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Leeloo's Blog

Kapitel 18

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Die Friedhofsclique 18

Das Ende

 

 

Tief in uns liegt die Sterblichkeit

 

 

Diesmal war Maestro Rufes wirklich am Boden zerstört. Er hatte einen Krieg verloren. Seinen Krieg.

Schweigend hielt er die von Schwester Hildegard förmlich geschriebene Kündigung in den Händen. Er hatte den Brief schon vor einigen Tagen erhalten. Heute war sein letzter Tag hier in der Kapelle. Und zufälliger Weise war es auch der letzte Tag der Kapelle.

Die dicke Schwester hatte letztendlich doch mit Zustimmung von Bürgermeister Scheuerwich all ihre Vorhaben durchsetzen können. Noch heute würden die Abrissfahrzeuge ihren Weg zum Marienkloster finden und die Kapelle dem Erdboden gleichmachen. Dann würde darauf eine Kirche für die Novizinnen entstehen und Rufes von einem Priester abgelöst werden. Von Manfred Hasel, wer es genau wissen will.

Was mit seinen getreuen oder weniger getreuen Azubis geschehen würde, konnte Rufes nur vermuten. Doch da sie Schwester Hildegard ebenso wenig wie ihn leiden konnte, schätzte er, dass Dexter und Jeanie in Bälde die Auflösung ihres Ausbildungsvertrages ins Haus geschickt bekamen. Nicki würde wohl wieder auf die Klosterschule gehen müssen.

Nachdenklich räumte Rufes seine Bücher aus dem Regal und packte sie in einen Karton, der auf dem Schreibtisch stand. Er hatte es bis jetzt noch nicht übers Herz gebracht, seinen Azubis Schwesters Neuerungen zu erzählen. Sie wussten noch nicht, dass ihre geliebte Kapelle heute Mittag um 14.00 Uhr nicht mehr sein würde.

Der Prediger holte tief Luft: "Nicki! Dexter! Jeanie! Bewegt gefälligst eure kleinen... kommt mal schnell hoch und helft mir tragen!"

Diesmal stoppte er nicht die Zeit, um zu erkunden wie lange sie brauchten, um seiner freundlichen Aufforderung folge zu leisten.

Als Dexter den Umzugskarton sichtete, vermutete erst einmal etwas völlig falsches: "Klasse Meister! Wurde ja auch Zeit, dass sie mal ihre Bude ausmisten!"

Auch Nicki und Jeanie fassten es so auf. Doch Jeanie hatte in ihrer Verliebtheit gelernt auf Anhieb jede Stimmungsschwankung des Meisters zu erkennen. Irgendetwas stimmte nicht. Noch bevor Rufes Dexter und Nicki den Karton übergeben konnte, fragte sie kleinlaut: "Ist etwas nicht in Ordnung Meister?"

Rufes schluckte. Er hatte insgeheim gehofft, dass seine Azubis nichts fragten, doch Jeanie konnte hervorragend aus seinen Gesichtszügen lesen - auch wenn er versuchte sich zu verstellen. Nicki und Dexter hielten inne.

Rufes straffte die Schultern. Es hatte ja doch keinen Zweck. Er würde ihnen damit das Herz brechen, aber wenn sie es so wollten...

"Hört zu. Es hat sich etwas geändert." Nachdem er seine Schilderungen beendet hatte, waren die Azubis schockiert.

"Heute Mittag kommt die Abrissgesellschaft", fügte Rufes mit trockenem Mund hinzu. "Wenn ihr also noch etwas Persönliches hier aufbewahrt, solltet ihr es besser mitnehmen."

Stille. Die Azubis konnten kaum glauben, was sie da gehört hatten. Ihre geliebte Kapelle! Das durfte nicht sein! Und was sollte dann aus ihnen werden?

Jeanie konnte sich nicht mehr beherrschen und fing an, Rotz und Wasser zuheulen. Dieses vergammelte Gemäuer war doch ihr einziger Zufluchtsort! Und die Vampire? Es war keine Zeit mehr sie zu warnen, geschweige denn sie in Sicherheit zubringen. Das Tageslicht würde sie verbrennen, falls sie den Steinschlag der einstürzenden Decke noch überleben sollten.

Nicki und Dexter machten sich indessen jedoch auch über ihre Zukunft sorgen. Nicki wusste jedenfalls genau, was sein bitteres Schicksal sein würde.

"Es hat wohl nicht sollen sein", sprach Rufes betrübt.

