudem duftete der Raum nach Weihrauch und war mit zahlreichen Kerzen dekoriert. Rufes hatte schon alles bestens vorbereitet.

    Nun setzte sich auch der Meister dazu und lies erst eine stimmungsvolle Stille entstehen, bevor er anfing zu sprechen: "Vorweg eine Frage an den Dämon: Bist du dazu fähig, deinen ausgesprochenen Fluch wieder zurückzunehmen?"

    "Eine Antwort an den Alten", sprach VATRA und nahm befriedigt war, wie die Azubis, bei dieser Respektlosigkeit Rufes gegenüber, eingeschüchtert zusammenzuckten. "Ein Fluch kann niemals zurückgenommen oder gebrochen werden - das weißt du doch. Hähä. Und erst recht nicht von mir. Flüche leben, sind sie einmal ausgesprochen. Oh, manche meiner Flüche werden von einigen Familien stolz von Generation an Generation weiter gegeben." Dann drehte er seinen zerfledderten Schädel zu Jeanie und meinte: "Tut mich echt leid für dich, Puppe."

    "Aber man kann den Fluch umleiten", warf Rufes ein. VATRA nickte: "Einige erfahrene Kirchenleute können es. Hast du so etwas schon einmal gemacht?"

    "Nein, aber es wird schon klappen."

    Dexter fühlte sich etwas unwohl und rutsche ein Stück nach hinten: "Aber auf wen wird der Fluch denn dann umgeleitet?"

    "Darauf habe ich keinen Einfluss. Der Fluch wird sich die Person selbst aussuchen", sagte Rufes.

    "Viel Glück, Leute. Ich wollte schon immer mal bei so etwas dabei sein!", erklärte der Dämon.

    "Nun denn", begann Rufes. "Komm in die Mitte des Kreises und ziehe die Rosenkränze über, Jeanie." Sowie sie seiner Aufforderung Folge geleistet hatte, überschüttete er das erschrockene Mädchen mit einem Eimer Weihwasser.

    "So, das müsste reichen."

    Da ging plötzlich die Kapellentür auf. Violetta stand draußen: "Hey Jeanie! Geht'ss dir wieder gut?"

    "Wir sind gerade etwas beschäftigt, Vio", erklärte Jeanie. Doch Violetta lies sich davon keineswegs abhalten und machte Anstalten hineinzukommen. Da erbarmte sich Dexter, der sie immer noch so wenig leiden konnte wie einen Flugzeugabsprung ohne Fallschirm, und lief vor zur Tür, um sie abzuwimmeln.

    Nun war die Sitzung durch ihre Diskussion zwar erheblich gestört, doch der Prediger machte trotzdem weiter. Er hatte Hunger und wollte möglichst schnell Feierabend machen.

    Daher fing er an, einen solch alten lateinischen Dialekt zu murmeln, den vermutlich noch nicht einmal der Fluch selbst verstand - aber es hörte sich gefährlich und drohend an.

    "Evanesco exsecrationis et daemon! Emittere castus virguncula. Evanesco exsecrationis et daemon! Emittere...."

    Und so weiter, und so weiter.

    "Weiche Fluch! Weiche!"

    Schllllllupf.

    Jeanie spürte deutlich, wie etwas aus ihrem Körper gekrochen kam. Genauer gesagt aus dem Bauch, dem Sitz ihrer Gefühle. Es fühlte sich eigenartig an und es zog an ihrem Inneren. Ängstlich klammerte es sich an ihre Seele, doch die Austreibungsformel scheuchte es unbarmherzig nach draußen. Egal, es hatte ihm sowieso nie so richtig hier gefallen...

    Dann starrten Rufes und Nicki mit offenen Mündern auf Jeanies Hand. Auch sie selbst richtete mit gesträubten Nackenhaaren ihren Blick darauf.

    Der Fluch war ein kleines, schwarzes Ding, so groß wie ein mittleres Buch etwa. Und er sah aus wie eine schleimige Mischung aus Tintenfisch und Scampi.

    "Oh, ich habe schon schönere ausgesprochen", kommentierte VATRA.

    Seine hässlichen Tentakeln ringelten sich. Es schien zu überlegen. Nicki und Rufes hielten die Luft an. Jeden konnte es treffen.

    Da blickte das augenlose Ding zu Dexter und Violetta hinüber...

     

    "Verpiss dich, Mann! Wir haben hier drinnen was Wichtiges zu tun!", fauchte der Grufti.

    "Ich will doch nur meine Freundin bessssuchen!", schimpfte Violetta.

     

    ...und traf eine Entscheidung.

     

    Dexter blieb plötzlich wie angewachsen stehen. Er hatte plötzlich ein ganz seltsames Gefühl. So als ob etwas Kaltes in ihn hineingekrochen wäre. Und als er wieder aufblickte, stand da plötzlich die schönste Frau der Welt vor ihm!

    "Du Violetta! Hast du die Haare anders? Du siehst ja so... so... hinreißend aus!", rief er fasziniert. Violetta erstaunte. So etwas hatte ihr Schwarm noch nie zu ihr gesagt!

    "Schön, dass esss dir endlich aufgefallen isssst..."

    "Ehrlich Vio!", Dexter konnte seine neue Erkenntnis gar nicht fassen. Früher hatte er sie immer für das hässlichste Mädchen der ganzen Klosterschule gehalten und jetzt auf einmal... . Fassungslos lief er um sie herum und beäugte sie noch näher: "Ja wirklich, du siehst total klasse aus! Warum hab' ich das vorher nie bemerkt? Gehst du heute Abend mit mir aus?"

    "Och... vielleicht..."

     

    Leicht belustig beobachteten Jeanie, Nicki, Rufes und VATRA die Szene an der Kapellentür. Irgendwie hatte es beinahe den Richtigen getroffen.

    "Sollen wir ihm sagen, dass es ihn erwischt hat?", fragte Nicki. Doch die Antwort stand allen schon in den Gesichtszügen geschrieben und so sagten sie alle gleichzeitig: "Nein."

    Jeanie strahlte über das ganze Gesicht. Sie war frei!

    Jetzt konnte sie wieder endlich all das tun, wozu sie Lust hatte und war nicht mehr an diesen dummen Fluch gebunden. Überglücklich lies sie ihren Blick in der Kapelle umherschweifen, die ihr nun plötzlich in einem ganz neuen Licht erschien.

    Huch! Wer war denn der alte Mann, der da direkt vor ihr saß? Oh nein!

    "Weshalb starrst du mich so an, Jeanie?", wollte Rufes wissen.

    So sah der Meister also in Wirklichkeit aus. Jeanie wurde auf einmal ganz übel als sie an die vielen erotischen Phantasien dachte, die sie sich mit ihm ausgemalt hatte. Egal ob vaginal, vertikal oder horizontal! Igitt!

    Dann fiel ihr Blick auf Nicki, der sie wie immer liebevoll anlächelte. Waren ihr eigentlich schon vorher die niedlichen Grübchen aufgefallen, die er um die Mundwinkel hatte?

    Da tat sich schon wieder so ein Gefühl in ihrem Bauch. Und diesmal war es ein echtes. Nicki bemerkte den Blick und lächelte noch breiter: "Wie geht es dir?"

    "Gut."

    Dann spiegelte sich Unsicherheit in seinen Augen und er startete aufgeregt stammelnd einen letzten Annäherungsversuch.

    "Du sag' mal, ähm... Jeanie. Hättest du vielleicht Bock mit mir Eisessen zugehen. So zur Feier des Tages?"

    "Ja gerne!", antwortete das Mädchen.

    Nicki konnte sein Glück nicht fassen: "Ich hol' dich dann gegen drei ab, okay?"

    "Passt mir gut!"

    "Mir auch", sagte VATRA. "Ich komme mit."

     

    "Nein Ehrlich, wie du dich bewegst und dir durch' s Haar fährst, das ist so süß!", rief Dexter begeistert. "Und dein Sprachfehler, der ist total niedlich!"

    Dann hielt er kurz inne und überlegte: 'Mein Gott das darf doch nicht war sein, aber ich glaube, ich liebe Violetta!'

     

    Rufes war schon lange aufgestanden und hatte seine Utensilien verräumt, als Nicki und Jeanie immer noch da saßen und sich unterhielten. Verträumt blickte Jeanie den Jungen an.

    'Ich glaub, ich bin verliebt! Schon wieder! Verdammt, geht das schnell bei mir.'

     

    Auch zwei Meter tiefer, direkt unter ihnen, blickte jemand verträumt in die Finsternis seines Sarges.

    "Und ich", sagte Drake, "Ich liebe happy ends!"

  • Kapitel 17b

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    Die Friedhofsclique 17b

    Als Jeanie beschloss zu sterben

    Eine kurze Anmerkung vorweg.

    Dieses Kapitel hat völlig absichtlich 13 Seiten.

    Denn so viel Pech hätten die beteiligten Personen sonst gar nicht haben können.

     

     

    Müde und schlaftrunken kam Jeanie aus dem Badezimmer getapst. Sie hatte mal wieder fast die ganze Nacht lang kein Auge zudrücken können, weil sie sich so sehr nach dem Meister gesehnt hatte.

    Sie frühstückte nicht, sondern schenkte sich nur ein Glas mit kühlem Orangensaft ein. Da entdeckte sie einen Zettel von ihrer Mutter auf dem Küchentisch:

     

    ‚Guten Morgen Jenny,'

     

    Ungläubig las Jeanie die Kopfzeile dreimal. Aber da stand tatsächlich immer noch ‚Jenny'!

    Das Mädchen zitterte vor Wut. Ja, es war wirklich nur noch eine Frage der Zeit gewesen, bis ihre Mutter schon ihren Namen aus dem Gedächtnis verdrängt hatte….  Und weiter stand da:

     

    ‚ich habe heute Abend ein paar Kollegen vom Klinikum zu Besuch, um eine Tupperparty zu veranstalten.'

     

    Jeanie überlegte: ‚Tupperparty… was soll das denn sein? Ist das was Unanständiges…?'

     

    ‚Es wäre schön, wenn Du heute Nacht wo anders schlafen könntest.

    Mit freundlichen Grüßen.

    Irene'

     

    „Danke, dass du mir immer wieder vor Augen führst, wie unwichtig meine Existenz für dich ist", murmelte sie wütend und zerknitterte das Papier. Und nun war noch nicht einmal VATRA da, um sie vielleicht zu trösten oder abzulenken, denn er befand sich schon seit Tagen im Schattenreich, um dort irgendwelche alten Freunde wieder zu treffen. Ein Blick aus dem Fenster verriet ihr, das es ein wunderschöner sonniger Tag werden würde. Was für eine Unverschämtheit! Sollte es an so einem miesen Tag nicht wie aus Kübeln regnen?! Tja, doch der Sonne war Jeanies Gemütszustand leider relativ egal.

     

    Lustlos schwang sie sich auf ihr altes Rad und machte sich auf den Weg zur Kapelle. Wenigstens lauerte ihr an diesem schrecklichen Morgen nicht auch noch Zecke, der Satanist, auf. Denn der befand sich nun schon seit einigen Wochen in der geschlossenen Nervenheilanstalt in Neuanstätten. Und so wie es aussah würde er  da wohl auch nicht mehr so schnell hinauskommen. Was für ein zart besaitetes Weichei, wenn er sich so von einem Dämon fertig machen lässt… .

     

    An der Kapelle angekommen, lehnte sie das Rad gegen einen Grabstein und ging in schnellen Schritten auf das baufällige Gemäuer zu. Sie wollte nur noch Maestro Rufes sehen. Wollte etwas Nettes von ihm hören. Vielleicht nahm er sie ja mal in die starken Arme, wenn sie etwas besonders gut gemacht hatte? Vielleicht hatte er ja gute Laute und schenkte ihr ein Lächeln….

    Traurig griff sie nach den Türgriffen des Kapellentores. ‚Oh Mann, Rufes, wenn Du nur wüsstest, wie sehr ich dich liebe…'

    „Hey Jeanie!", rief ihr da Dexters Stimme hinterher. Sie kam irgendwie von weiter hinten und unten. Das Mädchen drehte sich um und sah den Grufti mit einer Schippe in der Hand in einem frisch ausgehobenen Grab stehen. Was für ein gewohntes Bild. Nur, dass das Grab diesmal etwas fernab von den anderen Gräbern im angrenzenden Wäldchen ausgehoben war.

    „Na, alles klar?", es war eine Begrüßung und keine Frage.

    Jeanie trottete langsam zu ihm hin. Sie zögerte: "Hmm, also wenn du's wirklich wissen willst…", sie überlegte. „Sag mal, hast du ne Ahnung, was 'ne Tupperparty ist?"

    Dexter zog die Augenbrauen zusammen: „Tupperwaren… sind das nicht so Plastikschüsseln?" Dann fing er an zu grinsen: „Hey, wahrscheinlich hocken die da alle um eine bunte Plastikschüssel rum und wichsen rein!"

    Jeanie verstand gerade gar keinen Spaß: „Das war ja so klar, dass von dir so 'ne Antwort kommt."

    „Naja, ist auch egal, " murmelte Dexter, „aber weißt du schon das Neueste?"

    Das Mädchen zuckte die Achseln.

    Dexter wurde ernst: „ Ich hebe gerade ein Loch für einen deiner ehemaligen Klassenkameraden aus."

    „Waaaas?!"

    „Komm mit, ich zeig ihn dir."

    Still traten die beiden in die Kapelle ein. Vor dem Altar war ein Leichnam aufgebahrt. Jeanie war schockiert. Sie erkannte den Michael aus ihrer Klasse sofort. Sie erinnerte sich an die Gläserrückseance damals. VATRA hatte dem Jungen den Tod in einigen Monaten prophezeit. Und nun lag er wirklich da.

    „Aber wie ist das passiert?", piepste sie heiser.

    „Der hatte wohl keinen Bock mehr. Hat sich das Leben genommen. Carpe Diem! Deshalb kommt sein Grab auch in den Wald und nicht auf dem Friedhof. Selbstmörder dürfen nicht in geheiligte Erde", erwiderte Dexter. Als sie weiter an Michael hinunter schaute, fiel ihr etwas Makaberes auf: „Was hast du mit seinen Händen gemacht?!"

    Da fingen die Augen des Totengräbers wieder begeistert an zu stahlen: „ Pass auf! Das ist meine neue Fuck-Off-Methode. Normalerweise werden die Hände der Toten auf der Brust gefaltet und man legt einen Rosenkranz zwischen die Finger, du weißt schon, der übliche Krempel. Aber jemand der sich selbst das Leben genommen hat, würde diesen friedlichen Abgang sicher nicht wollen, oder? Aber so, kann der Tote immer noch zeigen, was er von der ganzen, beschissenen Welt gehalten hat!"

    Naja, irgendwie klang das schon logisch. Trotzdem war das ein eigenartiger Anblick einen Toten mit auf der Brust gekreuzten Unterarmen zu sehen; vor allem wenn er die Hände gefaustet hielt und nur die beiden Stinkefinger in die Länge streckte.

    „So hätte das der Tote gewollt!", bekräftigte Dexter seine neue Bestattungs-Methode.

    „Irgendwie haste ja recht", musste Jeanie zugeben. „Was soll's? Schlimmer kann es jetzt echt nicht mehr kommen. Ich schnapp mit jetzt ein paar weiße Lilien und sag dem Meister ‚Hallo'."

    Dexter warnte sie: „Pass auf, der ist schlecht drauf."

    „Passt schon. Das bin ich auch."

     

     

    Wunderbar! Der Papierstapel mit den aufgeräumten Akten wuchs immer höher. Es hatte sich durchaus gelohnt, dass Rufes an diesem Morgen etwas früher aufgestanden war, um sein Büro auszumisten. Auf diese Weise stand ihm auch nicht ständig das pubertierende Mädchen zwischen den Füßen rum. Sie meinte es ja Gott weiß nur gut, doch wenn in seinem Büro alles mit frischen Blumensträußen zugestellt war, ging das Rufes ziemlich auf den Nerv. Und Aufräumen war eine Arbeit, die wohl niemand gerne tat, aber so etwas konnte man leider auch nicht auf die Azubis abwälzen.

    Nun ja, eigentlich war dieser Stapel auch genug für heute. Hmm, da fiel ihm auf, dass der Stapel genau vor der Tür stand. Oh, wenn jetzt jemand herein käme…

     

    „Guten Morgen, Meister!", in einer Sekunde stieß Jeanie die Türe schwungvoll auf und trat mit ihrem Lilienstrauß ein. Der Widerstand vor der Tür war ihr kaum aufgefallen, aber als plötzlich ein ganzer Berg Papiere total durcheinander vor ihr auf dem Boden lag und Rufes entsetzt darauf starrte, bekam das Mädchen eine üble Vorahnung.

    Rufes holte tief Luft. Es war außer sich vor Wut: „Du hirnlose, törichte Göre! Das war eine Stunde Arbeit, die du gerade zu Nichte gemacht hast. Raus hier, aber schnell!"

    Das Mädchen hatte vor lauter Schreck die Lilien fallen lassen. Sofort stiegen ihr die Tränen in die Augen: „Ich, ich…"

    „Und bete sieben ‚Vater unser' zur Vergebung deiner Sünden!"

    Ein schreckliches Gefühl breitete sich in dem Mädchen aus. Sie schämte sich so sehr, dass sie unbedingt von hier weg musste und rannte weinend aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Auf halbem Wege traf die der Blumenstrauß am Kopf.

    „Und deine übel riechenden Lilien kannst du auch behalten, davon bekomme ich ohnehin nur Kopfschmerzen!"

    Niki, der gerade in der Kapelle stand, bekam die Szene am Rande mit. Er wollte noch etwas zu dem Mädchen sagen, doch sie sauste zu schnell an ihm vorbei.

    „Warte…!"

    Zu Tode betrübt schnappte sie sich ihr altes Rad und fuhr los. Tränen verschleierten ihr die Sicht. Sie hatte das dumme Gefühl, das sich die ganze Welt gegen sie verschworen hatte. Gottes Wege waren nicht unergründlich. Sondern wie ein grausames Labyrinth mit tödlichen und schmerzhaften Fallen. Ein Labyrinth aus dem man nicht herauskommt. Niemals, denn Gott war ein Sadist…

    …. außer wenn man den Notausgang aus dem Labyrinth nahm… Jeanie griff den Gedanken wieder auf, den sie schon so oft gehabt und immer wieder verworfen hatte. Aber warum denn weiter machen, wenn ihre große Liebe, sie doch nie erhören würde?

    Jeanie konnte das alles einfach nicht mehr ertragen. Dieser Fluch der auf ihr lastete, diese große Bürde auf ihren schmalen Schultern.

    Und die Sonne schien hell und lieblich.

    ‚Ich will tot sein! Ich will tot sein! Und zwar jetzt sofort!'

    Das Mädchen trat in die Pedale. Es gab jetzt kein zurück mehr. Schon zu oft, hatte sie sich vorgestellt, wie schön es wäre, wenn sich alle Probleme plötzlich in Luft auflösten. Wie ein Notausgang aus ihrem Leben.

    Nach ein paar Tritten in die Pedale hatte sie bereits die Klosterpforte durchquert. Dann ging es die düstere Allee hinunter. Auf ihrem Heimweg musste sie auch die größte Kreuzung von Stilisten überqueren. Sie hatte ‚Vorfahrt achten!' und der ganze Durchgangsverkehr nach Lutheringen fuhr hier vorbei. Als Radfahrer musste man hier gut aufpassen, denn da die St. Stilistener Bevölkerung die 60er Marke schon gut überschritten hatte, war das Reaktionsvermögen der hiesigen Autofahrer deutlich verlangsamt.

    Jeanie sah die Kreuzung auf sich zukommen. Was für eine passende Gelegenheit.

    Ja, jetzt war es soweit…. Es kamen jährlich 9000 Menschen in Deutschland nur durch Verkehrsunfälle ums Leben. Warum sollte sie nicht auch einmal zu den Glücklichen gehören?

    Plötzlich wich ihre innere Zerrissenheit einem Gefühl von ruhiger, kühler Entschlossenheit.

    Es war zu Ende. Jetzt.

    Sie trat noch zweimal kräftig in die Pedale und als sie die Kreuzung erreichte, hielt sie sich mit der linken Hand die Augen zu. Obwohl sie hinter dem Tränenschleier sowieso nicht mehr viel gesehen hätte. Dann trat sie nicht mehr und ließ sich nur noch rollen….

    Alles war ganz still. Der Augenblick dauerte Ewigkeiten. Wie in Zeitlupe fuhr sie dahin…nichts geschah…

    …das nächste was sie hörte war ein lautes Hupen, ein Bremsen quietschen und ein lautes Krachen mit dem Bersten von Glas.

    Jeanie zog die Hand von den Augen und warf erschrocken einen Blick zurück auf die beiden Autos, die ihretwegen bremsen mussten und nun einen Auffahrunfall hatten. Die Fahrer stiegen wütend aus den Wägen und schauten sich nach der Übeltäterin um.