Nach einem lautstarken Naseputzen, sah Jeanie plötzlich auf. Stumm trat sie auf den Meister zu und fragte mit dünner Stimme: "Und sie, Meister? Was machen sie dann?"

Dexter und Nicki hielten die Luft an. Sie wussten schließlich, um was es bei Jeanie ging.

"Ich werde mir wohl eine andere Kapelle suchen müssen. Und zwar möglichst weit weg von hier!", blaffte er wütend.

Das Mädchen war entsetzt. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so hilflos gefühlt. Die Tränen schossen ihr abermals in die Augen, als sie verzweifelt rief: "Oh nein, Meister! Bitte nicht! Bitte nehmen sie mich mit! Es ist mir egal, wo sie danach hingehen!"

Maestro Rufes wusste gar nicht mehr, was er sagen sollte. Dass Jeanie gleich einen Nervenzusammenbruch erlitt, hätte er nicht gedacht. Tröstend nahm er sie in die Arme und beklagte sich noch nicht einmal, obwohl sie seine Kutte mit ihren Tränen ganz feucht machte. Er hatte keine Ahnung, weshalb sie es so schlimm fand, dass er ging. Eigentlich hatte er seine Azubis doch nur herum kommandiert, oder?

"Nein, bitte gehen sie nicht..."

Vielleicht hatte er doch etwas falsch gemacht. Nur mit viel gutem Zureden schaffte er es schließlich, sich aus ihrer Umklammerung zu befreien.

"Packt den restlichen Kram zusammen", befahl er den Jungs. Die blieben jedoch stehen. Waren heute denn alle verrückt?

"Und wenn wir uns das einfach nicht gefallen lassen?", fragte Nicki.

"Wir könnten doch um die Kapelle kämpfen!", spann Dexter den Gedanken weiter.

"Unsinn." Mit einem Stofftaschentuch versuchte er sich vergeblich die nassen Stellen von der Kutte zu wischen.

"Also ich finde, wir sollten nicht einfach so aufgeben! Wie wäre es mit einem Sitzstreik oder so?", rief Nicki begeistert.

"Schlagt euch diese Hirngespinste aus dem Kopf!"

Da hörte er ein erneutes Schluchzen. Jeanie, die so eben hoffnungsvoll den Kopf gehoben hatte, bekam schon wieder feuchte Augen. In Gedanken malte sich Rufes schon die neuen Flecken auf seiner Kutte aus. Ein Hauch von Panik schwang in seiner Stimme mit, als er schnell sagte: "Aber andererseits... nun, vielleicht wäre es einen Versuch wert. Na obwohl..."

Die Azubis musterten ihn gespannt. Es gab kein zurück mehr.

"Nun gut. Sollen sie nur kommen. Wir werden ihnen einen gebührenden Empfang bereiten! Nicki und Dexter, ihr geht zum Kloster, Verteidigungsmaterial besorgen. Etwa faules Obst oder derartiges. Und wir, Jeanie, werden einige Vorbereitungen in der Kapelle treffen. Sollen sie nur versuchen, unseren Eden zu erobern!"

Freudestrahlend hüpften die Azubis in die Luft und machten sich sogleich an die Arbeit. Rufes und Jeanie trugen sämtliche Kirchenbänke zur Eingangstür und stellten sie zur Verbarrikadierung bereit. Auch das Sakristeifenster wurde zugestellt und sogar vernagelt. Schließlich ging es um alles oder nichts. Kaum eine halbe Stunde später waren die Jungs zurück. Nicki hatte eine ganze Kiste gammeliges Obst und faule Eier aufgetrieben. Dexter kam gleich mit einem Super Socer 2000 und einer Tüte alter Feuerwerksraketen an.

"Ich habe den Priester Manfred Hasel gesehen!", teilte Nicki ganz außer Atem den anderen mit. "Er ist auf dem Weg zur Kapelle."

"Dieser Dilettant wird mein Gotteshaus nicht betreten!", rief Rufes außer sich.

"Warten sie, Meister!", warf Jeanie mit funkelnden Augen ein. "Ich glaub', ich weiß da was Besseres..."

 

Der junge, pickelige Priester stand recht unsicher vor der geschlossenen Kapellentür. Er verband keine sonderlich angenehmen Erinnerungen mit diesem Bauwerk. Diesmal hatte ihm Schwester Hildegard ausdrücklich gesagt, dass die kleine Kirche vollkommen leer stand. Trotzdem war sie nicht mit ihm zur Kapelle gegangen. Sie hätte soviel zu tun, hatte sie gesagt.

Es war alles ganz still, doch Hasel wollte dem Frieden nicht so recht trauen. Doch irgendwann musste er ja reingehen. Also nahm er seinen ganzen Mut zusammen und öffnete die Tür.

Erleichtert stellte er fest, dass die Oberschwester recht gehabt hatte. Es war wirklich niemand da.

"Jetzt!!!!"

 

Das nächste an was sich Hasel wieder erinnerte, war, dass er gefesselt neben dem Altar saß und ihm der Kopf ziemlich wehtat. Die Kapellentür war mit vielen Kirchenbankreihen verbarrikadiert, so dass keiner mehr raus oder rein kam.

"Oh Gott...", stöhnte Hasel.

Oben aus dem Büro kamen Stimmen.

"Wenigstens haben wir jetzt eine Geisel", meinte Dexter.

"Ich finde wir sind bestens vorbereitet", fügte Nicki hinzu.

"Wie spät ist es?", fragte Rufes.

"Zehn Minuten vor 14.00 Uhr", antwortete Jeanie aufgeregt.

"Dann gehen wir jetzt hoch zum Glockenturm. Vergesst unsere Munition nicht. Und Hasel bringt ihr auch mit."

Nicki und Dexter seufzten. Es war nicht gerade einfach, das schwere Zeug die Wendeltreppe hoch zutragen.

 

"Hoch auf dem gelben Wagen, sitz ich beim Schwager vorn!

Vorwärts die Rosse traben, lustig schmettert das Horn,...", trällerte Gärtner Greulich gut gelaunt, als er die Arbeiter des Abrissunternehmens den Waldweg hinunter zur Kapelle führte.

"Berge und Täler und Auen, leuchtendes Ährengold.

Ich möchte in Ruhe gern schauen, aber der Wagen, der rollt!"

Leicht genervt schlenderten ihm die Bauarbeiter hinterher. Gegen einen Fanatiker der Volkstümlichen Hitparade ließ sich leider nicht allzu viel ausrichten.

"Kennt ihr denn wenigstens 'Das Wandern ist des Müllers Lust?'", fragte der Gärtner höflich.

"Ja!!!", antworteten die armen Leute im Chor. "Du brauchst es uns nicht vorzusingen!"

"Oh.. . Na jedenfalls finde ich es wunderbar, dass ma' endlich jemand kommt, um unsere alte Kapelle zu renovieren."

"Wir werden sie nicht renovieren, sondern abreißen."

"Oh........"

Geduldig winkte der Chef des Abbruchunternehmens - nennen wir ihn aufgrund eines besonders auffälligen äußeren Erscheinungsmerkmales den großen, krümeligen 'Schnauzer' - das Abrissfahrzeug mit der schweren Abrissbirne heran. Jeanie, die zusammen mit den anderen oben auf dem Glockenturm stand, konnte bei den schweren Geschützen nur mit dem Kopf schütteln. Denn für die baufällige Kapelle war eine Abrissbirne eigentlich gar nicht nötig. Es hätte vollkommen ausgereicht, wenn Dexter einmal kräftig einen Fußball gegen die Wand geschossen hätte.

Als sie von den Arbeitern gesichtet wurden, winkten sie ihnen fröhlich zu: "Kuckkuck!"

"Was soll das denn?", rief der Schnauzbart, der einen gelben Schutzhelm auf dem Kopf trug. "Da oben sind ja noch Leute! Geht mal den Auftraggeber holen."

Etwa eine viertel Stunde später kam Schwester Hildegard angewackelt und warf ihren enorm großen Schatten auf das Gebäude. Mit Tränen in den Augen flüsterte sie andächtig: "Diesen Anblick habe ich schon so lange ersehnt. Das ist der schönste Tag in meinem Leben!"

"Aber wir können es nicht abreißen, weil noch Leute oben sind", erklärte Schnauzer.

"Ach so, geht das nicht trotzdem? Hmm... Maestro Rufes! Jetzt sein sie doch nicht kindisch!"

"Wir haben eine Geisel!", rief Rufes hinunter und zerrte den armen Hasel in die Höhe. Der schrie hinunter: "Sie sagten doch es wäre niemand mehr hier!"

"Tut mir leid", rief die Oberschwester. "Das war nur eine Notlüge, sonst wären sie ja nicht hineingegangen!"

"Bringe Hasel wieder hinunter", wies Rufes Dexter an. Zu Schwester Hildegard rief er: "Schicken sie das Abrissfahrzeug weg. Dies ist meine letzte Warnung!"

"Niemals!"

Und prompt zerschellte ein faules Ei auf ihrer gigantischen Brust.

"Du kannst klasse werfen, Jeanie", lobte Nicki die junge Schützin.