    Uuuups! Das roch glatt nach Ärger.

    Da trat das Mädchen gleich noch viel schneller in die Pedale und behielt die Augen diesmal aber vorsichtshalber offen.

    Zu Hause war mal wieder der Aufzug ausgefallen und sie konnte bis zum vierten Stock die Treppe hoch latschen. Als sie die Haustüre aufschloss und eintrat, bemerkte sie, dass sie nicht alleine war. Ihre Mutter war seltsamerweise ebenfalls da. Irene erschrak regelrecht, als da plötzlich ihre Tochter in der Tür stand.

    Schweigend sahen die beiden sich einige Sekunden lang an. Es sah so aus, als wäre es Irene unangenehm, ihrem Sprössling über den Weg zu laufen. Sie versteifte sich etwas und hielt den Atem an.

    Jeanie sagte schließlich: „Hallo Irene."

    „Hallo." Irene schien nicht recht zu wissen, über was sie mit ihrer Tochter reden sollte. „Du hast den Zettel gelesen?"

    Sofort stieg wieder die Wut auf: „Ja, und meine Name ist übrigens ‚Jeanie'!"

    Irene räusperte sich und krampfte die Hände in einander. Jeanie stampfe auf ihr Zimmer.

    Also dann. Weiter zur Tagesordnung. Das Mädchen hielt weiterhin an ihrem Plan fest. Heute war der letzte Tag vom Rest ihres Lebens. Nur, wie sollte sie es anstellen? Das mit der Verkehrskreuzung war ja keine so gute Idee gewesen…. Da erinnerte sie sich an einen Film, wie jemand mit einem Fön in der Badewanne ermordet wurde. Ein kurzer, schneller Stromschlag. Ein rasches Ende, ohne lange dabei leiden zu müssen.

    Jeanie verließ ihr Zimmer und ging ins Bad. Sie ließ sich Wasser ein. Da fiel ihr ein, dass vor kurzen der Fön kaputt gegangen war… hmm… und die elektrische Zahnbürste war zu klein. Aber der Toaster würde es wohl auch tun, oder?

    Mit trockener Kehle schlich sie sich in die Küche und nahm den Toaster. Ihre Mutter, die gerade etwas kochte, nahm keine Notiz von ihr.

    Im Bad schloss Jeanie die Türe hinter sich. Sie stellte das Wasser ab und setzte sich samt den Kleidern und Schuhen in die Wanne. Komisches Gefühl. Sie steckte den Stecker des Toasters in die Steckdose und stelle das Ding auf die höchste Stufe.

    Etwas ängstlich blickte sie auf die glühenden Stäbe. Ob es wohl sehr wehtun würde? Ob sie vielleicht doch etwas länger leiden würde? Sie bekam weiche Knie, doch ihr Entschluss stand fest. Auch, wenn es etwas wehtat, alles war besser, als dieses beschissene Leben!

    Bei drei wollte sie den Toaster fallen lassen. Okay…

    1…..

    2…

    3!

    Das Mädchen ließ den Toaster los. Da ging plötzlich die Tür auf!

    „Jeanie?", erklang Irenes Stimme. „Weißt du wo…"

    Das Mädchen fing den Toaster gerade noch rechtzeitig mit der linken Hand auf.

    „…der Toaster ist…", murmelte Irene verwirrt. Nun, dass ihre Tochter da angezogen mit einem Toaster in der Wanne saß, stimmte sie etwas nachdenklich. Beide sahen sich eine Weile irritiert an. Jeanie wusste nicht, wie sie sich da rausreden sollte.

    „Du… Jeanie… ähm… ist dir vielleicht das Badewasser zu kalt? Ähm… weißt du, das mit dem Toaster kann eventuell gefährlich werden. Außerdem… brauche ich ihn für meine Partyschnittchen."

    Zaghaft nahm sie Jeanie das Gerät aus der Hand. Mit in Falten gelegter Stirn warf sie noch einmal einen Blick auf ihre Tochter, die nach wie vor mit den Kleidern in der Wanne saß. „Tja, hast du vielleicht ein Problem? Ähm… willst Du vielleicht mit mir reden?"

    Eine leise Hoffnung huschte über das Gesicht des Mädchens. Konnte es sein, dass ihre Mutter sich wirklich für ihre Probleme interessierte? Jeanie schluckte einen Kloß hinunter und holte tief Luft. Sie wollte es riskieren: „Tja, also das ist so…"

    „Oh warte!", rief Irene. „Ich muss aber noch schnell Streichkäse und Leberwurst für die Schnittchen besorgen und der Supermarkt macht gleich zu. Erzähl's mir doch nachher. Tschüss!"

    Irene lief aus dem Bad und verlies fluchtartig die Wohnung.

    Jeanie stiegt frustriert aus der Wanne und die riesen Wut stieg wieder in ihr auf. Sie zitterte und fühlte sich unruhig und triebig. Es musste etwas geschehen. Jetzt.

    Sie fühlte sich so angespannt und aufgeregt, als müsste sie gleich explodieren. Nervös lief sie in ihren nassen Klamotten in der Wohnung auf und ab. Sie lief vom Badezimmer in ihr Schlafzimmer, dann in die Küche und das Schlafzimmer ihrer Mutter und zurück ins Wohnzimmer. Die gleiche Runde wiederholte sie noch dreimal. Hauptsache nicht still stehen….

    Sie glaubte etwas in den Zimmern zu suchen, wusste aber gar nicht was, bis ihr klar wurde, dass sie einfach nur in Bewegung bleiben wollte. Schließlich setzte sie sich in die Küche, schlug die Beine übereinander und hippelte mit den Füßen rum. Ihr Adrenalinspiegel kochte. Suchend sah sie sich um. Ihr Blick fiel auf die Schublade mit den Küchenmessern. Da hatte sie eine ganz eigenwillige Idee…

    Sie nahm eins der schönen, blanken Edelstahlmesser heraus. Ihre fahle, blasse Haut spiegelte sich in dem silbernen Glanz des Messers wider. Ohne lange zu überlegen hielt sie das Messer an ihren Unterarm und schnitt sich. Sie wollte nicht die Pulsadern zerschneiden, sondern einfach nur die Haut und etwas Fleisch durchtrennen. Der Schnitt war nicht besonders tief. Jeanie zuckte dabei nicht einmal zusammen und führte ihre Tat ohne jede Regung, fast wie ein wissenschaftliches Experiment durch.

    Ja, es tat weh! Aber es tat auch gut! Das Blut sprudelte warm und lebendig aus der Wunde heraus und lief ihr über das Handgelenk und den Arm. Seltsam, dass man die Wärme des eigenen Blutes nie so deutlich unter der Haut spüren konnte, sondern sich erst wehtun musste, um zu spüren, dass man lebte!

    Und plötzlich stand die Zeit wieder still. Die Welt drehte sich langsamer, als vorher. Das Mädchen beruhigte sich ein wenig. Sie legte das Messer bei Seite und drückte die Wunde ab.

    Da kam ihr der Gedanke, sich gänzlich die Pulsadern zu durchtrennen. Ein beinahe romantisches Bild drängte sich ihr in den Schädel. Sie sah sich selbst leblos auf ihrem Bett liegen. Sie trug ein wunderschönes weißes Kleid mit Rüschen, Borten und Stickereien. Fast wie ein Brautkleid. Aus ihren Handgelenken floss frisches, helles Blut und färbte das makellose Kleid scharlachrot. Jeanies dunkle Augen waren offen und glänzend, aber ohne Leben.

    Was für ein schaurig-theatralischer Abgang! So wollte sie es machen! Hmm, aber wo zum Teufel bekam sie jetzt ein weißes Kleid her? Und außerdem dauerte das Ausbluten zu lange. Das war sicher kein schöner Tod, wenn einem mit jedem Herzschlag die Kraft etwas mehr verließ…

    Sie verwarf den Gedanken wieder und begann erneut Pläne zu schmieden...

    Da beschloss sie, sich von der Brücke zu stürzen. Das hörte sich nach einem kurzen, soliden Ende an. Sie verließ das Haus und schwang sich auf das Rad. Am Ortsausgang von St. Stilisten gab es eine ca. 30 Meter hohe Brücke, die den Überweg über eine Autobahn bildete. Das müsste jawohl reichen.

    Jeanie trat kräftig in die Pedale und hielt dann mitten auf der Brücke an. Sie stellte das Rad an die Seite, damit die vorbeifahrenden Autos nicht anhielten und wankte zum Geländer. Nachdenklich blickte sie auf die Autos, die tief unter ihr entlang fuhren. Diesmal konnte nichts schief gehen und aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei.

    Jeanie weinte nicht mehr, aber sie war unendlich traurig. Und so ausgebrannt und leer. Schweigend stieg sie über das Geländer und hielt sich rücklings mit den Händen fest. Ihre Gedanken kreisten um Rufes. Jetzt würde er es nie erfahren. Sie würde das Geheimnis mit in ihr Grab nehmen. Ihr Grab… war wahrscheinlich dann abseits von den anderen, so wie es sich für Selbstmörder gehörte. Dann dachte sie an Dexter, wie er sich mit einer Schere in der Hand über ihre Ohren und sonstigen Körperteile hermachen würde. Und Nosferatu, der an den abgeschnittenen Stellen ihres Leichnams herum knabberte. Und Niki, der traurig am Grab stand. Und ihre Mutter, die wohl erst von ihrem Tod erfahren würde, wenn die Todesanzeige in der Zeitung stand.

    Und Drake, ihr einziger Freund…

    Und wieder Rufes, mit dem sie nun in ewiger Liebe verbunden sein würde.

    Sie wartete darauf, dass ihr Leben, wie ein Film an ihr vorbei zog, aber nichts geschah. Vermutlich passierte das erst, wenn sie denn losließ.

    Sie versuchte ruhig zu atmen. Sie würde sich nach allem was ihr so wichtig und heilig gewesen war nicht mehr umdrehen. Keine Reue und keine Tränen mehr. Nie mehr.

    Sie löste die rechte Hand und hing nun etwas schräger über der Autobahn.

    Die Autos fuhren. Sie löste Daumen und Zeigefinger der linken Hand. Und gleich auch die restlichen…

     

    Da hielt plötzlich ein Auto an.

    „Hey Jeanie, wie geht's?", rief eine Stimme im Innern des Autos.

    Was war denn nun schon wieder? Konnte man hier nicht einmal in Ruhe sterben?!

    Jeanie schnaubte wütend, hielt sich wieder mit beiden Händen fest und drehte sich um. Das Mädchen wollte ihren Augen nicht trauen. Da stand Dexters Polo neben ihr. Aber nicht Dexter saß darin, sondern die Novizin Anna. Und die hatte noch nicht einmal einen Führerschein.

    „Genießt du die Aussicht?", wollte Anna wissen.

    „Von wegen!", fauchte Jeanie und stieg wieder zurück auf festen Boden.

    „Warum sind denn deine Kleider nass?", fragte Anna weiter. Anstatt zu antworten stellte Jeanie eine Gegenfrage: „Was machst du denn in Dexters Auto?"

    „Das war 'ne Wette zwischen mir und Violetta", erklärte Anna. „Sie dachte, ich traue mich nicht, Dexter den Autoschlüssel aus der Tasche zu klauen und 'ne Runde zu drehen. Aber wie du siehst, traue ich mich doch!"

    „Aber du kannst doch gar nicht fahren!"

    „Du siehst doch, dass ich das kann!"

    Nun, das hätte Jeanie ihrer Freundin nun wirklich nicht zugetraut, da Anna sonst eher schüchtern und zurückhaltend war. „Dexter dreht dir den Hals um, wenn er das merkt…"

    „Och, der muss dem Meister noch beim Akten rum tragen helfen. Bis der fertig ist, bin ich schon längst wieder da. Na komm schon. Spring rein! Das wird lustig!"

    Jeanie zuckte die Achseln. Mit etwas Glück fuhr Anna ja vielleicht gegen einen Baum oder so. Vielleicht war das auch einfach eine Ablenkung. Sie stieg ein und Anna fuhr – nach dem sie ein paar Mal den Motor abgewürgt hatte – mit Vollgas los.

    Anna schlingerte einige Male gefährlich nahe zum Gegenverkehr, aber die beiden fanden das recht ulkig. Da schaltete sich der Verkehrsfunk ein:

    „Regionalnachrichten. In St. Stilisten wurde die Sparkasse von maskierten Bankräubern überfallen. Wie viel die Täter erbeuteten ist noch unklar. Die Täter befinden sich zurzeit noch auf der Flucht. Bitte nehmen Sie daher keine – „

    Anna fand die Nachrichten langweilig und stopfte eine von Dexters CDs in den Player. Jeanie überlegte: „Das ist aber eigenartig. Wer raubt denn unsere kleine Sparkasse aus?"

    „Irgendwelche Spinner", erwiderte Anna und drehte den CD Player lauter – wobei das Auto wieder schlingerte. Das Lied, welches ertönte, hieß ‚Eichensarg' und wurde von der Gruppe ‚Eisregen-ohne-Schirm' mit einer aggressiven, männlichen Stimme gesungen. Es klang ungefähr so:

     

    ‚Heute ist ein guter Tag zum sterrrben.

    Vor mir liegt mein ganzes Leben in Scherrrrben.

    Ich steig hinab in das leere Grrrarb.

    Leg mich hinein in meinen Eichensarrrrg.'

     

    Jeanie wunderte sich nicht über den merkwürdigen Zufall. Ihr passierte so etwas ständig.

    „Geiles Lied, ne?", freute sich Anna.

    „Genau", murmelte Jeanie. Ihre Stimmung war auf dem absoluten Tiefpunkt. Jetzt konnte es nicht mehr schlimmer kommen.

    Aber es kam.

     

    „Sieh mal, da sind ja drei Anhalter!", rief Anna fröhlich.

    „Mir doch egal", grummelte Jeanie mit verschränkten Armen. Sie gab sich ihren düsteren Gedanken hin und sah die die Typen erst gar nicht an, als Anna schon rechts ran fuhr.

    Anna lachte geschmeichelt: „Wir machen nur 'ne Spritztour. Wollt ihr mit kommen?"

    „Aber klar doch!" Und schon zwängten sich die drei auf den Rücksitz. Anna fuhr los. Einen Moment lang sagte keiner etwas. Dann sagte der eine Typ, der mit Anna geflirtet hatte: „Na was für eine Überraschung! Hallo Jeanie!"

    Jeanie wurde abrupt aus ihren Gedanken gerissen. Eine dicke Gänsehaut legte sich auf ihren Nacken. Sie kannte die Stimme nur allzu gut.

    Erschrocken und leichenblass fuhr sie herum: „Zecke!!!"

    Es war nicht nur Zecke, sondern auch Dietrich und noch ein dritter Satanist.

    „Aber klar doch. Warum erschrickst du denn so?", meinte er unschuldig.

    „Anna, halt sofort an und schmeiß die Typen raus!!!"

    „Warum denn? Die sind doch ganz nett!"

    „Wirf sie raus! Sofort!"

    Anna wurde sauer. Es war für eine Novizin nicht gerade einfach an einen Typen und diverse sexuelle Erfahrungen heran zu kommen. Und wenn dann mal welche da waren und die Freundin sie vergraulen wollte, roch das nach Ärger. „Vergiss es! Wieso sollte ich die raus werfen?!"

    „Weil das die Satanisten sind, die mich ständig umbringen wollen!", da fiel dem Mädchen plötzlich ein, dass ihr diese Tatsache ja gar nicht so unrecht wäre. Andererseits war eine rituelle satanistische Opferung sicherlich sehr schmerzhaft…

    „Ja echt?", fragte Anna. „Das ist er also. Wie cool!"

    Und dann kam Zeckes Stimme ganz sanft von hinten: „Hör mal Jeanie, ich habe mich komplett geändert. Ich war in der Nervenheilanstalt von Neuanstätten und jetzt geht es mir viel besser!"

    Versöhnlich tätschelte er ihr auf die Schulter und sie zuckte dabei ängstlich zusammen. „Es war falsch von mir, dich töten zu wollen. Ehrlich. Schwamm drüber, hmm? Du willst doch nicht nachtragend sein, oder?"

    Jeanie konnte darauf gar nichts mehr sagen. Sie hockte stocksteif auf ihrem Sitz und sah sich plötzlich wie die Figur in einem Film über den sie keine Kontrolle hatte.

    „Du.. äh… Anna", wendete sich Zecke an die Fahrerin.

    Anna wunderte sich: „Du kennst ja meinen Namen!"

    „Klar, ihr Novis seid mir gut bekannt. Und wenn ich ehrlich bin, finde ich dich schon seit längerem ganz toll…"

    „Ja ehrlich?"

    „Oh ja! Hör mal, Anna, wie wäre es, wenn wir jetzt nicht zum Kloster zurück fahren, sondern nach Neuanstätten auf ein Eis?"

    „Klar gerne!"

    „Nein! Nein! Nein!", protestierte Jeanie. Doch sie wurde von allen beteiligten ignoriert. Und da sich Anna eine Autobahnfahrt nicht zutraute, hielt sie auf einem abgelegenen Parkplatz mit einer Tankstelle an, damit Zecke den Wagen weiter fahren konnte. Was für eine bekloppte Idee!

    Jeanie riss die Tür auf, sowie der Wagen zum Stehen kam. Doch bevor sie flüchten konnte, rief Zecke laut: „Dietrich! Humpf!"

    Und schon wurde sie von beiden gepackt und brutal gegen das Auto gepresst. Zecke holte seinen berüchtigten Dolch hervor und flüsterte dem Mädchen etwas ins Ohr: „Tja, seit einigen Wochen lässt mich zwar der Dämon in Ruhe, aber sicher ist sicher. Ich hoffe, du hast Verständnis dafür…"

    „Zumindest bist du höflicher geworden", bemerkte Jeanie.

    Nun war auch Anna ausgestiegen und konnte kaum glauben, was sie dort sah: „Aber Zecke was machst du denn da?!"

    Zecke schrak zusammen: "Ähm..... gar nichts....!"

    "Hilf mir Anna! Er will mich Satan opfern!", quietschte Jeanie.

    Anna war entsetzt: „Aber Zecke, wie kannst du nur einen Menschen töten wollen! Das ist Mord! Das ist das fünfte Gebot!"

    Der Satanist wurde etwas nervös und sagte schnell: „Ähm... meinst du? Ja.. vielleicht hast du Recht. Oh ja, es war falsch von mir. Tut mir echt leid Jeanie………." Er ließ den Dolch sinken und seine Kumpane lockerten ihren Griff. Dann wendete er sich wieder Anna zu: „Ähm… hör mal… Anna… wie wäre es, wenn du uns drüben an der Tanke 'ne Pepsi holst, und dann reden wir gemeinsam drüber? Wie wäre das?"

    Anna: „Gute Idee!" Sie lief los.

    Jeanie brüllte ihr noch ein „Aaaaaaaaaaaaaaaarggghhhhhhh!" hinterher, doch Anna lief zur Tankstelle.

    Da blaffte Jeanie den Satanisten an: „Ich warne dich! Ich habe heute einen sehr, sehr schlechten Tag!", und rammte ihm ihr Knie in den Unterleib. Er fiel doch immer wieder auf dieselben Tricks rein.

    Leider schien diese Reaktion auch Humpf und Dietrich zu erzürnen, so dass sie gleich über das Mädchen herfallen wollten. Doch da hörten sie eine glockenhelle und reine Stimme rufen: „Ich hab die Pepsis! Hatte ganz vergessen, dass ich noch welche einstecken hatte!"

    Anna hielt tatsächlich fünf Pepsi Flaschen in den Händen. Und weiß der Geier, wo sie die auf einmal her hatte!

    Sofort stoben die Satanisten auseinander und taten so, als wäre nichts gewesen. Nur Zecke konnte seinen schmerzverzerrten Gesichtsausdruck nicht unterdrücken.

    „Ich sehe, ihr habt euch ausgesprochen", stellte Anna frohlockend fest.

    „So ist es…", stöhnte Zecke und stieg etwas lädiert auf den Fahrersitz. Anna stieg hinten ein und die beiden anderen Satanisten sorgten dafür, dass auch Jeanie mit einstieg. Dietrich deponierte eine Plastiktüte, die er bei sich trug, in den Kofferraum und nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Humpf pflanzte sich zu den Mädels auf die Rückbank. Anna war immer noch sehr happy, dass ein einigermaßen attraktiver Typ sie zum Eis essen einlud und Jeanie hatte das Gefühl, dass sie so schnell nicht mehr aus dem Wagen kam.

    Zecke legte eine andere CD in den Player, fuhr auf die Autobahn in Richtung Neuanstätten und gab tüchtig Gas. Das Lied hörte sich so an:

     

    ‚In einer dunklen Gasse warte ich auf Dich,

    Ich schleich Dir hinterher und Du siehst mich nicht.

    Du spürst die Angst, Du willst von hier fort,

    Doch jetzt schlag ich zu an diesem finsteren Ort.

    Ich bin der schwarze Mann und komm dich holen….