"Na ja, das Ziel ist groß genug."

"Die kleine Göre ist ihnen unterstellt, nicht wahr?!", fauchte die Schwester den Gärtner an. Zeit zum Antworten blieb ihm jedoch nicht, da ein wahrer Hagel an Obst und Gemüse auf sie herunterschoss. Dexter, der inzwischen wieder oben war, hatte seine Super Socer mit Wasser voll getankt und feuerte damit auf die Bauarbeiter.

Schwester Hildegard hatte sie angewiesen, die Kapelle zu stürmen und Maestro und seine Azubis mit Gewalt herauszuholen, doch die Arbeiter gaben schon bald auf. Denn von oben ließen es Jeanie und Rufes frisch entzündete Feuerwerksböller regnen und das war dem härtesten Arbeiter zuviel. Immerhin hatten sie ja alle Familie.

 

Hasel, der gezwungener Maßen wieder am Altar hockte, hörte mit zunehmender Besorgnis den Krach von draußen. Dann wendete er sich wieder dem schwarzen Kapellenkater zu, mit dem er soeben ein ziemlich einseitiges Gespräch begonnen hatte.

"Ich weiß, dass du mich verstehst", erklärte Hasel. "Franz von Assisi konnte doch auch mit euch reden!"

"Klar verstehe ich dich, aber ihr Menschen seid zu doof, um unsere Sprache zu sprechen. Und dass wir eure komischen Laute lernen sollen - mal ganz zu schweigen von der Grammatik -, kommt ja gar nicht in Frage!"

Hasel nahm natürlich nur ein lang gezogenes Miauen wahr.

"Also, wenn du mir einen scharfen Gegenstand besorgst, damit ich meine Fesseln durchschneiden kann, wäre ich dir wirklich sehr dankbar...", fuhr Hasel fort.

"Na und?" Miau.

"Ich werde dir auch etwas dafür geben. Meinen Segen und einen ganzen Trog Futter verspreche ich dir!"

Nosferatu überlegte. Da weder der Meister noch seine Azubis daran dachten, ihn zu füttern, war es nicht absehbar, wann er wieder etwas zwischen die Zähne bekommen würde. "Ich weiß nicht, euch Menschen kann man doch nicht trauen." Miau.

"Ein Trog Futter, nur damit du mich hier befreist. Na komm, vertrau mir."

Dem Kater war völlig klar, dass er mit dieser Befreiung Verrat an seinen Möchtegern-Besitzern ausübte. Aber manchmal musste man Opfer bringen. "Na schön, aber nur, weil du ein echter Geistlicher bist." Miau.

Hasel erstaunte sehr, als der Kater fort ging und auf einen der Schränke zu schlich. Nosferatu wusste genau, wo die Sägen und Messer aufbewahrt wurden. Es war immer Werkzeug in der Kapelle, da die Verstorbenen während der Leichenstarre manchmal einfach nicht ohne gewisse handwerkliche Kniffe in die Särge zu kriegen waren.

 

Die Oberschwester sah inzwischen aus, wie ein riesiges Gemüsegratin.

"Es hat keinen Sinn", schnaufte sie atemlos. "Ich werde Polizeioberwachtmeister Chicomocomoco holen und der wird es ihnen dann schon zeigen. Ihr Arbeiter könnt so lange Pause machen."

Das ließen sie sich nicht zweimal sagen und vesperten gemütlich in dem Abrissfahrzeug. Schwester Hildegard rief bedrohlich: "Ich komme wieder!" nach oben und watschelte mit Herrn Greulich im Schlepptau davon.

Oben im Glockenturm machte sich Erleichterung breit.

"Wir haben sie vertrieben!", rief Nicki ausgelassen.

"Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben", gab Rufes zu bedenken. "Sie kommen bestimmt mit Verstärkung zurück und unsere Munition ist aufgebraucht. Lange können wir die Kapelle nicht mehr verteidigen. Wir brauchen unbedingt Hilfe. Nicki, du läufst ins Kloster und trommelst alle Novizinnen zusammen. Aber lass dich nicht von den Nonnen erwischen! Und du Dexter fährst ins Dorf und holst Gräfen und meine übrigen Kirchgänger. Und rufe die Zeitung an, diese Geschichte dürfte sie interessieren. Sputet euch. Viel Glück!"

"Und Ihr?", fragte Nicki.

"Wir halten hier die Stellung."

Mit vereinten Kräften hievten sie die echt-deutsche-Eiche-Bänke von der Tür weg, damit Nicki und Dexter nach draußen konnten. Die Arbeiter nahmen glücklicherweise gar keine Notiz von den beiden.