    Ich bin der schwarze Mann und komm dich töten….'

     

    „Das ist scheiß Musik!", rief Jeanie genervt. Doch den Satanisten gefiel es scheinbar und Anna fand ja sowieso alles furchtbar aufregend.

    „Das war ja so klar, dass jetzt so etwas passieren musste…", murmelte Jeanie in ihr Schicksal ergeben.

    „Jetzt sei doch nicht so ein Spielverderber!", rügte Anna sie. „Du bist einfach nicht spontan!"

    Jeanie verschränkte die Arme.

    Da wurde ganz plötzlich der Verkehr dichter und sie kamen in einen Stau. Nichts ging mehr. Nun wurde Anna zum ersten Mal etwas unruhig.

    „Oh je… ich habe das Auto doch von Dexter geklaut… wenn wir jetzt im Stau stecken, kommen wir zu spät zurück…"

    Auch die anderen – bis auf Jeanie – wurden unruhiger.

    „Da ist eine Polizeisperre auf der Autobahn", stellte Dietrich mit seltsam hoher Stimme fest. „Was machen wir denn jetzt, Zecke?"

    „Keine Bange, ich habe alles im Griff!", erwiderte der Sohn des Bürgermeisters. Nach hinten rief er: „Anna? Jetzt pass mal auf, wie man das macht!"

    Dann lenkte er Dexters Polo zwischen die linke und mittlere Spur, dort wo die anderen Autofahrer einen Weg für die Rettungswägen offen ließen. Und Zecke tat das Unglaubliche!

    Er fing wie wild an zu hupen und trat aufs Gas! Anna, Dietrich und Humpf hielten sich die Augen zu. Jeanie nicht.

    Zecke wurde sogar noch dreister und kurbelte die Scheibe hinunter: „Eh! Weg da, ihr Ärsche! Ich hab's verdammt eilig!!!"

    Anna bekam es schließlich mit der Angst zu tun: „Du Zecke! Es macht nichts, wenn wir etwas später nach Neuanstätten kommen, okay? Du brauchst nicht so zu rasen!"

    „Halt die Klappe, Betschwester!"

    Anna zuckte erschrocken zusammen. Ängstlich suchte sie Jeanies Blickkontakt, doch die starrte ganz angestrengt ein Loch in das Sitzpolster vor ihr.

    Schließlich kam die Polizeisperre in Sicht. Doch anstatt langsamer zu werden, legte Zecke noch einen Zahn zu!

    „Halt an! Sofort!", kreischte Anna.

    Doch Zecke dachte nicht daran. Die Polizisten wurden auf den hupenden, schnell Wagen aufmerksam und stellten sich demonstrativ in den Weg. Hinter ihnen – direkt vor einem Autobahnkreuz - standen auch ein paar Absperrungen. Ein Polizist winkte mit einer Kelle. Ein anderer zog eine Waffe aus dem Halfter.

    Und Zecke trat das Pedal durch. Anna hob sich die Augen zu. Jeanie beobachtete amüsiert, wie die Polizisten zur Seite sprangen und zusehen mussten, wie der Teufelsanbeter ihre Sperre einfach überfuhr. Es rappelte ziemlich, s0 dass Anna kurz aufschrie. Und dann fiel ein einzelner Schuss, aber die Polizisten hatten keinen Reifen getroffen.

    Zecke preschte die Ausfahrt hinunter und war außer Schussweite. Doch die Polizisten sprangen in ihre Wägen und nahmen ihrerseits die Verfolgung auf.

    An Jeanie raste wieder einmal die Realität vorbei. Und sie konnte gar nichts tun. Aber es war ja eh bald alles egal, also konnte sie sich auch zurück lehnen und auf ein spektakuläres Ende hoffen.

    Zecke konnte nicht einfach weiter fahren, da ihn die Polizisten sonst früher oder später stellen würden. Es musste eine andere Strategie her. Ohne groß zu überlegen lenkte er den Wagen auf die Gegenspur der Ausfahrt und fuhr als Geisterfahrer auf die nächste Autobahn ein!

    Und natürlich kamen ihnen auch gleich viele andere Autos entgegen!

    „Aaaaaaaaaaaarghhh!"

    Alle -  sogar Zecke selbst – schrieen sich die Kehle aus dem Leib. Nur Jeanie nicht.

    „Mach doch! Mach doch! Das ist mir alles scheiß egal!", blaffte sie.

    Anna war total entsetzt. „Er wird uns alle umbringen!", schrie sie.

    „Na und? Ist doch schön!", rief Jeanie ungehalten zurück. „Du hättest ihn halt nicht mitnehmen dürfen!"

    Die entgegenkommenden Wägen hupten und versuchten erschrocken auszuweichen. Zecke fuhr genau in der Mitte durch. Er war fest entschlossen. Seine Augen waren zu Schlitzten verengt und er krallte die Finger so fest ins Lenkrad, dass seine Knöchel weiß hervortraten.

    „Wir machen jetzt einen schnuckeligen Ausflug in die Tschechei!", rief er selbstsicher.

    Dietrich und Humpf schrieen noch immer. Die Polizei war längst nicht mehr da.

    Da bog Zecke endlich quer über die Autobahn ab – der Wagen wäre dabei fast umgekippt – und raste auf einen Parkplatz. Mit quietschenden Reifen hielt er an.

    Nun war wieder die CD zu hören.

     

    „Come and wake me up at night,

    to make a collective suicide, suicide, suecide…"

     

    Dietrich, Humpf und Anna gaben keinen Muckser von sich. Jeanie lehnte sich vor und meinte gelangweilt: „Was habt ihr ausgefressen, Zecke?"

    Dann wurde die Musik unterbrochen.

     

    „Regionalnachrichten.  Die flüchtigen Bankräuber wurden am Autobahnkreuz Neuanstätten gestellt, entkamen jedoch der Polizei und sind in einem schwarzen VW Polo mit dem amtlichen Kennzeichen NEU-ER 666 auf der Flucht. Bei einem der Täter handelt es sich laut Aussagen von Augenzeugen um Zecke Scheuerwich, den Sohn des Bürgermeisters von St. Stilisten. Anscheinend haben die Täter inzwischen auch zwei weibliche Geiseln genommen. Wir bitten die Bevölkerung um ihre Mithilfe…."

     

    Zecke schlug vor lauter Wut mit der Faust das Radio kaputt und Jeanie fletschte die Zähne: „Ich wusste es! Kinder von Lehrern oder Bürgermeistern haben alle 'ne Macke!"

    Anna war ganz bleich und fragte kleinlaut: „Zecke, habt ihr etwa die Bank ausgeraubt?"

    Jetzt rastete er komplett aus: „Ja! Ja! Ich bin aus der Klapsmühle getürmt und hab 'ne Bank überfallen!!! Und? Hast du damit ein Problem?!"

    Keiner traute sich darauf zu antworten. Schließlich meinte Dietrich leise: „Aber die haben dich erkannt. Und meine und Humpfs Identität bekommen die sicher auch bald raus. Was sollen wir denn jetzt machen?"

    Jeanie setzte zum sprechen an, doch Zecke wies sie rüde zurück: „Halt's Maul! Hmmm…. Ich würde sagen, jetzt zählen wir erst mal das Geld und dann fahren wir über die Grenze."

    Gesagt, getan. Die Jungs stiegen aus, holten die Tüte aus dem Kofferraum und zählten eifrig. Jeanie nickte Anna zu: „Hier stinkt's. Ich hau jetzt ab."

    Doch als sie aussteigen und sich fort schleichen wollte, hielt Zecke sie an der Schulter fest: „Nicht so schnell. Du bist jetzt meine Geisel und ich erschieße dich, wenn du versuchst zu flüchten."

    Das Mädchen ließ diese Drohung jedoch eiskalt: „Och weißt du, damit tätest du mir nur einen Gefallen. Ich stecke zurzeit in einer tiefen Depression."

    „Setz dich sofort wieder ins Auto!!!"

    Murrend hockte sie sich wieder zu Anna auf die Rückbank.

     

     

    „Scheiße! Das kann doch nicht wahr sein! Wo zum Teufel ist mein Auto!", rief Dexter wütend aus, nachdem er das gesamte Klostergelände abgesucht hatte. Da kam Niki aus der Kapelle gelaufen: „Du Dexter! Ich glaub, ich weiß jetzt wo dein Auto ist. Sie haben es eben im Radio gebracht!"

    Aufgeregt berichtete Niki über die Radiomeldung, die er eben in der Kapelle gehört hatte. „Was willst du jetzt machen?"

    „Ich geh sofort zu den Bullen! Ich lass mir doch nicht mein Baby klauen. Das hol ich mir zurück!" Er machte sich ungehend auf den Weg. Da hörte er aus dem Wald heraus eine gewaltige, weibliche Stimme rufen: „Niiiiikiiiiiiii! Komm sofort ins Kloster! Es wird Zeit für meine wöchentliche Pediküre!!!"

    Niki wurden die Knie weich. Alles nur das nicht. Und wie vorhergesagt hallte eine männliche Stimme aus der Kapelle: „ Niiiiiiikiiiiiiii!!! Komme sofort in die Kapelle und Bücher sortieren!"

    Niki's Knie wurden noch weicher und Dexter begann schadenfroh zu grinsen.

    Die weibliche Stimmer ertönte abermals, diesmal noch lauter: „Niki, wird`s bald?!"

    Auch die männliche Stimme rief lauter: „Wieso dauert das so lange, du kleiner Sünder?!"

    Hilfe suchend warf Niki Dexter einen Blick zu: „Hast du was dagegen, wenn ich mitkomme?"

     

     

    Ganz wo anders eine ähnliche Situation.

    „Scheiße! Das glaube ich jetzt nicht! Wir rauben eine Bank aus und alles was wir erbeuten sind 934 Euro und 78 Cent!!! Das darf doch nicht wahr sein!"

    Jeanie kurbelte belustigt die Scheibe hinunter und bemerkte: „Ja, wer hätte das gedacht, dass so eine riesige Welt Bank wie die Sparkasse in St. Stilisten nur so wenig im Tresor hat. Schade, schade…."

    Die beiden Mädchen brachen in schallendes Gelächter über diese drei Nieten aus. Zecke bekam einen knallroten Kopf und war nun komplett am ausflippen: „Das sind gerade mal 300 Piepen für jeden! Für ein schönes Leben auf Bora Bora reicht das nicht. Das reicht nicht mal fürs Spritgeld zur Tschechei!"

    Humpf versuchte Zecke mit seiner dunklen und irgendwie dümmlichen Stimme zu beruhigen. Doch bei dem Satanisten brannten nun endgültig die Sicherungen durch: „Jetzt reicht's! Wir erschießen die Geiseln und machen die Fliege!"

    Anna zuckte zusammen.

    „Aber Zecke, mit den 300 Euro kommen wir doch nicht weit….", entgegnete Humpf.

    „Stimmt ja, stimmt ja…", aufgeregt lief er hin und her. Plötzlich blieb er stehen und seine Gesichtszüge entspannten sich, er fing an, düster zu grinsen. „Ich weiß was wir tun, Leute." Er hob seinen Zeigefinger: „Passt auf und lernt! Wir fahren jetzt auf der Stelle nach Neuanstätten und rauben dort die Deutsche Bank aus! Wenn die uns verknacken, dann wenigstens richtig! Und falls es klappt, haben wir genug für Bora Bora!"

    Beifall von Dietrich und Humpf : „Du bist echt genial, Zecke!"

    Nun hatten die Mädels die Faxen dicke. Sie stiegen aus dem Wagen aus und wünschten den dreien noch viel Spaß.

    „Nicht so schnell!", Zeckes Stimme war scharf, wie ein Messer, das in junges Fleisch glitt. „Ihr kommt schön mit! Was soll denn ein Bankräuber ohne Geiseln?"

     

     

    „Alle mit dem Gesicht zum Boden!", befahl Zecke den Kunden in der Bank und feuerte zur Bekräftigung seiner Worte einmal in die Decke.

    In Todesangst warfen sich die Menschen auf den Boden. Manche begannen auch zu schreien. Es war alles so unerwartet und blitzschnell gegangen.

    „Klappe halten! Sonst puste ich euch die Birne weg!", drohte Dietrich, der jedoch gar keine Waffe hatte. Er hielt sich Anna wie ein Schutzschild vor die Brust. Jeanie war fest in Zeckes Würgegriff und wurde wie eine Puppe von ihm herumgezerrt. Endlich lies er sie los und befahl: „Leg dich auf den Boden!"

    Jeanie jedoch verschränkte abermals die Arme: „Also, ich finde das alles sehr dämlich und langweilig. Die kriegen euch do sowieso! Weshalb dieser ganze Stress?"

    „Leg dich hin oder ich erschieße dich!"

    Jeanie zuckte die Achseln: „Dann tu's doch. Du hast es immer noch nicht kapiert! Ich will nicht mehr leben!"

    Zecke wurde die Sache zu bunt. Er kickte dem Mädchen in die Kniekehlen, damit sie umfiel und murmelte ärgerlich: „Wieso habe ausgerechnet ich eine depressive Geisel?"

     

     

    „Also, damit ich sie richtig verstehe. Sie sind der Besitzer des Wagens mit dem die Bankräuber heute Morgen geflohen sind, nicht?", fragte der dunkelhäutige Polizeioberwachtmeister Chicomocomoco mit einer einschläfernden Stimme. Dexter wippte nervös mit dem Bein, ihm ging das alles nicht schnell genug: „Ja, genau das habe ich gesagt! Gehen wir jetzt mein Auto suchen?!"

    „Und… der junge Mann da neben ihnen ist ihr kleiner Bruder, nicht?"

    „Nein, das ist Niki, ein Kumpel von mir. Können wir jetzt endlich…"

    Da klingelte das Telefon. Chicomocomoco nahm bedächtig den Hörer ab und seine ruhige Miene wandelte sich plötzlich: „Ja, aber natürlich. Ich komme sofort!"

    Zu den Jungs sagte er: „Die Bankräuber haben erneut zugeschlagen! In der Deutschen Bank in Neuanstätten! Mit denen ist nicht zu Spaßen!"

    „Was ist mit meinem Auto?"

    „Ich habe jetzt keine Zeit mehr", er sprang auf. „Ich muss nach Neuanstätten!"

    „Können wir vielleicht mit?", wollte Dexter wissen.

    „Das geht nicht, ihr würdet nur einen wichtigen Einsatz behindern. Tschüss!"

    Doch Dexter warf Niki einen Blick zu und die beiden folgten Chicomocomoco auf leisen Sohlen. Der Polizist traf am Ausgang der Polizeiwache auf seinen Partner. Sie besprachen noch schnell die Lage und dabei drückte Chicomocomoco eine kleine Fernbedienung und schloss somit den Einsatzwagen auf. Niki und Dexter nutzten schnell ihre Chance, stiegen in das Auto und machten sich zwischen Rückbank und Fußmatte ganz klein und zogen noch eine Decke über die Köpfe.

    Die Polizisten waren so in ihre Einsatzbesprechung vertieft, dass sie von dem kleinen Attentat nichts bemerkten, ins Auto stiegen und einfach los fuhren.

    Bingo!

     

     

    „Achtung, Achtung hier spricht die Polizei! Das Gebäude ist umstellt. Kommen sie mit erhobenen Händen heraus!"

    Zecke, Dietrich und Humpf fuhren erschrocken zusammen. Sie waren so damit beschäftigt gewesen, sich ihre Tüte noch einmal mit Geld auffüllen zu lassen – und diesmal war es richtig viel Geld -, dass sie von der Anwesendheit der Polizei gar nichts gemerkt hatten. Ratlos blickten sie sich an.

    Humpf verzog das Gesicht: „Oje... Müssen wir jetzt da raus gehen?"

    Zecke schüttelte den Kopf: „Natürlich nicht. Wir haben viele Geiseln." Dann überlegte er und warf einen Prüfenden Blick auf die Geiseln und Bankangestellten: „Aber wer hat den Alarmknopf gedrückt?!"

    Da ging eine einzelne Hand nach oben: „Ich war's! Ich war's! Einen Schuss durch den Kopf, bitte!"

    Zecke aber wusste, dass es Jeanie nicht gewesen sein konnte, da sie schon die ganze Zeit auf dem Boden lag und da waren keine Alarmknöpfe. Er schüttelte nur den Kopf über ihre lebensmüde Äußerung: „Wie krank ist das denn…?"

    Da klingelte plötzlich das Telefon. Zecke wies eine Bankangestellte an, ran zu gehen.

    „Es ist für sie, H-Herr B-b-bankräuber", berichtete sie mit zitternder Stimme und reichte ihm das Telefon. Zecke nahm den Hörer: „Ja?"

    „Sie sprechen mit Polizeioberwachtmeister Chicomocomoco."

    „Mit wem?"

    „Chicomocomoco!"

    „Das ist nicht lustig! Verarschen kann ich mich auch selber!"

    „Hören sie zu. Sie sollten besser aufgeben. Das hat doch alles keinen Sinn. Wenn sie jetzt die Geiseln frei lassen und sich ergeben, könnten die Richter immer noch milde über sie urteilen."

    Zecke zuckte die Achseln: „Ich gebe doch jetzt nicht auf!"

    Am anderen Ende eine kleine Pause, dann: „Nun gut, das haben wir uns schon so gedacht. Wie lauten ihre Forderungen, damit sie die Geiseln frei lassen?"

    „Wir lassen die Geiseln nicht frei!"

    „Aber sie wollen doch nicht ewig in der Bank bleiben, nicht?"

    „Natürlich nicht…"

    „Dann müssen sie Forderungen stellen und uns dafür die Geiseln geben. Das läuft bei allen Banküberfällen so. Sie machen das zum ersten Mal, nicht?"

    „Ähm…"

    „Also, wir wollen das Ding doch zu einem guten Ende bringen, nicht? Wie lauten jetzt ihre Forderungen?"

    Zecke war überfragt. Was forderte man denn da? Ein Fluchauto? Hmm…

    „Ich muss das noch mit meinen… Kollegen besprechen. Rufen sie in zehn Minuten noch einmal an."

    Nun, zum Glück hatten die drei schon genug Action Filme gesehen, um sich ein paar gute Forderungen zu überlegen. Da sollte noch einmal jemand sagen, dass Fernsehen nicht bildet.

    Als das Telefon wieder klingelte, ging Zecke gleich ran: „Also, wir möchten einen Helikopter."

    „So, einen Helikopter", die Stimme am anderen Ende klang etwas amüsiert. „Können sie den überhaupt fliegen?"

    „Ähm… wir wollen auch einen Piloten dazu."

    „Und wo soll der Heli dann landen? Auf der schaulustigen Menschenmenge vor der Bank?"

    Zecke fühlte sich veräppelt und wurde sauer: „Nein auf dem Dach der Bank!"

    „Aber…"

    „Kein aber! Ich weiß, dass da oben genug Platz ist. Und wenn sie die Forderungen nicht erfüllen, erschieße ich ein paar Geiseln. Damit habe ich keine Probleme. Ich bin Satanist!"

    Chicomocomoco klang wieder vollkommen professionell: „Wir werden versuchen, alle ihre Forderungen so schnell wie möglich zu erfüllen."

    „Gut!", Zecke drückte den Telefonknopf kraftvoll aus.

     

     

    Niki war total aufgebracht. Sie hatten im Auto den Polizeifunk mithören können und kannten nun auch die Identität von zweien der Geiseln. Jeanie und Anna.

    Niki, der immer noch bis über beide Ohren in Jeanie verknallt war, wendete sich verzweifelt gestikulierend an Dexter: „Wir müssen Jeanie da raus holen! Das muss die Hölle für sie sein! Bei Zecke! Als Geisel!"

    Dexter jedoch hörte nur halb zu. Er begutachtete wütend die Schrammen an seinem Auto, die von der Polizeisperre stammten. Er verengte seine Augen, schaute zu der umstellten Bank hinüber und murmelte: „Da drinnen sitzt also der Penner, der meinem Baby das angetan hat. Der kann was erleben! Komm Niki, wir holen meinen Autoschlüssel!"

    „Ja, aber Jeanie holen wir auch."

    „Ja… die auch… aber zuerst mal meinen Autoschlüssel! Und ich hau' dem Typen eins in die Fresse!"

    Die beiden stapften zur Bank, aber natürlich ließen sie die Polizisten nicht hinein. Selbst ein Autoschlüssel war kein guter Grund. Da hatte Niki eine Idee. Witztigerweise lag das Bankgebäude genau neben dem Jugendamt in dem Niki täglich ein und aus ging, um seine Vormundschaftsanträge abzugeben. Ohne aufzufallen spazierten sie in das Amt hinein und stiegen die Treppe zu den oberen Stockwerken hoch. Von dort aus konnte man über ein Fenster in das Bankgebäude nebenan einsteigen…

     

     

    Eine angespannte Stille herrschte im Innern der Bank. Die Zeit verstrich zermürbend langsam, als die Bankräuber auf den Heli warteten.

    Jeanie war die einzige der Geiseln, die sich traute, sich aufzusetzen. Ihr tat der Rücken weh und außerdem war sie die ganze Situation sowieso sehr leid. „Ihr kommt doch eh alle in den Knast…"

    Zecke, der nur noch ein Nervenbündel war, spannte mit einer schnellen, aggressiven Bewegung den Hahn seiner Knarre und richtete sie auf Jeanie, die ihm einen gelassenen Blick zuwarf. Doch dann winkte Zecke ab und spannte den Hahn wieder zurück. Es hatte ja eh keinen Sinn. Wenn er jetzt jemanden erschoss, würden die Bullen seine Forderungen sicherlich nicht mehr erfüllen. Er konnte Jeanie ja immer noch kurz vor der Flucht erschießen. Ja, das war ein guter Einfall. Das hatte sie dann von ihrem Rumgezicke. Doch da es im Moment eh nichts zu tun gab stellte er ihr eine Frage: „Also, nur mal interessehalber, bis der Heli kommt…. Vor einigen Wochen hast du dich noch mit Händen und Füßen gesträubt, wenn ich dich opfern wollte und jetzt willst du dir das Leben nehmen….„ Er hob die Stimme an: „Warum?"

    Jeanie seufzte: „Liebeskummer."

    Die Jungs mussten ebenfalls seufzen.

    „Das kennen wir auch", meinte Dietrich mitfühlend.

    Zeckes verhärteten Gesichtszüge lösten sich plötzlich zum ersten Mal ein wenig auf und er meinte mit einem versöhnlicheren Tonfall: „Och weißt du, Liebeskummer kommt und geht. Das ist doch kein Grund Schluss zu machen…." Er versuchte tatsächlich Jeanie zu trösten: „Das wird schon wieder… Wart mal ein, zwei Wochen. Dann geht's dir wieder viel besser. Beim nächsten Typen klappt's bestimmt…. Weißt du, das Leben kann auch schön sein! Es gibt ja auch Kino, Konzerte, schwarze Messen, ordentliche Beerdigungen…. Es kann auch Spaß machen zu leben…, wenn man nicht gerade von einem Dämon besessen oder in der Klapse eingeschlossen ist…." Zecke schien laut nachzudenken: „Ja, eigentlich war mein Leben richtig schön, bevor ich dich kennen lernte…Ja ja…"

    Sein Blick schweifte ins Leere  und er schüttelte den Kopf. „Unglaublich, wie das manchmal so geht…"

    Auch Jeanie geriet ins Grübeln. Sie musste plötzlich an die Nächte mit Drake, ihrem einzigen Freund, denken und daran wie viel Spaß sie gehabt hatten. Außerdem hatte sie den Meister nun schon seit einigen Stunden nicht mehr gesehen und begann ihn sehr zu vermissen. Vielleicht sollte sie ja einfach noch einmal in die Kapelle gehen und sich bei ihm entschuldigen. Vielleicht nahm er sie dann in die Arme und sagte, dass er es nicht so gemeint habe, ja vielleicht….

    „E-e-entschuldigung, Herr Bankräuber?", meldete sich auf einmal die Bankangestellte, die Zecke das Geld in die Tüte geräumt hatte. „Ich hätte da mal ein ganz dringendes Bedürfnis…"

    Auch zwei andere Frauen mussten zur Toilette. Zecke überlegte.

    „D-die Toiletten sind im oberen Geschoss, bei den Büros", stotterte die Bankangestellte.

    „Also schön. Humpf, du gehst mit. Und pass auf sie auf!"

     

     

    Niki und Dexter kundschafteten die Büros in dem oberen Stockwerk der Bank aus.

    „Was meinst Du, wo hier der Safe ist?", flüsterte der Grufti. „Das wäre ja wie Mithras-Feier und Ostara zusammen! Da würde ich mir einen Opel Tigra kaufen!"

    „Wir sind jetzt aber erst einmal hier, um Jeanie zu befreien", erinnerte Niki.

    „Und meinen Autoschlüssel!"

    Da hörten sie plötzlich jemanden über den Flur kommen. Schnell huschten die Zwei um die Ecke und pressten sich an die Wand.

    „Ich muss so dringend, schon die ganze Zeit", klagte eine der Frauen und die drei verzogen sich eilig auf den Ort der Erleichterungen. Humpf wartete davor und passte auf, dass niemand flüchtete. Diese Aufgabe lastete seinen Intellekt bereits voll aus. Er stand mit dem Rücken zu der Ecke hinter der Niki und Dexter lauerten.

    „Wir müssen ihn irgendwie überwältigen!", flüsterte Niki.

    „Spinnst du? Der hat doch bestimmt 'ne Waffe."

    „Aber ich dachte, du willst dem Kerl, der die Schrammen in dein Auto gefahren hat, eine reinhauen."

    „Ja schon… ähm, aber später…."

    Man merkte, dass Dexter, der sonst so große Töne spukte, ganz schön Schiss vor Humpf hatte. Niki fühlte sich auch sehr bang, aber es ging hier doch um sein Mädchen! Und eine bessere Gelegenheit würde sich bestimmt nicht mehr bieten. Gleich würden die Frauen fertig sein und dann wäre die Chance verpasst. Es musste etwas geschehen!

    Niki fasste sich tatsächlich ein Herz. Er schnappte sich den dicksten Aktenordner, der ihm in die Hände fiel und trat um die Ecke. Dexter wollte seinen Kumpel zurück halten, aber da schlich sich der Kleine schon hinterrücks an Humpf heran.

    Niki hielt vor lauter Spannung die Luft an. Lautlos holte er mit dem Ordner aus und zog ihn Humpf mit voller Wucht über die Rübe!

    Der viel auch gleich um, wie ein nasser Sack. Dexter kam sofort von hinten nach: „Hab doch gleich gesagt, dass das ne gute Idee ist!"

    Da kamen auch schon die Frauen aus dem Klo und wunderten sich, was geschehen war. Dexter erklärte es ihnen. Gemeinsam fesselten sie den Bewusstlosen Humpf mit einer Rolle Tesafilm.

     

     

    Es wurde lauter. Der Helikopter war endlich da. Jeanie, Anna und die anderen Geiseln schöpften wieder Hoffnung. Als das Telefon klingelte erhielt Zecke die Bestätigung, dass der Helikopter samt Pilot auf dem Dach der Bank gelandet war und sie nun die Geiseln gehen lassen konnten. Jetzt kam wieder Action ins Spiel. Zecke wies die Geiseln mit der Waffe in der Hand an, sich alle in einer Ecke zu sammeln.

    „Sag mal, wo bleibt eigentlich Humpf?", überlegte Dietrich laut.

    Zecke konnte sich jetzt nicht auch noch darum kümmern: „Wir können jetzt nicht nach schauen. Er ist alt genug, um mit drei Frauen fertig zu werden!"

    Dann wies er eine der Geiseln an, die Ausgangstüre des Gebäudes langsam zu öffnen. Es wurde nicht geschossen. Zecke hielt die Waffe fest in den Händen, die Geiseln sahen ihn ängstlich an. Einige schluchzten laut.

    „Okay, ihr könnt gehen!", rief er ihnen zu. Wie auf Befehl rannten die Menschen los. Da bemerkte Zecke plötzlich, dass sich auch Jeanie und Anna unauffällig zu den restlichen Geiseln gesellt hatten und nun auf dem Weg nach draußen waren.

    „Halt!", rief er und packte Jeanie und Anna an den Ärmeln. „Ihr nicht!"

    Die Mädchen versuchten sich loszureißen, doch nun kam auch Dietrich hinzu und half mit die beiden erbarmungslos wieder hinein zu ziehen und die Türe zu schließen.

    „Ihr habt doch jetzt, was ihr wolltet! Warum lasst ihr uns dann nicht gehen?", weinte Anna verzweifelt.

    „Wir brauchen eine Lebensversicherung, wenn wir im Heli sitzen", erklärte Zecke kalt. Dann versuchte er wieder Anna auf seine Seite zu ziehen: „He Süße. Wir zwei auf Bora Bora! Ist das keine geile Vorstellung? Ich kann dir alles kaufen, was du willst!"

    „Ich glaube dir kein Wort mehr!", schluchzte die Novizin.

    Jeanie machte sich trotzig schon wieder auf den Weg zur Tür und öffnete diese. Da traf sie ein Schuss aus Zeckes Waffe genau an der Schuhsole und knallte ein Stück des Gummis in tausend Fetzen!

    Das Mädchen sprang erschrocken zur Seite. Ihr wich nun auch der letzte Hauch Farbe aus dem fahlen Gesicht. Dennoch dachte sie, dass es nur ein Warnschuss gewesen war und sie versuchte möglichst cool und locker zu sagen: „Du kannst aber gut zielen, Zecke!"

    Der war etwas beschämt und erklärte: „Naja, eigentlich habe ich auf deinen Kopf gezielt. Ich muss wohl noch etwas üben…"

    Jeanies Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie wollte plötzlich nicht mehr tot sein. Sie wollte leben! Und auf keinen Fall wollte sie durch Zeckes Hand ihr Ende nehmen!

    Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an.

    Der Satanist lächelte spöttisch: „Nun, dann sind wohl die Lebensgeister wieder in dich zurückgekehrt. Woher kommt denn nur der plötzliche Sinneswandel?"

    Jeanies Stimme klang gepresst: „Du hast mich vorhin überzeugt!"

    Das Lächeln verschwand aus dem Gesicht des Satanisten und eine Eiseskälte machte sich in seinen Augen breit: „Schade, dass es für dich nun trotzdem vorbei ist."

    „Aber, aber du brauchst doch noch Geiseln!"

    Er schaute beinahe gelangweilt zu Jeanies Freundin hinüber, die sich nicht traute, sich zu rühren.

    „Anna reicht doch vollkommen. Der Heli ist auch da. Dich brauche ich nicht mehr. Grüße Satan von mir."

    Entsetzt stellte Jeanie fest, dass er ihr nun genau zwischen die Augen zielte. Es klickte, als er den Hahn spannte.

     

     

    Stop Stop Stop!

    Wenn wir eins von den bisherigen Folgen der Friedhofsclique gelernt haben, dann doch, dass es immer einen Retter in der Not gibt.

    Denn spätestens jetzt kommt die Situation, in der der Dämon VATRA auf der Bildfläche erscheint, um alle Bösen in die Flucht zu schlagen und seinem Lieblingsmenschen Jeanie das Leben zu retten.

    Da stellt sich doch die Frage: Wo zum Teufel war VATRA???

     

     

    Es kam beinahe einer kleinen Sensation gleich, denn auf dem dunkelsten Ort der Welt erklang mit einem Mal karibische Südsee-Musik.

    Der erstaunte Beobachter vermochte seinen Augen nicht zu glauben.  Er sah schrecklich gruselige Vampire, Kobolde und Dämonen fröhlich tanzend zu einem Kreis versammelt. In der Mitte befand sich ein Stab, den man etwas 1,20 über dem Boden aufgebaut hatte und vor dem Stab befand sich ein etwas kleinerer, hundeähnlicher Dämon. Er stand auf den Hinterläufen und versuchte unter der Stange hindurch zu tanzen, ohne sie oder den Boden dabei zu berühren. Es schien ihm wirklich Spaß zu machen, und wenn seine Augen nicht eingetrocknet gewesen wären, hätte er bestimmt gezwinkert und gesagt: ‚Seht her! Jetzt kann niemand mehr behaupten, dass Dämonen nicht auch Limbo tanzen können! Hähähähähähähä!'

    ;-)

     

     

    Also, wie schon gesagt, Zecke zielte dem verhassten Mädchen genau zwischen die Augen.

    Da kickte ihm plötzlich Anna die Waffe aus der Hand!

    Ausgerechnet Anna, die brave Novizin, von der niemand eine solche Aktion erwartet hätte. Am wenigsten Jeanie, doch die fasste sich schnell und hob blitzartig die Pistole auf und richtete sie auf die vollkommen verwirrten Bankräuber.

    In diesem Moment kamen auf einmal Niki, Dexter und die drei Frauen heruntergestürzt. Jetzt waren sie in der Überzahl. Das Spiel war aus.

    Und ohne nachzudenken schoss Jeanie dann plötzlich auf Zecke! Es war bestimmt nur ein reiner Reflex. Hatte garantiert nichts mit irgendwelchen Antisympathien gegen Satanisten zu tun oderso…

    Nun, vielleicht konnte man es nachher ja noch als Notwehr deklarieren…

    Aber Zecke sprang gerade noch rechtzeitig zur Seite und riss dabei auch noch aus Versehen Dietrich zu Boden.

    Niki sprang über Zecke und Dietrich drüber und kam dem Mädchen zu Hilfe. Dexter begann an dem Teufelsanbeter herumzuzerren und ihm schließlich einen Kinnhaken zu verpassen: „WO IST MEIN AUTOSCHLÜSSEL!!!"

    Da wurde Jeanie auf einmal von hinten gepackt und die Waffe wurde ihr aus den Händen gerissen.

    „So, Mädchen, das war's", schrie ihr ein Polizist ins Ohr.

    Und so wussten Jeanie, Anna, Niki und Dexter nicht, wie ihnen geschah, denn nun wurden sie gepackt und von den Polizisten festgenommen. Sie verstanden die Welt nicht mehr!

    Doch für die Polizisten, die das Gebäude stürmten, stellte sich die Situation im Moment ganz anders dar. Jeanie hatte die Waffe, Dexter prügelte auf Zecke ein und Niki und Anna standen auch immerhin auch noch auf den Beinen – im Gegensatz zu den zwei Satanisten, den offensichtlichen Opfern!

    So kam es, dass man die Friedhofsclique trotz starker Proteste in Handschellen abführte und die Satanisten – Zecke schnappte sich vorher noch unauffällig die Geldtüte – führsorglich nach draußen trug. Die restlichen drei Geiseln wurden ebenfalls ganz behutsam hinausbegleitet.

    Nun stand auch noch Humpf mit ein paar Tesafilmresten auf der Kleidung in der Tür und fragte blauäugig: „Was ist denn passiert?"

    Er wurde schneller festgenommen, als er ‚B' sagen konnte.

    So kam es, dass Jeanie und ihre Freunde stundenlang auf der Wache festsaßen, da man fälschlicherweise sie für die Täter hielt! Keiner glaubte ihnen die tatsächliche Geschichte.

    Später wurden endlich die Videobänder der Überwachungskameras durchgesehen und die Wahrheit kam an Licht. Es war bereits zwei Uhr nachts als Jeanie, Dexter, Anna und Niki endlich nach Hause gehen durften.

    Verdammter Polizeistaat!

     

    Aber wie ging es denn nun für die Beteiligten aus?

    Niki bekam einen Anschiss, weil ihn die Nachtschwester bei dem Hineinschleichen ins Kloster ertappt hatte und ihm von seiner wilden Geschichte selbstverständlich kein Wort glaubte.

    Dexter fuhr glücklich und zufrieden und seinem Auto nach Hause.

    Humpf wurde wegen bewaffneten Raubüberfalls für die nächsten zehn Jahre ins Kittchen gesteckt.

    Tja, und von Zecke und Dietrich hat man nie wieder etwas gehört….

     

     

     

     

    Mehr gibt es zu diesem Kapitel eigentlich nicht mehr zu sagen.

     

    Aaaaaaaaber im Interesse einiger Leser sollte ich vielleicht noch kurz erwähnen was abends geschah, als Jeanie total fertig nach Hause schlurfte, sich mit letzter Kraft in den vierten Stock hoch schleppte und mit allerletzter Kraft die Haustüre aufschloss.

    Ganz langsam schwang die Türe zur Seite und das Mädchen richtete ihren Blick schlaftrunken nach vorne ins Wohnzimmer. Da wurden ihre Augen plötzlich ganz, ganz groß. Ihre Kinnlade klappte augenblicklich hinunter und sie vergaß zu atmen.

    Ihr offenbarte sich ein derart scheußlicher Anblick, wie sie ihn selbst in der Schattenwelt niemals erwartet hätte!

     

    You are so unbelieveable!

     

    Irene lag mit ihren kranken Schwestern Kolleginnen nackt auf dem Fußboden rum, um sich gegenseitig sexuell mit Tupperwarenartikeln zu befriedigen. Einige von Ihnen trugen bunte Salatschüsseln auf dem Kopf geschnallt und leckten sich gegenseitig Streichkäse und Leberwurst von den schwitzenden Körpern. Auf der Couch saßen Irene und eine Kollegin, die ihr gerade genüsslich an der unteren Körperhälfte herumschraubte. Stöhnend deutete Irene auf einen Haufen Tupperware und stöhnte atemlos:" Die Rote! Nimm die rote, lange, dicke Salatgabel! Ich will die Rote! Und binde mir die Salatschleuder auf die linke Brust!"

    Dann hauchte ihre Kollegin: „Aber nur, wenn du dich dabei in die blaue Obstschale setzt und mir vorher den Tortenheber ganz tief in meinen…"

    Unbemerkt hatte Jeanie die Wohnung wieder verlassen und stand nun entsetzt und nach Luft schnappend vor der Tür. Dann schloss sie die Türe von außen vorsichtshalber lieber zweimal ab.

    Sie hatte ja schon von vielen abartigen Sexpraktiken gehört, aber ein Tupperwarenfetisch - und dann auch noch bei ihrer eigenen Mutter - war echt zuviel!

    Sie machte sich tot müde auf den Weg zur Kapelle, um dort zu übernachten. Auf dem Friedhof war es wenigstens nicht so gruselig, wie bei ihr zu Hause.

     

  • Kapitel 17

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    Die Friedhofsclique 17

    Im Schattenreich

     

     

    Es war stockmauernfinster als Jeanie nachts um kurz vor eins unterwegs war. Ihre Mutter hatte Herrenbesuch eingeladen, romantische Musik aufgelegt, Räucherstäbchen mit dem Duft 'Sinnliches Verlangen' angezündet und die andere Seite ihres Doppelbetts ebenfalls mit frischer Bettwäsche überzogen. Und da die Wände der kleinen Wohnung ziemlich dünn angelegt waren, zog Jeanie es vor, heute lieber in der Kapelle zu übernachten. Wenn sie geahnt hätte, was sie im Nonnengarten erwartete, hätte sie die rhythmisch-jauchzenden Geräusche ihrer Mutter und deren Lover wohl lieber ertragen.

    Die Batterien ihrer Taschenlampe waren schon fast leer. Dies war der Grund weshalb sie auf dem Waldweg durch den kleinen Hain immer wieder stolperte. Als sich die Umrisse der Kapelle düster gegen den Sternenhimmel abgrenzten und Jeanie über den Friedhof lief, verlangsamte sich ihr Schritt. Die Erde auf den Gräbern schien irgendwie ... morsch oder hohl zu sein. War ihr das jemals vorher aufgefallen?

    Da hörte sie ein Geräusch. Ein Scharren. Aus einer anderen Ecke des Friedhofes kam ein Knarren, wie das Splittern von vermodertem Holz. Noch ein Stück weiter hinten stöhnte jemand.

    Das Blut gefror ihr in den Adern. Aus den Gräbern ragten plötzlich Hände, die sich frei gegraben hatten. Grabsteine kippten um.

    Jeanie war unfähig sich zu rühren. Sie stand sozusagen mitten auf dem Friedhof und traute sich weder vor noch zurück.

    In sekundenschnelle standen die kürzlich Verstorbenen aus ihren Gräbern wieder auf und füllten den Friedhof mit einer ansehnlichen Menschenmenge.

    Da Jeanie furchtbare Angst hatte, sich auch nur um einen Millimeter zu bewegen, schrie sie aus vollem Hals um Hilfe. Keiner beachtete sie.

    Munter begrüßten sich die Zombies nach ihrem langen Schlaf und schüttelten sich gegenseitig die Hände - sofern sie auch am Arm dranblieben. Dann erklang Musik. Es war der 'Banana Song' von Harry Belafonte.

    "Deeeeee-o! Deee-o-o-o!", sangen die Zombies kräftig mit und schwangen nebenbei das Tanzbein. Und zwar im wörtlichen Sinne.

    "Hilfe!", schrie das Mädchen nochmals. Doch sie wurde nur sanft zur Seite geschoben, wenn sie den Untoten im Weg stand. Sie hätte sich nicht träumen lassen, so schnell die Leute wieder zusehen, die sie erst vor ein paar Wochen oder Monaten selbst zu Grabe getragen hatte. Es waren außerdem erstaunlich viele Jungverstorbene hier - vermutlich Selbstmörder oder Unfallopfer - an die sich das Mädchen nicht erinnerte, sie beerdigt zu haben. Vielleicht waren sie ja von anderen Friedhöfen angereist, um hier mit ihren Freunden und Bekannten in deren Gräbern rumzuhängen und Kaffee zutrinken!

    Nun, ehrlich gesagt hatte sie sich das Leben nach dem Tod etwas anders vorgestellt, doch vielleicht erging es ja nicht allen so.

    "Möchtest du auch ein Glas Sekt, Jeanie?", fragte ein großer Mann, der dem Mädchen ein Glas entgegen hielt. Nur bei näherem Hinsehen erkannte das Mädchen ihren verstorbenen Onkel Jakob.

    Das Lied 'Moskau, Moskau, Moskau ist ein schönes Land!' ertönte.

    "N-n-n-n..."

    "Nein? Na gut." Damit wandte sich Onkel Jakob an die übrigen Verstorbenen und rief: "Sieglinde, wirf schon mal den Grill an! Dann haben wir noch Zeit nachher etwas um die Häuser zuziehen und die Leute zu erschrecken. Leihst du mir wieder deinen Kopf, Grablewski?"

    Eine abgetrennte Hand sauste mit einem Zischen durch die Luft, verfehlte Jeanie nur um einige Zentimeter und traf ihren Onkel an der Brust. "Na hör mal Hubert, du brauchst nicht beleidigt zu sein. Ich passe diesmal besser auf dein Haupt auf und lasse es nicht mehr auf der Strasse herumliegen, versprochen!"

    Neben Jeanie unterhielt sich angeregt Frau Heckmann mit einer weiteren Frau. Beide begutachteten sie fachmännisch ihre Gräber und stellten säuerlich fest, in welchem vernachlässigten Zustand sie sich befanden.

    "So eine Sauerei! Wer ist hier eigentlich für die Grabespflege verantwortlich?!"

    Frau Heckmann überlegte angestrengt: "Ich glaube eine der Auszubildenden. Ein dunkelhaariges Mädchen..."

    Nun wurde es höchste Zeit aus dem Schockzustand aufzutauen und sich in die rettende Kapelle zuflüchten. Knallend fiel die Tür hinter Jeanie ins Schloss. Einen schrecklichen Moment lang glaubte sie fast, dass die Zombies in die Kapelle ebenfalls eingedrungen waren, doch als Nosferatu um ihre Beine strich, verstand sie, dass sie in Sicherheit war. Erschöpft sank sie auf den Boden.

    Und erschrak fürchterlich, als jemand eine Kerze entzündete. Glücklicherweise war es nur Drake.

    "Oh mein Gott, Drake!", rief sie entsetzt. "Die Leute, sie - sie - sie - sie sind wieder lebendig! Das heißt, sie sind Zombies!"

    In gemächlichem Tempo stellte der Vampir die Kerze zu Boden und setzte sich zu dem Mädchen. Daraufhin lief Nosferatu fauchend davon. Ihm waren die Vampire suspekt.

    "Keine Angst", beruhigte sie Drake. "Das kommt auf den besten Friedhöfen vor."

    "Aber - aber - aber sie tanzen da draußen und feiern!"

    "Na und? Auch Tote wollen mal Spaß haben."

    Jeanie war fassungslos. Schon wieder hatte sie eins der paranormalen und unappetitlichen Geheimnisse entdeckt von denen andere - normalere - Menschen glücklicherweise verschont blieben. Trotzdem versuchte sich es noch einmal: "Du willst mir doch nicht etwa erzählen, dass es das natürlichste der Welt ist, dass da draußen..."

    "Zu dieser Jahreszeit kann man mit solchen Phänomenen rechnen. Es hat wohl etwas damit zu tun, dass Stilisten eine besonders hohe Aktivität an spiritueller Energie aufweist. Ganz besonders jetzt, wo sich ein Tor zum Schattenreich geöffnet hat."

    "Was? Das Schattenreich von dem du erzählt hast?", Das Mädchen war wie elektrisiert.

    "Ja."

    "Wahnsinn! Wo ist denn dieses Tor?"

    Mit verklärtem Blick erkannte Drake was er nun für eine unaufhaltsame Lawine losgetreten hatte. Jeanies Neugier war einfach zu groß.

    "Kann ich dich aufhalten indem ich darauf hinweise, wie gefährlich es dort für dich ist?", fragte er vorsichtig.

    "Wieso aufhalten? Ich will doch nur wissen, wo es ist", antwortete sie grinsend und wusste genau, dass er sie durchschaute.

    "Du solltest es nicht tun."

    "Ich will doch nur einmal reinschauen und dann bin ich sofort wieder draußen!"

    Drake seufzte. Scheinbar war dem unersättlichen Mädchen die Sache mit den Zombies noch nicht genug gewesen.

    "Wenn du nach rechts an der Kapelle zum Waldrand gehst, steht dort ein hohler Baum. Dort ist das Tor."

    Begeistert sprang sie auf: "Danke Drake!"

    Drake verschränkte die Arme: "Du solltest es wirklich nicht tun. Dort leben alle Wesen, die dazu erschaffen sind, euch Menschen Einhalt zu gebieten. Du ahnst nicht, was dich erwartet."

    Jeanie biss sich vor Aufregung in die Fingerkuppen. Sie würde nie wieder die Chance erhalten, so etwas zusehen zubekommen. Und überhaupt! Sie war der Menschheit diese Forschungsexpedition schuldig!

    "Ich muss. Bis dann, Drake."

     

    Von den Zombies war draußen keine Spur mehr. Der Friedhof sah genauso aus, wie zuvor. Das eigenwillige Spektakel hatte nur wenige Minuten gedauert. Jeanie zuckte mit den Achseln und suchte nach dem hohlen Baumstamm. Es war nicht schwierig, ihn zu finden. Gespannt lugte sie hinein. Ihr Gesicht wurde dabei von blauem Licht angestrahlt.

    Etwas enttäuscht erkannte sie, dass das Tor zur Schattenwelt ganz anders war, als sie es sich vorgestellt hatte. Es kamen keine scheußlichen Fratzen heraus, die zähnefletschend nach ihr schnappten. Auch keine Flammenteufel, die riefen: "Komm hinein! Komm hinein!"

    Und das Tor war ziemlich klein. Wie sollte sie da durchgehen, wo sie doch gar nicht reinpasste? Dennoch starrte sie wie hypnotisiert in das bläuliche, undurchdringliche Licht, welches in der Tiefe des Stamms erstrahlte. Das Tor zur Schattenwelt wirkte wie ein unendlich tiefes, bodenloses Loch.

    Zitternd und vorsichtig streckte Jeanie die Hand aus und durchdrang ganz langsam das Licht. Auf der anderen Seite war es etwas kälter und sie spürte einen Luftzug. Fasziniert zog sie die Hand wieder zurück und befühlte sie sorgfältig. Sie war kühl.

    Jeanie startete einen neuen Versuch, beugte sich weiter vor und steckte diesmal beide Hände in das Tor. Irgendwo inmitten diesen blauen Lichts lag die Grenze zur Welt des Bösen. Da fragte sich Jeanie, wie sie eigentlich wieder zurückkommen sollte, falls sie tatsächlich hineinging. Sie schluckte. Es war wohl besser die ganze Sache sausen zulassen. Doch als sie die Hände wieder zurückziehen wollte, ging es nicht mehr.

    Blitzschnell erfasste sie ein Sog und riss sie mit sich auf die andere Seite.

    Jeanie konnte ihren eigenen Schrei nicht hören, als sie mit einem plötzlichen Ruck zu Boden gerissen wurde. Es war dunkel. Sie konnte es fühlen, ohne die Augen zuöffnen. Und sie befand sich ganz sicher nicht mehr auf dem Friedhof.

    Der Tritt durch das Tor hatte sich seltsam angefühlt. Ein bisschen so, als wenn man sich einen elektrisch aufgeladenen Pulli über den Kopf zog. Nur viel kälter.

    Als Jeanie aufstand und die Taschenlampe anschalten wollte, musste sie feststellen, dass diese nun ganz den Geist aufgegeben hatte. Also hatte sie nicht einmal Licht in dieser absoluten Schwärze. Doch ihre Augen gewöhnten sich erstaunlich schnell an die Finsternis und fingen an, die sich abzeichnenden Umrisse der Landschaft wahr zu nehmen. Glücklicherweise war sie ganz alleine, denn hier wollte sie keiner Gestalt begegnen.

    Sie stand mitten in einer Steinwüste. Der schwarze Boden war ausgetrocknet und mit tiefen Furchen durchzogen. Sterne oder einen Mond gab es nicht. Man konnte nicht erkennen, wann der Horizont aufhörte und der Himmel anfing. Doch da, ganz am Rande ihres Blickfeldes befand sich eine Lichtquelle. Sie sah aus wie eine Flammensäule, die den Wolken verhangenen Himmel über sich ein wenig anstrahlte.

    Als sie sich umdrehte, stellte sie erleichtert fest, dass sich da das Tor befand, welches sie durchschritten hatte. Sie konnte also jederzeit zurück, falls es brenzlig werden sollte. Dann konnte ihr ja nicht viel passieren, oder?

    Von neuem Mut beflügelt, beschloss sie sich die seltsame Welt doch etwas genauer anzusehen. Jetzt wo sie sowieso schon einmal da war... . Außerdem fing sie zu frösteln an und da musste man sich schließlich bewegen.

    In der Ferne zeichneten sich einige Felsen matt gegen den Himmel ab. In Richtung dieser Felsen machte sie sich auf den Weg und bestaunte - während die losen Steinchen unter ihren Schuhen knirschten - die trostlose Landschaft. Zu dumm, dass sie jetzt keinen Fotoapparat dabei hatte!

    Nachdem sich ihre Augen vollständig an die Dunkelheit angepasst hatten, kam sie sogar in den Genuss die Vegetation des Schattenreiches zu bewundern. Da gab es zum Beispiel rind- und blätterlose Bäume, die nicht so aussahen, als ob sie jemals grün gewesen waren. Sie machten, den Eindruck, als ob sie zusammen mit dieser öden Welt erschaffen worden waren und seither hier standen. Leblos, wie alles andere.

    Doch nicht alle Pflanzen waren verdörrt. Zwischen den Bäumen war eine undurchdringliche Schicht aus dornigen Schlingpflanzen gewuchert. Und dieses dichte Gestrüpp trug tatsächlich wunderschöne, äußerst große Blüten. Wie kleine Lämpchen strahlten sie ihr eigenes Licht aus. Noch bevor sich Jeanie zu einer der Blüten hinunterbeugen konnte, hörte sie ein sanftes Flattern und einen leisen Gesang. Eine kleine Elfe schwebte neben ihr!

    Jeanie kriegte sich vor lauter Staunen gar nicht mehr ein. Sie hätte nicht gedacht ein derart zartes und schönes Wesen ausgerechnet im Schattenreich zu finden. Eigentlich hatte Jeanie noch nie etwas Schöneres in ihrem Leben gesehen - außer dem Meister vielleicht, als er einmal sein Hemd wechselte und nichts drunter hatte...

    Die Elfe war jedenfalls etwa so groß, wie Jeanies Ringfinger und leuchtete wie ein Glühwürmchen. Unberirrt von der Anwesendheit des jungen Menschen setzte sie ihren Flug zu der hübschen Dornenbuschblüte fort und schlug eifrig mit ihren Schmetterlingsflügeln. Zufrieden ließ sie sich auf der duftenden Blüte, die bestimmt dreimal so groß wie sie selbst war, nieder. Kurzzeitig verstummte der Elfensingsang, da das Wesen schmatzend den süßen Nektar kostete. Es war so ein wunderschönes Bild und Jeanie wahnsinnig stolz auf sich, der erste Mensch zu sein, der so etwas sah!

    Und dann schnappte die Blüte zu. Es ging so schnell, dass Jeanie im Nachhinein gar nicht fassen konnte, was eigentlich geschehen war. In sekundenschnelle hatte sich der äußere Blütenrand einfach umgestülpt und die arme kleine Elfe mit laut schmatzenden und rülpsenden Nebengeräuschen gänzlich verschlungen. Danach spuckte die Blüte die Elfenflügel aus und schien Jeanie belustigt anzugrinsen.

    Reflexartig sprang das Mädchen zurück. Nun war ihr endgültig klar, an welchem Ort sie sich befand.

    Und sie überlegte, ob sich nicht Schwester Hildegard oder Herrn Greulich einen hübschen Blumenstrauß von diesen Blüten pflücken sollte. Doch dann beschloss sie, dass es gesünder war, lieber etwas Abstand von der ortsansässigen Vegetation zunehmen. Also lief sie weiter in die Dunkelheit. Immer weiter.

    Tja, und nachdem sie lange genug gelaufen war, wollte sie wieder umkehren. Aber gerade, als sie sich umdrehen wollte, wehte ihr der kalte Wind das Geräusch knirschender Schritte um die Ohren. Angespannt ging sie weiter und hielt die eingeschlagene Richtung bei. Sie lauschte ängstlich.

    Wieder das Knirschen. Es hörte sich an, wie große, schwere Schritte. Langsam aber sicher verwandelte sich Jeanies angespannt sein in schiere Panik. Was hatte sie getan!? Hätte sie doch auf Drake gehört!

    Ohne es zu wollen beschleunigte sich ihr Schritt und sie drehte sich zwanghaft um, schaute zurück und erkannte einen rot glühenden Punkt. Vielleicht ein Auge?

    'Wenn ich doch nur eine Waffe mitgenommen hätte!'

    Das Ding hinter ihr ging nun ebenfalls schneller. Und außer dem Knirschen hörte Jeanie nun auch noch ein tiefes Hecheln. Sie musste schnellstens etwas unternehmen, denn jetzt lief sie immer weiter in das Schattenreich hinein, anstatt zum rettenden Tor zuflüchten.

    Da stolperte sie über einen großen Ast, der auf dem kahlen Wüstenboden lag. Eingeschüchtert riss sie den Knüppel an sich und drehte sich zitternd um.

    Der glühende Punkt, hinter dem eine dunkle Gestalt stand, war nur noch wenige Meter von ihr entfernt. Jeanie wartete. Das Hecheln war verstummt, dafür ertönte das Knirschen wieder und die Gestalt kam näher. Jeanies Finger klammerten sich ganz fest um den Knüppel und hielten sich bereit, mit dem Ding jederzeit zuzuschlagen.

    Etwa drei Meter blieb es vor ihr stehen. Jeanie konnte nun entsetzt erkennen was da vor ihr stand. Es war mit Sicherheit der grässlichste Anblick, der sich ihr je geboten hatte.

    Der glühende Punkt war kein Auge, sondern eine rauchende Zigarette. Und sie steckte im Maul von… von…. Jeanie konnte kaum definieren, was das eigentlich war. Das Ding sah aus wie ein Tier und auch wieder nicht. Es ähnelte stark einem mumifizierten Hund. Einem Windhund, um genau zu sein, doch vielleicht sah das auch nur so aus, weil das Ding vollkommen ausgetrocknet war und die Haut, beziehungsweise das dünne Fell, in langen Fetzten vom Körper hing. Im Bereich der Rippen klafften große Löcher, durch die man in das Innere der Mumie hineinsehen konnte. Der Unterkiefer war eigentlich viel zu gewaltig für den Rest des Kopfes, so als hätte man ihn einer verstorbenen Hyäne abgenommen und nachträglich an den Windhundkörper angebracht. Mit einem altägyptischen Kunstwerk hatte das Viech jedoch nur wenig Ähnlichkeit, sondern eher mit einem Opfer der Hiroshima-Bombe.

    Als das Ding an seiner Zigarette zog, trat der Rauch sinnigerweise nicht nur aus dem Maul, sondern auch noch aus den Löchern zwischen den Rippen aus. Sein Abbild auf einem Anti-Zigaretten-Kampagne-Plakat hätte jeden Raucher überzeugt, seine Zigis auf der Stelle aus dem Fenster zu schmeißen.

    Plötzlich sagte das Ding etwas:

    "Hallo Puppe!"

    Jeanie schrak zusammen. Die Stimme des mumifizierten Windhundes klang kratzig und dunkel. So stellte sie sich die Stimme eines Cowboys vor, der in Rente gegangen war, und nun noch ein letztes Mal bei einem Viehtreck mit ritt.

    Sofort war das Mädchen in Kampfbereitschaft und hob drohend ihren Knüppel: "Kein Schritt weiter, du Monstrum! Sonst kannst du dir deine Knochen alle einzeln zusammen suchen!"

    Als die Mumie erneut das Maul öffnete fiel ihm dabei die Zigarette heraus.

    "Na was denn, Baby, sag' bloß du erkennst mich nicht?" Es kam näher.

    Im Nachhinein hatte sich Jeanie oftmals gefragt, wie dämlich ihr Gesichtsausdruck in dieser Situation wohl gewesen war. Vermutlich ziemlich verwirrt. Zwanghaft versuchte sie sich an irgendwelche alten Hunde zu erinnern, denen sie schon einmal begegnet war und die inzwischen schon mumifiziert sein konnten.

    "Ähm... ich durfte mir nie Haustiere halten...", stammelte sie ängstlich und hielt ihren Knüppel immer noch bereit vor ihrer kaum vorhandenen Brust.

    "Was machen wir denn da, Schnecke?", fragte das Ding. Nun schien sich Jeanie an etwas zu erinnern. Die Ausdrucksweise kam ihr plötzlich sehr vertraut vor. 'Schnecke? Puppe? Wer nennt mich denn so?'

    Da bewegte sich etwas Schwarzes vor ihren Füssen. Beim genauen hinsehen, erkannte sie, dass sich schwarze Wörter selbst auf den Boden schrieben.

    'UND KOMMST DU JETZT DARAUF?' Das Vieh blickte erwartungsvoll zu ihr auf. Langsam ließ Jeanie den Ast sinken.

    "VATRA?"

    "Klar!", antwortete der Dämon. "Und zwar live und in Farbe!"

    Jeanie war ganz verdattert: "Du hast einen Körper?"

    Der Dämon nickte: "Ich bin der Meinung, jeder sollte einen haben, Puppe."

    "Und... aber... ich dachte, du wärst größer. Damals bei den Vampiren in Berlin..."

    "Wahre Größe steckt in der Persönlichkeit. Hähähä. Was machst du denn so hier, in dieser menschenfeindlichen Gegend?"

    Jeanie hörte die Frage gar nicht, da ihr soeben klar wurde, dass der Verursacher all ihrer Probleme direkt vor ihr stand und ihr rotzfrech ins Gesicht lachte. VATRA, der ihr diesen miesen Liebesfluch auferlegt hatte! VATRA, dessen Fluch sie es zu verdanken hatte, dass sie plötzlich allen dunklen Geschöpfen begegnete, von deren Existenz andere Menschen nicht einmal etwas ahnten! VATRA, dessen Fluch Jeanie zu einem Magneten für psychisch gestörte Gewalttäter machte! Und dessen Fluch sie regelmäßig in so abgrundtiefe Depressionen stürzte, dass sie glaubte nie wieder richtig glücklich werden zu können. Jeanie schnappte nach Luft.

    "So, du bist also derjenige, der mir das alles angetan hat!", rief sie und hob blitzschnell wieder den Ast auf. "Na dir werd' ich's zeigen!"

    Scheinbar erschrocken wich VATRA einen Schritt zurück. "Warte! Und das mit Zecke und den Vampiren... und dem Metzger? Du hast deinen mehrfachen Lebensretter vor dir stehen!"

    Jeanie hielt inne. Da musste sie VATRA Recht geben. Er hatte ihr immerhin schon oftmals aus der Patsche geholfen.

    "Ich verstehe nicht, warum du das tust", sagte sie ernst. "Einerseits machst du mir das Leben zur Hölle, andererseits rettest du es mir x-mal. Was soll das?"

    VATRA ließ sich knackend auf den Boden sinken und hob die heruntergefallene Marlboro Zigarette wieder auf. Er hielt sie wie ein Mensch zwischen den Zehen seiner Pfoten, als er sie zum Maul führte und lange daran zog. Es war erstaunlich, dass sie ihm nicht aus dem Maul fiel, in Anbetracht dessen, dass seine Lippen gänzlich eingetrocknet waren und wie derbe Papierfetzen über Ober- und Unterkiefer gespannt waren. Jeanie fiel auf, dass er überhaupt keine Mimik besaß, da sein Gesicht keine Bewegung der Haut zuließ. Selbst die Augen lagen schwarz und eingeschrumpelt in den Höhlen unter den zähen Lidern begraben. Seine Laune konnte er also nur über die Stimme ausdrücken. Und es irritierte Jeanie sehr, jemandem gegenüber zu sitzen, dem sie überhaupt nicht vom Gesicht ablesen konnte.

    Seine Stimme klang betrübt, als er sagte: "Wir Dämonen sind dazu da, um euch Menschen Streiche zuspielen und das Leben zu erschweren." Seine Stimme ging vom ganzen Körper aus, nicht nur von Hals und Gesicht. "Doch du bist der erste Mensch, den ich... na ja... gern habe. Eigentlich dürfte so einem Profi wie mir so etwas nicht passieren..." Nervös blickte er sich um und sprach dann etwas leiser: "Das mit dem Fluch tut mir leid, aber ich kann ihn nicht zurücknehmen. Wenn ein Fluch einmal ausgesprochen ist, kann er niemals wieder zerstört werden. Flüche sind lebendig."

    Jeanie warf den Stock wieder weg und stemmte die Fäuste in die Hüften: "Lächerlich, ein reumütiger Dämon! Diese Welt ist doch absolut verrückt."

    Nach einer Weile sagte sie: "Was ist eigentlich mit Zecke? Kriegt er keine Entzugsängste, wenn du so weit weg von ihm mit mir rumhängst?"

    VATRA schüttelte seinen Kopf, wobei ein paar undefinierbare Fetzen in alle Richtungen davon flogen: "Nein, nein. Der ist schon für die nächsten Wochen versorgt, dann kann ich mal etwas Urlaub von ihm machen, weißt du? Hähä."

    Jeanie runzelte die Stirn: "Wie meinst du das 'versorgt'?"

    "Nun, er befindet sich zurzeit in der Neuanstättener Nervenheilanstalt. Er war aus irgendeinem Grund nur noch ein reines Nervenbündel und setzte sämtlichen Jungfrauen nach, um sie mir zu opfern. Eine wirklich traurige Geschichte. Unfassbar, wie sich Menschen verändern können. Vielleicht sollte ich die Besessenheit an ihm aufgeben und mich ganz von ihm trennen. Wenn er so resigniert ist, macht es gar keinen Spaß mehr, ihn zuärgern..."

    Jeanie musste grinsen. Sie glaubte ganz genau zu wissen, dass der Grund für Zeckes Nervenzusammenbruch genau vor ihr lag. Da fiel ihr etwas ein, was sie eigentlich schon die ganze Zeit zu dem Dämon sagen wollte: "Ach übrigens: Nenn mich nie wieder Puppe!"

    "In Ordnung, Puppe!"

    Diese Reaktion war vorhersehbar gewesen. Es folgte abermals eine Weile Schweigen. Kurzzeitig zuckte das Mädchen zusammen, weil ihr Rücken auf einmal von kalt-feuchter Luft gestreift wurde. Verträumt blickte sie in die endlose Weite.

    "Es sieht nach Regen aus, findest du nicht auch?", stellte sie fest. Da sprang VATRA plötzlich erschrocken auf und fragte lang gezogen: "Was hast du da gesagt?"

    "Es fängt bald an zuregnen. Merkst du nicht, wie die Luft feuchter wird? Ich hätte mir eine dickere Jacke anziehen sollen..."

    "Oh...", meinte VATRA und senkte seinen Hundekopf. Dann nochmals: "Oh......"

    "Was ist denn?", wollte Jeanie wissen, doch schließlich bemerkte sie, dass sich die Luft um sie herum immer mehr verdichtete. Und noch dichter wurde zu einer dicken Regenwolke. Die plötzlich genau vor ihnen in der Luft schwebte. Und zudem auch noch ein Gesicht hatte.

    "It's so nice to meet you here, you fucking breadtoaster!", rief die Wolke zu VATRA herüber. Das heißt, die Worte bestanden aus einem kleinen Orkan, dem Jeanie und der Dämon nur mühsam widerstehen konnten.

    "Hallo REGEN", antwortete VATRA und hörte sich nicht gerade begeistert an. Jeanie beugte sich etwas zu ihm herunter und fragte leise: "Was ist das, VATRA?"

    "Der Dämon REGEN", zischte er ebenso leise zurück. Jeanie runzelte die Stirn: "Der Regen ist ein Dämon?!"

    "Klar doch. Hast du dich nie gefragt, warum es immer dann regnet, wenn die Wettervorhersage schöne Sonnentage angekündigt hat? Oder warum es genau dann regnet, wenn du im Park sitzt und deinen Picknickkorb ausgepackt hast? Einige Regenwolken sind dämonisch. Sie sorgen für die Trockenheit der afrikanischen Wüstengebiete und für die Orkane in Florida."

    Da sprach die Wolke in einer gewaltigen Windböe: "Audirus bonus! I have something to say zu dir VATRA!"

    Jeanie: "Warum redet er so?"

    "Als REGEN kommt er viel rum. Er spricht jede Sprache und wenn es noch so ein unbekannter brasilianischer Dialekt ist." Zu REGEN sagte er gelassen: "Dann sprich dich aus und stehl' mir nicht meine Zeit."

    "傾聴 !!! Du hoscht gegens wichtischte Vabot verstosse! Bass uff..."

    Doch noch bevor er zu Ende blasen konnte, manifestierten sich zwei weitere Dämonen neben ihm. Der eine war ein gigantisch großer und Furcht einflößender Drache, gegen den VATRA wie eine liebliche Schmusekatze wirkte. Der Drache war grau und hatte die Größe des Kinopolis drüben in Neuanstätten. Seine Augen funkelten rot glühend und seine Haut war mit Dornen und Ekel erregenden Wucherungen bedeckt.

    Den anderen Dämon hingegen entdeckte Jeanie erst bei genauerem Hinsehen. Es war ein schwarzer Fleck, so klein wie ein Tintenklecks. Er hatte weder ein Gesicht noch eine dauerhafte Form, doch er hob sich deutlich gegen den Hintergrund ab, indem er noch dunkler als die Nacht war. So etwas nannte man dann wohl die absolute Schwärze. Rücksichtslos drängten sie REGEN bei Seite.

    "Keh zur Zeite, REKEN!", fauchte der Drache. Unwillkürlich zuckte Jeanie zusammen, während VATRA den Aufmarsch seiner Kollegen scheinbar emotionslos beobachtete.

    "Kanz richtik. REKEN hat kehört, wie tu keken taz wichtikzte Verpot verstozen hazt!", ließ sich der Drache wütend vernehmen. Jeanie hatte noch nie zuvor eine solch harte Aussprache bei jemandem gehört. Und das obwohl der Drache eine Frauenstimme besaß. Sie ersetzte einfach alle weichen Konsonanten durch ihre harten Gegenspieler.

    Auch der schwarze Fleck gab seinen Senf dazu. Doch er konnte nur zustimmende Pieplaute artikulieren.

    "Wer sind die?", fragte Jeanie eingeschüchtert.

    "Der Kleine heißt MINISSIPLI. Und der Drache ist ASTAROTH, eine ziemlich ranghohe Dämonin", erklärte VATRA schnell und hörte sich gar nicht mehr so selbstsicher an.

    "Nette Begrüßung", sprach er trocken. "Gegen welches Verbot soll ich nach eurer Meinung denn verstoßen haben?"

    Bevor ASTAROTH antworten konnte, wurde sie von REGEN ungeduldig an der Schulter gezupft: "Could I say it? Could I? Could I? Rogare! Det menar Ni inte!"

    "Nein", antwortete ASTAROTH. "MINIZZIPLI tarf."

    Und wie auf Befehl fing der kleine Fleck, wie wild zu piepen an. VATRA begleitete die Ausführungen mit Kommentaren, wie 'Oh...', 'Nein!' und 'Das stimmt überhaupt nicht!'.

    "Was hat er gesagt? Was hat er gesagt?", wollte das äußerst nervöse Mädchen wissen. Leider hörte ASTAROTH diesmal ebenfalls ihre Frage.

    "Tu willzt wizzen, waz er ketan hat? REKEN hat allez mitkehört. VATRA hat zich pei tir weken tem Fluch entschultikt. Er hat Reue kezeikt.  Unt taz izt für einen Tämon unverzeilich! Taz izt tie krözte Schante, tie ein Schattenwezen üper zich prinken kann. Unt hat tie schwerzte Strafe vertient."

    "Nein, tu das nicht!", rief VATRA verzweifelt. Leider ließ sich ASTAROTH nicht davon beirren: "Tu wirzt tich für tie nächzten huntert Jahre nicht mehr tematerialiezieren können. Unt tie Zeit in teinem Körper verprinken müzzen. Tiez izt ein Pann!"

    "Stopp, wartet!", brüllte VATRA. "Das war doch nur so was wie ein Versehen. Ähäm. Irgendwie musste ich das Vertrauen des Mädchen doch wieder zurück gewinnen, oder?"

    Jeanie verschränkte die Arme.

    "Ihr glaubt doch nicht etwa, dass ich nachgelassen habe? Na kommt schon, gebt mir noch 'ne Chance!"

    "Hmmm....". Nachdenklich entfernten sich die drei Dämonen von VATRA und dem Mädchen, um über den Vorschlag zu beraten.

    "Ähm... nichts für ungut, Baby...", sagte VATRA kleinlaut, als er sich ganz sicher war, dass nur Jeanie ihn hörte. Das Mädchen stöhnte genervt.

    Dann fragte sie: „Wie meint sie das mit dem tematerialisieren?"

    „Dematerialisieren. Wir Dämonen können uns auflösen und an jedem beliebigen Ort wieder manifestieren. Und das nicht mehr zu können, wäre äußerst unpraktisch. Zumal ich in meinem Körper sehr verwundbar bin. Ich habe keine Seele. Wird mein Körper zerstört, ist meine Existenz ausgelöscht."

    Bedrückt sah VATRA zu der wilden Debatte der anderen Drei hinüber. Schließlich fanden sie zu einem Ergebnis und bauten sich wieder vor Jeanie und der Mumie auf.

    "Alzo schön! Ta tu pizher immer ein rachzüchtiker Tämon warzt, wollen wir tir noch eine letzte Chance kepen. Wir werten tir trei Aufkapen stellen, tie du erfolkreich erfüllen muzt. Tann nehmen wir ten Pann zurück. Unt tie erzte Aufkape stellen wir tir auf tem Perg Palazeeon."

    "Moment mal!", warf VATRA ein. "Aber ich sitze doch im Moment in meinen Körper fest und kann mich weder dematerialisieren noch mich einfach so wieder am Palazeeon manifestieren. Soll ich etwa den ganzen Weg laufen?!"

    MINISSIPLI  gab eine quietschende Antwort. Dann lachten die Drei schallend und lösten sich nach Dämonen Manier auf. Vermutlich brauchten sie VATRAs Marschzeit, um sich ihre Aufgaben erst einmal auszudenken.

    "Was hat MINISSIPLI gesagt?", wollte Jeanie wissen.

    "Das laufen den Körper jung hält."

    Jeanie zuckte die Achseln und blickte auf ihre Uhr. Es war schon ziemlich spät, beziehungsweise früh, und Jeanie wurde müde. "Ich werd' nach Hause gehen. Viel Glück bei deinen Prüfungen! Bis bald!"

    "Bist du verrückt, Mädel?!", herrschte der Dämon sie an. "Du kannst doch jetzt nicht gehen! Du musst mir helfen bei den Prüfungen."

    Jeanie schnappte nach Luft: "Ach ja? Dann nenn' mir mal einen Grund weshalb ich das tun sollte!"

    "Ganz einfach: Weil ich bei dir einziehen werde, Babe, wenn ich die Prüfungen nicht bestehe. Also solltest du mir lieber assistieren."

    Nun verlor Jeanie endgültig die Fassung: "Bei mir einziehen? Du tickst ja nicht mehr richtig!"

    "Tja, bei dieser kalt-feuchten Witterung hier zersetzt sich mein Körper schneller, als du 'B' sagen kannst. Und wenn der sich aufgelöst hat, noch bevor ich mich wieder dematerialiesien kann, ist meine Existenz gelöscht. Also werde ich bis ans Ende deines Lebens zu dir ziehen. Und du wirst mich dann jeden Tag in Konservierungsmittel baden und mich mit Alkohol und Formaldehyd eincremen und meine Knochen wieder ankleben, falls sie mal abfallen..."

    "Schon gut, ich komme mit!"

    Es war ein unerwartet weiter Weg zu den Bergen. Stillschweigend trotteten sie nebeneinander her. Es war interessant VATRA beim laufen zu beobachten. Mal lief er direkt auf dem Fußboden, mal einen Meter darüber mitten in der Luft und manchmal sogar weit über Jeanies Kopf. Dabei sprang er über unsichtbare Hindernisse und einmal schien er sogar zu schwimmen.

    "Ich dachte du kannst mit deinem Körper nicht fliegen", stellte das Mädchen fest.

    "Das tue ich auch nicht. Ich bewege mich zwischen den Zeiten."

    "Aha?"

    "Ich kann in jeder Zeit laufen, in der ich will. Und jetzt gehe ich auf einer Hügellandschaft, die es hier vor vielen Hundert Jahren gab. Und noch etwas früher..."

    VATRA sprang einen Meter höher und fing an, mit den Füßen zurudern. "... war hier ein großer See."

    Nun, und Jeanie musste langweilig auf dem Boden laufen. Was machte sie überhaupt hier, an diesem unfreundlichen Ort? Sie war todmüde, hatte morgen einen schweren Arbeitstag und wollte Maestro Rufes keinesfalls mit hässlichen Augenringen begegnen.

    "Oh Mann, ist das denn die Hölle?", stellte sie sich selbst eine rhetorische Frage. VATRA erkannte die Ironie nicht und nahm die Frage wörtlich: "Nein, nein. Die eigentliche Hölle ist nur ein ganz kleiner Teil des Schattenreichs. Das Leuchten da hinten, das aussieht wie eine Feuersäule, das ist sie. Und sie ist ständig unterbelegt. Seit dem es die Massentierhaltung gibt, schickt der Teufel die Bösewichte einfach als Legehennen oder Versuchsaffen zur Erde zurück. Das ist Strafe genug. Die neue Zeit ist sehr praktisch für uns und erspart viel Arbeit."

    Nun da sie wusste, dass sich hier um die Ecke irgendwo die Hölle befand, fühlte sich Jeanie auch nicht besser. Dann fragte sie: „Und ASTAROTH ist eine besonders bösartige Dämonin, oder so?"

    „ASTAROTH steckt ihre Schnauze ständig in Sachen, die sie nichts angehen", meinte VATRA verächtlich. „Sie kontrolliert und beobachtet andere Schattenwesen, wie eine Politesse. Und auch für euch Menschen denkt sie sich fiese Sachen aus. Rate mal, wer die GEZ erfunden hat."

    Endlich hatten sie den Palazeeon erreicht und erklommen ihn mühsam. Auf halber Höhe warteten die Dämonen schon.

     

    "Nun, tie erzte Aufkape pesteht tarin, taz tu fünf Minuten lank stehen pleipen muzt, pei Wintstärke 12", verkündete ASTAROTH in ihrem stregen Tonfall. Ein bißchen erinnerte sie Jeanie fast an Schwester Hildegard. Der Größe wegen vermutlich.

    Mit einem zaghaften Hüsteln, das für Jeanie und VATRA in einer mittleren Windböe entgegenkam, meldete sich REGEN zu Wort: "Exkuse me, I can nur bis Windstärke 10 blowen..."

    "Alzo, fünf Minuten, pei Wintstärke 10. Auf tem linken Hinterpein."

    MINISSIPLI piepte zustimmend. Jeanie warf VATRA einen unruhigen Blick zu, denn diese Aufgabe war unmöglich zuschaffen. Doch genau deshalb hatten sie sich die drei Dämonen ja ausgedacht.

    Dann rief REGEN: "Adelante con los faroles! Piff-paff!" und fing zu pusten an. So einen Sturm hatte Jeanie noch nie erlebt und der mumienleichte VATRA verlor schon bald das Gleichgewicht. Wie ein einbeiniges Huhn hüpfte er umher, bis er schließlich an einen Baum prallte, an dessen Äste er sich klammerte. Aber der Wind wurde noch stärker und drohte VATRAs Bein von der Erde abzuheben. Schnell tat Jeanie so, als würde sie zu Boden stürzen und versuchte unauffällig seinen Fuß auf die Erde zu pressen. Endlich hielt REGEN inne. Erschöpft lies Jeanie ihren Kopf niedersinken. VATRA stand neben ihr, als wäre nichts gewesen. Vielleicht bekamen Dämonen keine Ermüdungserscheinungen.

    ASTAROTH fällte ihr Urteil: "Nicht pestanten. Tu hazt tich am Paum feztkehalten."

    "Es war nie davon die Rede, dass ich das nicht darf!", widersprach VATRA. MINISSIPLI stimmte ihm widerstrebend zu und die drei Dämonen zogen sich kurz zur Beratung zurück. Daraufhin meinte REGEN: "Well, Jeanie hast hold your pes de solum! She's an assterior Wiseacre!"

    VATRA schüttelte energisch den Kopf: "Nein, Jeanie hat meinen Fuß nicht festgehalten..."

    "Oh toch! Ich hape ez kezehen!"

    "Aper warum zollte ich taz tun?", Jeanie äffte belustigt ASTAROTHs Sprachfehler nach. "Ter VATRA hat mich verflucht, Mann! Ta helfe ich ihm toch nicht!"

    "Wert ja nicht frech, tu Mensch!"

    Gänzlich widerwillig erkannten sie die erste Prüfung an.

    "And for the next one, we will meet You an dem place an dem wir euch vorhin als erstes gemeetet haben."

    "Wir sollen doch nicht etwa den ganzen Weg zurück latschen?!", rief Jeanie empört.

    "Toch." Kichernd lösten sich die Dämonen auf. Ziemlich missmutig liefen Jeanie und VATRA wieder in die Wüste zu den Hecken mit den gefräßigen Blüten zurück. Morgen würde sie hundemüde beim arbeiten sein. Wenigstens dauerte es nur einige Augenblicke, bis sich die Dämonen wieder vor ihnen manifestierten. MINISSIPLI verkündete ernst glucksend und quiekend die zweite Aufgabe. Jeanie verstand natürlich kein Wort und VATRA schienen MINISSIPLIs Worte überhaupt nicht zu gefallen.

    "Diesmal soll ich meine gesamte Boshaftigkeit unter Beweis stellen", übersetzte VATRA. "Und zwar am lebenden Objekt."

    Diese Prüfung schien Jeanie nicht so schwer, da VATRA ihr sein Können schließlich oft genug unter Beweis gestellt hatte. Sie nickte nur und zuckte mit den Achseln. Ihre unerwartete Gelassenheit lag wohl daran, dass sie den Inhalt des letzten Satzes des Dämons nicht ganz erfasst hatte. VATRA schaute mit seinem starren Gesicht zu ihr hoch und wartete. Nichts geschah.

    "Du bist das Objekt, Süße", fügte er schließlich hinzu.

    "Was ich?! Du hast mich schon einmal verflucht und ein zweites Mal kommt nicht in Frage!"

    Einen Augenblick lang schauten die drei Dämonen, die sich in ein Gespräch vertieft hatten zu ihnen hinüber.

    "Nicht so laut!", zischte VATRA. "Wir wollen da doch beide wieder heil rauskommen, oder? Ich führe denen ein paar läppische Zaubertricks an dir vor, die sich gleich danach wieder von selbst rückgängig machen."

    "Kommt nicht in Frage!"

    Doch VATRA drehte sich um: "Ich bin jetzt soweit, ASTAROTH!"

    Gespannt traten die Dämonen näher. Jeanie presste sich zwei Finger an die rechte Schläfe und schloss die Augen. Das konnte doch alles nicht wahr sein!

    "Würdest du dich setzen?", fragte VATRA, doch noch bevor Jeanie mit 'Nein!' antworten konnte, wuchs prompt ein hölzerner Stuhl unter ihr aus der Erde. Blitzschnell wucherten Lianen aus den Armlehnen um Jeanies Handgelenke und zwangen sie somit sitzen zubleiben.

    "Womit hab' ich das verdient?!", rief sie entnervt.

    "Entschuldige...", flüsterte VATRA zu ihr. Laut sagte er: "Na gut. Fangen wir mit etwas einfachem an. Mit etwas aus dem Tierreich."

    Plötzlich fing es in Jeanies Ohren fürchterlich zu kribbeln an. Erschrocken spürte sie, wie sie unaufhörlich wuchsen und sich dicht beharrt an ihrem Kopf entlang schoben.

    "Ezelzohren zint nicht kerate orikinell."

    "Warts ab. Wir bleiben im Tierreich..."

    Diesmal kribbelte es in Jeanies Nase und Mund. Ihr wuchs plötzlich ein riesiger Rabenschnabel aus dem Gesicht. Die drei Dämonen fingen lauthals zulachen an.

    "Ich finde das nicht komisch!", krächzte das Mädchen beleidigt.

    "Zum Abschluss nehmen wir noch was Botanisches."

    Ehe sich Jeanie versah sprießen saftig-grüne Wurzeln und Ranken aus ihren Füßen und drangen in den steinernen Wüstenboden ein.

    "Habe ich bestanden?", wollte der Dämon wissen. Zähneknirschend bejahte ASTAROTH. Bei der letzen Prüfung würden sie sich etwas einfallen lassen müssen, wenn sie wollten, dass VATRA durchfiel. Doch um ihm trotzdem noch eins auszuwischen sagte sie: "Pei ter nächzten Aufkape zehen wir unz wieter auf tem Palazeeon. Tiezmal kanz auf ter Spitze."

    Und wieder lösten sie sich lachend auf.

    "Das kann doch nicht wahr sein!", brüllte Jeanie den Dämonen hinterher. VATRAs Zauber hatte sich inzwischen schon wieder aufgelöst, nur aus ihren Schuhen kringelten sich noch ein paar kleine Ranken. Schimpfend und zeternd liefen die beiden wieder den ganzen Weg zum Berg zurück und bestiegen ihn abermals. Es war inzwischen fast fünf Uhr morgens. Und Jeanie hätte die ganze verdammte Schattenwelt schwungvoll gegen die Wand klatschen können.

    Oben auf der Bergspitze stand ein winziges Haus, vor dem Jeanie und VATRA in gebührendem Abstand warteten. Der Dämon steckte sich missmutig eine Marlboro zwischen die Zähne und spähte zu dem Haus hinüber.

    "Wer wohnt dort?", erkundigte sich das Mädchen.

    "Kobolde", erklärte er verächtlich und sprach das Wort wie 'Mistkäfer' aus. "Komm nur nicht auf die Idee, diesem Haus zu nahe zutreten. Kobolde sind das letzte. Missgünstig, neidisch, bösartig, listig und heimtückisch. Hoffentlich hat die letzte Aufgabe nichts mit diesem kleinen, habgierigen Biestern zu tun!"

    ASTAROTH, MINISSIPLI und REGEN erschienen. Sie grinsten um die Wette. Diesmal hatten sie sich sicherlich etwas besonders mieses ausgedacht. Der Drache kam gleich zur Sache: "Pei ter letzten Aufkape muzt tu eine Frake peantworten. Ter alte Kopolt wirt zie tir stellen."

    VATRA seufzte. Das hatte er irgendwie kommen sehen. Lustlos schlurfte er an die Eingangstür und pochte so fest, dass beinahe das ganze Haus dabei zusammenfiel. Ein junges, besonders hässliches, grünhäutiges Kobold-Mädchen öffnete.

    "Ich hab' alles gehört, was du vorhin über uns gesagt hast!", war ihre anti-herzliche Begrüßung. VATRA seufzte ein zweites mal:" Ist dein Großvater zusprechen, Kleine?"

    "Großvater!", krähte das Mädchen ins Haus. Ihre Stimme hörte sich so kratzig an, wie eine Klasse Dreizehnjähriger im Stimmbruch.

    "Ja Heidi?", erklang Großvaters Stimme von innen. Sie war auch nicht viel harmonischer.

    "Da wollen dich so ein paar blöde Dämonen sprechen, Großvater", wieherte Heidi.

    "Wollen sie uns Anti-Elfen-Spray oder Einhorntod verkaufen, Heidi?", fragte der Großvater.

    "Ich glaube nicht, Großvater. Übrigens: Darf ich nachher noch mit dem Pickel-Peter auf die Alm gehen?"

    "Von mir aus, Heidi. Aber erschlagt auf dem Hinweg nicht wieder so viele Zahnfeen, sonst fange ich mir wieder eine Anzeige wegen öffentlichen Ärgernisses ein, Heidi." Diesmal hörte sich seine Stimme näher an. Und während Heidi mit einem noch viel grässlicheren Kobold Hand in Hand fortwatschelte, erschien der Großvater an der Tür.

    "Tu zollzt VATRA tie Frake ter Fraken stellen", gebot ASTAROTH dem Kobold.

    "Diesem Spezi? Na schön, die Frage: Was geht am Morgen auf vier Beinen, am Mittag auf zwei und am Abend auf drei?"

    "You only have ten minutes to answer!", warf REGEN ein. Jeanie freute sich. Was Einfacheres gab's ja überhaupt nicht! Diese historische Frage hatten sie ja sogar schon in der Schule durchgekaut. VATRA jedoch blieb still und überlegte angestrengt.

    "Ähm... vielleicht ein Verwandter von ASTAROTH?"

    Die Dämonen bleckten schadenfroh ihre lückenhaften Zahnreihen.

    "Wartet, lasst mich nachdenken... Ein Insekt, ein Waldgeist?"

    Jeanie konnte es nicht fassen. VATRA vermasselte doch glatt die einfachsten Fragen. Hektisch winkend gab sie ihm Zeichen. Aufgeregt deutete sie auf sich.

    "Jeanie vielleicht?", fragte VATRA.

    Resigniert stöhnend schlug sich das Mädchen gegen die Stirn. Danach deutete sie nochmals auf sich.

    "Ah, ich weiß! Du meinst junge, verfluchte Mädchen!"

    MINISSIPLI piepte und deutete damit an, dass die Ratezeit abgelaufen war.

    "Leiter nicht pestanten!", ASTAROTH machte sich erst gar nicht die Mühe ihre Freude zu unterdrücken. REGEN gab seinen Senf dazu und sagte:"No worry, be happy!"

    VATRA war indessen am Boden zerstört. Sollte er etwa so die nächsten hundert Jahre verbringen? In diesem renovierungsbedürftigen Körper?

    "Es ist der Mensch, VATRA, der Mensch! Am Morgen seines Lebens krabbelt er, dann geht er auf zwei Beinen und abends braucht er einen Gehstock. Was Leichteres konnten sie doch gar nicht mehr fragen!", regte sich Jeanie auf.

    "Das war's dann wohl...", brummte der Dämon betrübt. Doch dann hob er seinen Kopf: "Darf ich bei dir im Bett schlafen, Puppe?"

    Einem plötzlichen Adrenalin-Stoß folgend, wendete sich Jeanie nochmals an die drei Dämonen.

    "Das kann's doch nicht gewesen sein! Bitte gebt ihm doch 'ne letzte Chance, ja? Er ist doch einer von euch! Bitte nur noch ein Mal..."

    ASTAROTH überlegte und beriet sich mit den anderen. Diesmal entschlossen sie sich erstaunlich schnell: "Nun kut. Für tie Zuzatzaufkape müzt ihr wieter zurück zu ten Tornpüschen laufen..."

    "Fuck dich doch ins Knie! Wir gehen nirgendwo mehr hin!", brüllte das Mädchen und meinte es diesmal todernst. Daraufhin sprach REGEN: "Na schön. Die Frage ist aber very difficult! Kein Dämon könnte sie beantworten. VATRA, explicarus harp…sti ludus."

    VATRA jubelte. "Ich soll euch die Fußballregeln erklären? Nichts leichter als das!"

    Zecke war begeisterter Fußballspieler und VATRA befand sich durch die Besessenheit schließlich immer in Zeckes Nähe. Ohne einmal zu holpern erklärte er den Dämonen die irdischen Fußballregeln bis ins kleinste Detail. ASTAROTH fand das jedoch gar nicht lustig. Nach einer weiteren Beratung gaben die Dämonen bekannt, das diese Frage ungültig war, da sie die Fußballregeln ja selber nicht kannten und VATRAs Schilderungen daher nicht überprüfen konnten. Jeanie und VATRA protestierten natürlich lautstark, doch es half ihnen nichts. ASTAROTH stellte noch eine allerallerallerallerallerallerletzte Frage: "Wenn tu tieze Frake peantwortezt, nehmen wir tie Vertammunk zurück. Alzo: Wie viele Zähne zind in meinem Maul?"

    "Woher soll ich das wissen?", beschwerte sich VATRA.

    "Tut mir leit, tu pizt turchkefallen", befand die Dämonin eiskalt und verschwand kirchernd zusammen mit den anderen.

    "Mögest du einen Klumpfuss bekommen, ASTAROTH, so groß wie ein Einfamilienhaus! Das ist ein Fluch!", rief ihr VATRA trotzig hinterher.

     

    Irgendwo anders auf der Schattenwelt manifestierten sich die Dämonen wieder. Und sie lachten immer noch so laut, dass ihr hallendes Echo noch in der Hölle zu vernehmen war. Begeistert riefen sie sich die besten Geschehnisse von eben noch einmal ins Gedächtnis, um sich ein weiteres mal über VATRA und das Mädchen lustig zumachen. Beim weiterlaufen wunderte sich ASTAROTH plötzlich. Vorhin war ihr das Gehen doch leichter gefallen...

     

    "Na ja, man weiß nie, wozu's gut ist", sagte VATRA später, als er mit Jeanie vor ihrem Wohnblock stand. Das Mädchen jedoch hörte gar nicht zu, weil sie krampfhaft überlegte, wie sie ihrer Mutter die Sache mit dem neuen Mitbewohner beibringen sollte.

    'Hoffentlich ist Mum nicht da...'

    Doch natürlich war Irene Fechter zu Hause. So leise wie möglich schloss Jeanie die Wohnungstür auf. Vielleicht konnte sie sich ja unbemerkt in ihr Zimmer schleichen. Doch Fehlanzeige. Irene stand gerade im Flur, weil sie eben von der Nachtschicht heimgekommen war.

    "Hallo Mutter."

    "Hallo. Ich hab jetzt leider gar keine Zeit, um mit dir zu reden", erwiderte Mutter Fechter. Jeanie, die sonst nicht genug Aufmerksamkeit von ihrer Mum bekommen konnte, was diesmal sogar ganz froh über diese abweisende Begrüßung. Doch leider stand VATRA schon in der Tür.

    Entsetzt ließ Irene ihre Tasche auf den Boden fallen und starrte das Monstrum an. Jeanie stand der Schweiß auf der Stirn, als sie anfing zu erklären: "Ähmm... Mutter, weißt du noch, wie ich mir als kleines Kind immer einen Hund gewünscht habe?"

    "Ja und zum Glück sind diese Zeiten vorbei!"

    "Ähm... er ist mir einfach hinterhergelaufen. Darf ich ihn behalten?"

    Irene aber war kreidebleich: "Der sieht ja scheußlich aus, Jeanie!"

    "Er ist aus dem Tierheim...", druckste das Mädchen herum. "Ein Gebrauchthund sozusagen..."

    "Das sieht man! Er sieht so... verwest aus... Wie alt ist er?"

    "Keine Ahnung, das haben sie mir nicht gesagt." Jeanie wurde immer hilfloser. Dann roch sie plötzlich Zigarettenqualm. Ihre Mutter rang verzweifelt nach Worten: "Er raucht, Jeanie!"

    "Aber - aber - er ist gerade dabei, es sich abzugewöhnen!"

    Da nahm der Dämon mit der Pfote die Kippe aus dem Maul und sagte zu Jeanies Mutter: "Sag bloß du bist so 'ne Schnalle, bei der man nur auf dem Balkon rauchen darf. Ich persönlich hasse Balkone, die feuchte Luft tut meinem Teint-", er sprach das Wort wie 'Teng!' aus, "- nicht gut."

    Irene geriet ins wanken: "Jeanie, er spricht!"

    "Tja... das ist sehr erstaunlich, nicht wahr?"

    Da fiel Irene Fechter rücklings um und bewegte sich nicht mehr. Jeanie blickte erst zu ihrer Mutter, dann zu dem Dämon. "Ich schätze, jetzt darfst du bleiben, VATRA."

     

  • Kapitel 16

    Die Friedhofsclique 16..:namespace prefix = o ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:office" />

    Briefwechsel

     

     

    Irgendwann wurde  jeder Schmerz zu groß. Jeanie wusste, dass alles was sie nicht umbrachte, sie nur noch viel stärker machte. Doch sie fühlte, dass das Leid tief in ihr nun raus musste, oder sie würde daran zerbrechen.

    Wenn Liebe zu lange unerwidert blieb, gaben die meisten Menschen ganz schnell auf und entschlossen, dass auch noch andere Mütter schöne Söhne, beziehungsweise Töchter, hatten. Doch nicht Jeanie. Sie war verflucht und konnte nicht anders, als Rufes zu lieben. Nun, eine gewisse Zeit konnte sogar eine labile Teenangerseele in jemanden verknallt sein, ohne dass ihre Gefühle erwidert, geschweige denn bemerkt wurden. Aber eben nur eine gewisse Zeit lang. Und diese Zeit war bei weitem überschritten.

     

    Nachts in der Kapelle.

    Jeanie wusste, dass nun endlich etwas geschehen musste. Sonst würde selbst ein solch krisenerprobter Charakter, wie sie, an ihrem kleinen Problem zerbrechen. Sie würde dem Meister ihre Liebe gestehen. Jawohl!

    Und da sie von Angesicht zu Angesicht mit ihm keine Silbe über die Lippen bringen würde, verfasste sie in dieser Nacht einen Liebesbrief. Das heißt, sie versuchte es zumindest. Zu diesem Zweck hatte sie die Kapelle sogar mit unzähligen Kerzen dekoriert und würzigem Weichrauchgeruch eingequalmt, um die rechte Stimmung aufkommen zulassen. Drake und der Kapellenkater leisteten ihr dabei Gesellschaft. Schließlich hob das Mädchen ein Stück Papier hoch und meinte:" Also, wie findet ihr das?

    'Lieber Meister!

    Du bist toll! Ich liebe Dich! (Das ist kein Witz.)

    Deine Jeanie'

    Oder sollte ich ihn vielleicht lieber sietsen?"

    Drake zuckte hilflos mit den Achseln: "Du hast so etwas noch nicht oft gemacht, oder?"

    Beleidigt wendete sich das Mädchen wieder dem Papier zu. Drake versuchte sie mitfühlend zutrösten: "Bei uns Vampiren ist das einfacher. Ein kleiner Biss und man besitzt den Menschen, den man haben möchte. Einfach so. Vielleicht solltest du den Brief etwas ausführlicher schreiben. Und in einer bildhaften, blumigen Sprache. Wie wäre es mit etwas in der Art von: 'Du bist die Rose, deren Duft mich am Leben erhält'?"

    Jeanie tippte sich demonstrativ mit dem Füller an die Stirn: "Bist du bescheuert?"

    "In der Antike hat man so geschrieben", verteidigte sich Drake. "Deinem Meister gefällt so ein Sprachstil bestimmt."

    "Ich vergesse immer wieder, dass du schon einige Jahrhunderte auf dem Buckel hast. Wie alt bist du eigentlich genau?"

    "Nach dem Alter fragt man nicht."

     

    Auch eine andere Person im Nonnengarten war in dieser Nacht noch wach und zerbrach sich ebenfalls den Kopf. Auch er hatte eine Entscheidung getroffen. Nicki lag bäuchlings auf dem Bett in seinem Zimmer - das er zu gerne als Einzelzelle bezeichnete - und litt genau an den selben Problemen, als er Jeanie einen Brief schrieb, in dem er ihr seine Gefühle gestehen wollte.

     

    Am nächsten Morgen, als Dexter die Gartengeräte reparierte, kam Jeanie verstohlen mit einem schwarz umrandeten Trauerbriefumschlag - andere hatte sie nicht gefunden - auf ihn zu. Drake schien ihr nicht der richtige Ansprechpartner für so etwas zu sein. Dexter hingegen, schien sich bestens in Beziehungsangelegenheiten auszukennen.

    "Du Dex?"

    "Ja?"

    "Weißt du, wie man Liebesbriefe schreibt?"

    Ruckartig sah der schwarz gekleidete Grufti von seiner Arbeit auf. "Ey, ich bin der Liebesbriefe King. Wer ist denn der Glückliche?"

    Jeanies Gesichtsausdruck bedurfte keiner Antwort.

    "Doch nicht etwa der Meister?", fragte er erschrocken. "Das 's nicht dein Ernst!"

    "Kannst du mir nun helfen oder nicht?"

    Er zögerte, doch die Neugier siegte: "Gib' das Ding schon her."

    "Es klingt ein wenig blumig", erklärte sie fast entschuldigend, als sie ihm den Umschlag reichte. Letztendlich hatte sie Drakes Vorschläge doch aufgegriffen und nun hörten sich einige Abschnitte des Briefes so althochdeutsch an, dass nicht einmal mehr Jeanie begriff, was denn eigentlich drin stand.

    Schon nach den ersten Zeilen, begann Dexter verdächtig zu grinsen. Laut las er:"...'zutiefst erregt spüre ich Deinen Atem in meinem Nacken'. Na der Pesthauch regt auch was in mir! Und zwar meinen Brechreiz. Immer wenn er mit mir spricht, halte ich die Luft an, sonst muss ich... aber was haben wir denn hier? '...Du, ein Mann im besten Alter,...'. Du brauchst wohl 'ne Brille, wie? '...immer wenn Deine starken, sehnigen Arme...' . Na komm, wenn du mir nur eine Stelle seines Körpers zeigst, die keine Falten hat, werd' ich sie für dich abknutschen!"

    Leider war Dex so in den Brief vertieft, dass er gar nicht bemerkte, dass sich Jeanies Mimik zusehends versteinerte.

    "'Ich würde zergehen unter Deinen Küssen!' Na dann pass aber auf, dass sein Gebiss dabei nicht raus fällt. '...ich liebe Dich mehr als mein Leben...' Genau, denn wenn ich den lieben müsste würd' ich freiwillig Selbstmord begehen!"

    Sich vor Lachkrämpfen schüttelnd, nahm er den Brief hinunter und blickte zu dem Mädchen. Dann verging ihm sein Lachen.

    "Ähm... Jeanie? Au!"

    Und dies war der Grund, weshalb Dexter den Rest der Woche mit einem blauen Auge durch die Gegend lief. Trotzdem versprach er dem Mädchen, sich um den Brief zu kümmern und ihn ein wenig zu überarbeiten. Wie Jeanie ihn dazu gebracht hatte, ist bis zum heutigen Tag ungeklärt. Man konnte ihr halt keinen Wunsch abschlagen! Beziehungsweise tat man einfach besser daran, ihr keinen Wunsch abzuschlagen; wenn man nicht wollte, dass sie einem den Rest der Woche zur Hölle machte.

    Nun, kaum war das Mädchen gegangen, tauchte Nicki hinter Dexter auf.

    "Sag mal, Dex, kennst du dich mit Liebesbriefen aus?", fragte er.

    "Ich? Nein überhaupt nicht!"

    Nicki ließ jedoch nicht locker. Da hatte ihm Dexter schon zuviel von seinen Künsten verraten, um sich da wieder raus zu winden. Also blieb dem Grufti nichts anderes übrig, als Nicki in jene Kunst einzuweihen.

    "Also meistens schreibe ich von alten Dichtern ab. Das zeigt guten Willen", gab er sein Wissen preis. "Ich meine so etwas in der Art von: 'Du bist wie eine seltene Blume mit betörendem Duft. Und ich bin die Biene, die sich auf deinen weichen Blütenblättern niederlässt, dich zu bestäuben'. Man könnte natürlich auch schreiben: 'Ey Süße, lass uns poppen!' Aber das kommt meistens nicht so gut an. Die Novis sind da sehr empfindlich. Na was soll's? Ich kümmere mich darum."

    "Das würdest du echt tun?", fröhlich drückte Nicki ihm den Zettel in die Hand. Mit zusammengekniffenen Augen las sich Dexter die Zeilen durch. Der Brief klang wie eine Bauanleitung für Rosengewächse.

    "Besser ich überarbeite ihn ein wenig. Aber warum sagst du's ihr nicht einfach?", schlug Dexter vor. "Nicki, 'Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, wer nicht vögelt, kriegt kein Kind!' Ich muss bei den schüchternen Nonnenmädchen auch immer den ersten Schritt machen. Von alleine kommt da nämlich nix!"

    Da tippte ihn plötzlich eine Novizin von hinten an. Weder Nicki noch Dexter hatten sie kommen sehen. Der Grufti schenkte ihr sein oft erprobtes Sturm-und-Rang-Eroberer-Lächeln: "Hallo Susanne!"

    Schüchtern zog ihn das Mädchen am Ellenbogen etwas dichter an sich heran und hauchte ihm ins Ohr: "Ich dachte, wir könnten es uns vielleicht ein bisschen in Greulichs Geräteschuppen gemütlich machen... "

    "Äh, Nicki, ich muss mal ganz dringend weg... mit Susanne. Wenn der Meister fragt wo ich bin, erzähl ihm irgendetwas, okay? Bis nachher!"

    Damit zog er mit dem Mädchen ab. Kopfschüttelnd sah ihm Nicki nach. Er murmelte: "Nein, Mädchen übernehmen natürlich nie die Initiative..."

    Grübelnd nahm er noch einen zweiten Brief aus seiner Tasche. Dieser war jedoch für die Oberschwester bestimmt. Es war einer der zahllosen Anträge auf einen Vormund des Jugendamtes, um Schwester Hildegard als Vormund endlich loszuwerden. Der Haken an der Sache war, Nicki brauchte Oberschwesters Einwilligung - sonst lief da gar nichts. Und Schwester Hildegard wollte alles andere, als ihren Lieblingsleibbediensteten an das Jugendamt rausrücken.

    Der zweite Haken war Nickis Zeugnis, welches Maestro Rufes ausstellen musste. Und wenn er mal gute Laune hatte, tat er dies tatsächlich auch. Nie aber ohne vorher Nickis physische und psychische Belastbarkeit und Arbeitswilligkeit zutesten - nur um sicherzugehen, dass die Leistungen, die nachher im Zeugnis standen auch der Wahrheit entsprachen. Ob es diesmal wohl wieder so ablief?

     

    "Natürlich kann ich dir ein Zeugnis ausstellen. Schon wieder. Doch so ein Schreiben muss man sich erst verdienen. Und weißt du auch wobei?", fragte Rufes, als sie einige Zeit später in seinem Büro saßen.

    "Durch gnadenlos harte Arbeit, Meister?", fragte eine kleinlaute Stimme, die ganz tief in ihren Stuhl eingesunken war.

    "Ganz recht. Und ich weiß auch schon wobei. Dexter! Jeanie!"

    Die zwei erschienen in sekundenschnelle. Sie wussten, was ihnen blühte, wenn sie sich zuviel Zeit ließen. Dexter war scheinbar ziemlich atemlos und hatte einen knallroten Kopf. Tja, Liebe war anstrengend.

    "Heute säubert ihr die Kapelle, ihr Faulpelze!", verkündete Rufes feierlich und erwartete vermutlich, dass die Azubis vor lauter Freude über seine freundliche Aufforderung jauchzende Luftsprünge machten. Was sie jedoch nicht taten.

    "Ich kann leider nicht. Ich muss noch rüber zu Schwester Hildegard und neue Gestecke anrichten", meinte Jeanie in glaubwürdig bedauerlichem Tonfall.

    "Das sind doch Ausreden!", schnaubte Dexter. Rufes sah das allerdings anders und lies Jeanie gehen - was sie selbstverständlich als größten Liebesbeweis interpretierte. Sie traf sich drüben mit ihren Freundinnen Anna und Violetta, während Nicki am eigenen Leib erfahren musste, dass so ein Zeugnis ein äußerst sauer verdientes Schriftstück sein konnte. Bis eine Stunde nach Arbeitsschluss mussten sie schuften, während Rufes sie unter aufmunternden Bemerkungen wie "Ihr habt da einen Fleck vergessen!" beaufsichtigte und darauf acht gab, dass sie auch alles richtig machten.

    Trotzdem korrigierte Dexter auch nach jenem langen Tag sogar noch beide Briefe. Dies tat er jedoch nicht aus Menschenfreundlichkeit. Er wusste einfach, wie sehr Nicki und Jeanie nerven konnten, wenn sie auf etwas warten mussten. Außerdem musste er sich gar nicht allzu sehr anstrengen. Nickis Zettel verbesserte er einfach mit den wildesten Ausdrücken aus Jeanies Liebesbrief. Ihr würde dadurch bestimmt die Erkenntnis kommen, wie ähnlich sie und Nicki sich doch waren.

    Jeanies Brief an Rufes wurde mit ein paar rührseligen Zeilen antiker Dichter aufgepeppt. Das würde dem Meister sicher gefallen. Ha!

    So kam es, dass Jeanie noch in derselben Nacht abermals in der Kapelle saß und Drake Dexters Liebesbriefe-Remix vorlas.

    "Also, das haut dich von den Socken! Pass auf:

     

    'Du bist die Sonne, die nicht untergeht;

    Du bist der Mond, der steht's am Himmel steht;

    Du bist der Stern, der, wenn die andern dunkeln,

    Noch überstrahlt den Tag mit seinem Funkeln;

    Du bist das sonnenlose Morgenrot;

    Ein heitrer Tag, den keine Nacht bedroht;

    Der Freud und Hoffnung Widerschein auf Erden -

    Das bist du mir, was kannst du mehr noch werden?'

     

    Schön, ne?"

    Drake war jedoch vollkommen unbeeindruckt: "Das ist von 1836. Von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben. Was für ein alter Hut!"

    "Waaas? Du kennst das?"

    "Selbstverständlich."

    Jeanie rümpfte beleidigt die Nase und suchte eine neue Textstelle aus. Eine von der sie sich fragte, wie viele Promille man intus haben musste, um so etwas zu schreiben.

    "'Schön wie Engel voll Walhallas Wonne,

    Schön vor allen Jünglingen war er,

    Himmlisch mild sein Blick wie Maiensonne,

    Rückgestrahlt vom blauen Spiegelmeer.'"

    "18. Jahrhundert von Friedrich Schiller", kommentierte Drake lächelnd. Jeanie, die langsam aus der Ruhe kam, las den nächsten Abschnitt:"

    'Du bist zart

    Wie die Fingerabdrücke

    Der Vögel im Schnee.'"

    "Das ist von Claire Goll. 20. Jahrhundert. Und außerdem besitzen Vögel keine Finger."

    "Na warte, auf das Nächste kommst du aber nicht!", rief sie wütend und blätterte zurück zum Anfang:"

    "Mit Liebes Brunst behafftet sein

    Ist warlich eine schwere Pein

    Es ist kein Schmertz auff dieser Erdt

    Der recht mit jhm verglichen werdt.'"

    "Ja, der gute alte Martin Opitz. Er wurde 1597 geboren und starb... lass mich überlegen... 1639! Hättest du nicht ein paar Sachen nehmen können, die nicht jeder kennt?"

    "Verdammt, was soll das?! Warum kennst du die Dichter alle?"

    "Reg dich nicht auf", beschwichtigte er sie. "Ich habe nun mal in diesen Jahrhunderten gelebt. Unsere Rockstars und Idole waren Komponisten und Dichter. Sieh dir nur an, wie viele Liebesgedichte allein von Goethe kommen. Allerdings war er ein Frauenhasser."

    "Ach ja?", Jeanie hörte gar nicht richtig zu und war immer noch ziemlich wütend, weil Drake alle Asse in ihrem Ärmel mühelos aufgedeckt hatte. Drake hingehen schien das Thema sehr zu gefallen. Er erinnerte sich wieder an Dinge in seinem ewig langem Leben, die er schon längs vergessen hatte.

    "Goethe schrieb einmal:

    'Behandelt die Frauen mit Nachsicht!

    Aus krummer Rippe ward sie erschaffen,

    Gott konnte sie nicht ganz grade machen.'"

    "Ist mir doch egal!", schnaubte das Mädchen und sah auf den vor sich liegenden Brief. Dexter hatte ihn doch extra aus so vielen unterschiedlichen Dichtern zusammen geschustert, damit Rufes nicht den Eindruck hatte, dass alles nur abgeschrieben war.

    Beschwingt kehrte Drake wieder ins hier und jetzt zurück und versuchte Jeanie zutrösten: "Dem Meister wird der Brief bestimmt gefallen."

    "Gefallen?! Er soll ihm aber nicht nur gefallen! Ich will das der Meister darauf anspringt... ich will... ich will,... dass er mich liebt..."

    Wie zerbrochen ließ sich Jeanie auf den Boden sinken. Drake nahm sie fürsorglich in den Arm.

    "Ich will doch nur normal sein, wie jeder andere auch!"

    Drake zog sie noch dichter an sich heran und strich ihr zärtlich tröstend über den Kopf.

    "Ich kann so nicht weiter leben! Jetzt ist endgültig Schluss! Entweder der Fluch verschwindet, oder ich bekomme den Meister. Und da ich den Fluch nicht bannen kann, bleibt mir nur übrig, den Meister zu erobern."

    "VATRA was hast du nur angerichtet...", murmelte Drake traurig.

     

    Irgendwo in St. Stilisten horchte plötzlich jemand auf. Jemand, der unsichtbar war und sich gerade in der Nähe von einem Satanisten namens Zecke befand. Und dieser Jemand wurde plötzlich sehr betroffen.

     

    "Warum hast du meine Träne abgeleckt?!", fauchte Jeanie Drake fassungslos an. Die Bewegung des Vampirs war so plötzlich und unerwartet gekommen, dass Jeanie beinahe anzweifelte, ob es wirklich geschehen war. Doch sie fühlte noch immer den feuchten Speichel des Vampirs auf ihrer Backe verdunsten und wischte ihm nun schnell weg.

    "Was sollte das denn sein?"

    Drake war von seinem Verhalten scheinbar selber schockiert und meinte: "Tut mir leid, Jeanie. Ich wollte dich nur mal... kosten. Das waren wohl niedere Instinkte. Ich werde acht geben, dass so etwas nicht noch einmal geschieht."

    "Es tut mir leid", wiederholte er mit sichtlich schlechtem Gewissen.

    "Schon gut", meinte das Mädchen und widmete sich wieder dem eigentlichen Thema. "Ich wollte nur noch sagen: Morgen erhält der Meister meinen Brief. Wenn er weiß, dass ich ihn liebe, sind die Fronten wenigstens klar, auch wenn er mich dann zum Teufel jagt. Aber dann habe ich wenigstens Gewissheit."

    Drake nickte. Er wusste, was dieser Schritt für das Mädchen bedeutete. Und er wusste, dass sie damit vermutlich ihren Job los war und Rufes danach wohl nie wieder sehen würde. Doch es gab kein zurück mehr. Was gesagt werden musste, das musste nun einmal gesagt werden. Damit ging Jeanie nach Hause. In dieser Nacht konnte sie noch viel schlechter schlafen, als sonst.

     

    Am nächsten Morgen polierte Dexter seinen Polo derart hingebungsvoll, dass bestimmt jede Novizin eifersüchtig auf den alten Kahn geworden wäre. Jeanie tippte ihm möglichst unauffällig auf die Schulter. Noch unauffälliger und verlegener schob sie ihm den Brief entgegen.

    "Kannst du ihn dem Meister geben? Ich trau' mich nicht."

    "Na gib schon her", antwortete er und schob das Ding in seine Jackentasche. Mit flauem Gefühl in der Magengrube machte sich das Mädchen davon. Sie zitterte fast und grübelte, ob sie den Zettel nicht wieder zurück nehmen sollte, doch ihre Entscheidung war getroffen.

    Wie vorhergesagt fand auch Nicki seinen Weg zu Dexter, um ihm seinerseits den Brief für Jeanie zugeben. Vorher überprüfte er noch einmal ob es sich auch wirklich um den Liebesbrief handelte und nicht etwa um Schwester Hildegards Antrag, den er nämlich ebenfalls einstecken hatte.

    "Gibst du ihn ihr gleich?", wollte Nicki wissen, während er aufgeregt von einem Bein auf das andere trat.

    "Ja gleich. Aber ich muss erst noch zum Meister", antwortete Dexter, der die ganze Angelegenheit wohl recht belustigend finden musste. Schnell räumte er die Autopolitur weg, latschte in die Kapelle und gab dem Meister Jeanies Brief ab. Dann betrat er den kleinen Friedhof auf dem Jeanie vor lauter Nervosität versuchte, die sträflich vernachlässigten Grabesgewächse zu reanimieren. Nicki hatte sich ebenfalls eines der Gräber vorgenommen und gab vor ihr zu helfen. Natürlich wollte er ihre Reaktion aus nächster Nähe beobachten, wenn sie seinen Brief erhielt. Nur was für eine Reaktion würde es sein?

    "Ich hab' was für dich, Jeanie!", erklärte Dexter und hielt ihr den weißen Umschlag unter die Nase.  Jeanie schlug die Stirn in Falten und war äußerst irritiert. Mit feuchten Händen nahm sie den Brief entgegen.

    "Ist das eine Antwort vom Meister?" Ihre Stimme hörte sich heiser und kratzig an. Doch der Grufti winkte lächelnd an: "Nee! Aber du wirst überrascht sein!"

    Neugierig öffnete sie den Umschlag und las den Zettel. Sie war tatsächlich überrascht. Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet.

    "Was soll das?", fragte sie Dexter - und sah Nicki im Augenwinkel ziemlich heftig zusammen zucken. "Warum hast du mir den Brief wieder zurückgegeben?"

    Dexter erstarrte. "Aber das ist doch...", hektisch riss er ihr den Zettel aus der Hand. Jeanie stemmte die Fäuste in die mageren Hüften und schimpfte: "Warum gibst du mir meinen Brief an den Meister wieder zurück!?"

    Dexter ließ den Zettel fallen. Wenn Jeanie ihren eigenen Brief zurückbekommen hatte, dann hatte Maestro Rufes....

    "Bullshit!", rief er geschockt. Und plötzlich wurde auch Nicki klar, was dieses Maleur bedeutete. Er wurde leichenblass.

    Aus dem Arbeitszimmer der Kapelle ertönte eine nur allzu bekannte Stimme: "Niiiickiiiiiiii!"

    "Du Blödian!", fuhr Nicki Dexter nach einigen Schrecksekunden an und schubste ihn mit aller Kraft gegen einen Grabstein. "Du hast dem Meister meinen Brief gegeben? Ich bin erledigt!"

    "Aber... aber... das war doch nur ein dummes Missverständnis!", stammelte Dexter aufgeregt.

    "Ein Missverständnis? Ein Missverständnis!!! Jetzt kann ich mein Zeugnis vergessen!"

    Dann hörten sie wieder: "Niiickiiiii! Komme sofort hoch, sonst mache ich dir Beine!"

    "Na schön!", rief Nicki und war außer sich vor Wut, als er Dexter am Arm packte. "Aber du kommst mit!"

    So stapften sie Hand in Hand in die Kapelle hinein. Jeanie hob ihren Brief von der Erde auf und ließ sich auf einen Grabstein sinken. Jetzt verstand sie gar nichts mehr.

     

    Sehr nachdenklich und schweigend beäugte Rufes nochmals die Zeilen, die in krakeliger Handschrift vor ihm lagen. Dann glitt sein stechender Blick zu den beiden Jungen, die zitternd vor ihm standen und sich ganz fest an den Händen hielten. Wie in Zeitlupe musterte er zuerst Dexter dann Nicki.

    Schließlich ergriff er das Wort: "Nun Nicki, mich deucht, dies ist nicht der Antrag für deinen Vormund, dem du mein Zeugnis beilegen wolltest."

    Nicki schluckte und betrachtete angestrengt die feinlinigen Muster der Holzbretter, aus denen der Boden gezimmert war. "Nein Meister, das ist er nicht."

    "Und für wen war der Brief bestimmt?"

    Unsicher tauschten Nicki und Dexter einen Blick. Doch Nicki wusste, dass er keine andere Wahl hatte. Er erwartete so etwas, wie sein eigenes Todesurteil.

    "Für Jeanie Fechter, Meister."

    Entgegen aller Erwartungen, Regeln und physikalischen Gesetzen, spiegelte sich ein Lächeln in Rufes markanten Gesichtszügen.

    "Eine vortreffliche Wahl, mein Junge! Jeanie ist ein äußerst intelligentes, junges Mädchen. Also schnapp sie dir, bevor es jemand anderes tut!"

    Dabei warf er Dexter seltsamerweise einen finsteren Blick zu. Dann wurde er nachdenklich und meinte: "Wisst ihr, manchmal kommt sie mir ein wenig unglücklich vor; als ob sie jemanden ihr Herz geschenkt hätte, der ihre Liebe nicht erwidert."

    "Das haben wir uns auch schon gedacht", sprach Dexter und tat so, als ob er husten musste, damit Rufes sein Lachen nicht bemerkte.

    "Nur ein Narr kann solch reine Liebe ablehnen", sprach Maestro weiter.

    "Oh, er ist ein Narr!", rief Dexter, der vor lauter unterdrücktem Kichern von Krampfanfällen geschüttelt wurde, die der Meister besorgt zur Kenntnis nahm. "Wir kennen ihn zufällig. Außerdem ist er furchtbar alt. Und er stinkt!"

    Dafür erhielt Dexter von Nicki einen wütenden Stoß in die Rippen. Auf Rufes' Stirn bildeten sich Falten: "Bei Gelegenheit solltest du einen Arzt aufsuchen, Dexter. Doch ihr, Nicki, wärt ein hübsches Pärchen. Ihr solltet dabei aber nicht vergessen, Überzieher zu benutzen. Sonst wird euch der Herr mit dem Wunder der Fruchtbarkeit beschenken."

    "Natürlich", antwortete Nicki, der knallrot wurde und gar nicht wusste, wie ihm geschah. "Und das Zeugnis, Meister? Bekomme ich es trotzdem?"

    "Ja." Geräuschvoll holte Rufes ein Blatt Papier hervor und reichte es seinem Azubi, der es auch gleich in den Umschlag des Antrags verstaute. "Obwohl ich nicht glaube, dass Schwester Hildegard dem Antrag zustimmen wird."

    "Sie kann mich nicht ewig ignorieren", antwortete Nicki und verließ zusammen mit Dexter erleichtert das Büro. Den Liebesbrief hatte er wieder eingesteckt, trotzdem war die Sache für ihn gestorben. Es birgte einfach zu viele Risiken.

    Nun ging es schnurstracks zur Oberschwester.

    Jeanie, die eigentlich nicht an das Schicksal glaubte, machte diesmal eine kleine Ausnahme. Rufes hatte ihren Brief nicht erhalten und das war vielleicht auch besser so. Einen zweiten Versuch würde sie nicht riskieren.

     

    In Oberschwester Hildegards Büro.

    "Ich komme wegen dem Antrag", sagte Nicki und nahm vor ihrem Schreibtisch platz. Suchend kramte er in seiner Jackentasche und zog einen von zwei Briefen hervor.

    Der erfahrene Leser ahnt vermutlich schon, um welchen der beiden Briefe es sich handelte.

    "Würden sie ihn bejahen?", fragte er und schenkte der monströs übergewichtigen Schwester das unschuldigste Lächeln, das er zu bieten hatte.

    Als Schwester Hildegard die krakeligen Wörter entzifferte, wurde ihr plötzlich immer wärmer ums Herz und sie fühlte sich so geschmeichelt, wie schon lange nicht mehr.

    "Aber Nicki", gluckste sie lächelnd. "Ich bin mir meiner liebenswerten Natur durchaus bewusst, aber solche Worte von einem jungen Jungen, wie dir. Ich bin gerührt! Und die Verse hast du dir alle selbst ausgedacht?"

    Schon zum zweiten Mal an diesem Tag sah sich Nicki mit einer bitteren Erkenntnis konfrontiert. Es war einfach nicht fair!

    Hilflos rief er: "Aber nein! Damit sind doch nicht sie gemeint! Ihnen würde ich so etwas nie schreiben. Ich bin wegen des Antrags eines Vormundes von Jugendamt hier!"

    Schnell packte er den richtigen Brief aus der Tasche. Doch diese Mühe konnte er sich praktisch schenken. Denn er lernte heute etwas Wichtiges dazu: Nonnen sollte man nicht kränken.

     

    Violetta und Anna diskutierten gerade über die neue, selbst geschnittene Frisur von Olli, dem Küchenzivi, als sie über die Flure schlenderten und Folgendes vor Schwester Hildegards Büro live miterlebten:

    "Und das ist der Dank dafür, dass ich dich damals in mein Kloster aufgenommen habe? Hinaus mit dir und deinen Antrag kannst du vergessen!"

    In hohem Bogen flog ein Junge aus der Tür des Büros hinaus - ja, er flog! - bevor diese sich mit einem lauten Knallen verschloss.

    Und einen ziemlich geknickten Nicki zurückließ.

     

    Nachts in der Kapelle war es diesmal ungewöhnlich still. Die Ereignisse des vergangenen Tages waren für Drake der letzte Beweis, dass Menschen viel zu viel redeten. Für ihn waren Worte die größten Hindernisse wahrer Kommunikation. Daher hatten er und Jeanie sich vorgenommen, diese Nacht kaum etwas zureden. Nur den Geräuschen der Stille zulauschen, wie es Drake nannte. Er konnte gut zuhören. Vielleicht war er ja ein Verwandter von Momo.

    Jeanie hatte eigentlich keinen Bock stundenlang stumm wie ein Fisch auf dem kalten Boden rumzuhocken, doch sie tat Drake den Gefallen. Sie hatte sich sogar eine Eieruhr auf 60 Minuten eingestellt und wollte ihm und sich selbst unbedingt beweisen, dass sie es schaffte, für einige Zeit einmal den Mund zuhalten.

    Endlich rappelte das Ding und sie war erlöst.

    "Puhh! Ich wär' fast geplatzt! Und jetzt bist du dran. Ich glaube nicht, dass du es schaffst", stichelte das Mädchen.

    "Ich schon", sagte Drake ruhig und stellte sich die Uhr. Die Zeit lief und der Vamp lehnte sich gelöst zurück. Und Jeanie, die sich endlos langweilte, hatte natürlich nichts Besseres im Sinn, als zu versuchen den Vampir zum Sprechen zubringen.

    "Stimmt es eigentlich, dass ihr Vamps euch in Fledermäuse verwandeln könnt?"

    Schmunzelnd gebot Drake dem Mädchen, still zu sein.

    "Kennst du den Witz von den zwei Vampiren und der bissigen Tomate?"

    Diesmal hielt er ihr den Mund zu.

    "Schon gut!"

    Zwanzig lange Minuten verstrichen, als plötzlich die Kapellentür mit einem unheimlichen Quietschen aufschwang. Jeanie zuckte zusammen, weil sie dachte, es wäre Maestro Rufes, doch es war nur Lingh. Seltsamerweise quietschte die Kapellentür nur, wenn sie von Vampiren geöffnet wurde. Vielleicht beeinflussten sie die Tür absichtlich, um einen gelungenen Auftritt darzubieten.

    "Seid gegrüßt", sagte Lingh und trat in das Gemäuer.

    "Hallo", erwiderte Jeanie.

    "Hallo Lingh", erwiderte Drake. "Oh Mist."

     

     

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