Und noch jemand raste raus. Der junge Priester. Jeanie, Maestro und Nosferatu blickten ihm enttäuscht hinterher. Besonders der Kater fühlte sich angeschmiert, da er für seine Mühen natürlich nicht von Hasel belohnt worden war. Trotzig fauchte er dem Flüchtenden hinterher. Dann kauerte er sich zusammen und meinte bitter enttäuscht: "Ach was soll's?! Ich setz mich hoch ins Büro und leck an meinem Genital..."

 

Als Nicki in den Zimmertrakten des Klosters herumschlich, hatte er das Glück genau auf Anna und Violetta zu treffen. Aufgeregt erklärte er ihnen was geschehen war und fragte sie, ob sie mitkommen würden, um die Kapelle zu retten. Anna war sofort Feuer und Flamme, denn auch sie hatte schon in so mancher Nacht die Stille der kleinen Kirche aufgesucht. Violetta hingegen hatte nur wenig Lust mitzukommen.

"Alssso ich weißßß nicht...", murmelte sie schulterzuckend.

Da meinte Nicki ganz nebenbei: "Dexter ist übrigens auch da..."

"Echt? Och, vielleicht komm ich doch mit."

"Aber zuerst trommeln wir noch die anderen zusammen!"

 

Dexter hatte es etwas einfacher, seine Leute einzusammeln. Denn heute tagten alle älteren Leute von St. Stilisten in ihrem Klubhaus. Steinmetz Gräfen war erster Vorsitzender des Vereins 'Des Alten Mannes Rückenbeschwerden e. V.', indem natürlich auch Frauen und Leute ohne Rückenleiden zugelassen waren. Als Dexter dem Steinmetz berichtete, was mit der Kapelle geschehen sollte, brach Gräfen kurzerhand die Sitzung ab und marschierte mit der gesamten Rentnerschar zum Nonnengarten.

 

"Das sieht nicht gut aus", sagte der Meister in bedauerlichem Tonfall. Er und Jeanie standen im Büro und lugten vorsichtig aus dem Fenster. Zu Schwester Hildegard, ihren Nonnen und der Abrissgesellschaft gesellte sich nun auch noch die lutheringer Polizei. Eigentlich rief niemand, der etwas auf sich hielt Hilfe aus Lutheringen, aber Schwester Hildegard machte eben alles ein bisschen anders.

Polizeioberwachtmeister Chicomocomoco störten Einsätze in Stillisten allerdings nur wenig. Da er dunkelhäutig war, waren ihm regionale Einsätze lieber als die Zusammenarbeit mit Kollegen eines fremden Polizeireviers. Es hatte schon zu oft Zwischenfälle gegeben, bei denen er für den Drogendealer gehalten und eingesperrt wurde, während man die wahren Täter laufen ließ.

Chicomocomoco umrundete die Kirche, um nach einer Eintrittsmöglichkeit für sich und seine Leute zu suchen. Es gab keine. Also wies er seine Unterstellten an, die Kapellentür mit Gewalt zu öffnen. Schwester Hildegard klatschte begeistert in die Hände und feuerte die Polizei an. Dann nahm sie Stirn runzelnd wahr, dass sich inzwischen einige der Novizinnen ebenfalls hier versammelt hatten.

 

Verzweifelt stemmten sich Jeanie und Rufes gegen die Holzbänke, die die Tür blockieren sollten.

"Es ist zu spät!  Sie werden meine Kapelle stürmen!", brüllte Rufes hoffnungslos.

"Aber wenn sie uns rausholen, werden sie sie zerstören!", schrie Jeanie, deren Tränen die Backen hinunterkullerten. Es war einfach ausweglos! Rufes würde sie verlassen und die Vampire würden sterben.

'Die Vampire!', Jeanie hatte einen Einfall. Doch der Preis war verdammt hoch. Sie musste dazu dem Meister ihr Geheimnis zwischen sich und den Vamps beichten. Tja, leider blieb ihr nichts anderes übrig.

Die Polizisten hackten draußen wohl mit einer Axt auf die Tür ein und die Stöße schoben die Bänke jedes Mal weiter um ein Stückchen zurück. Jeanie und Rufes versuchten noch immer dagegenzuhalten und sie waren beide tropfnass vor Anstrengung.

"Meister! Wir könnten uns verstecken!", rief das Mädchen. "Wenn sie uns nicht finden, können sie die Kirche auch nicht abreißen!"

"Das hat keinen Sinn. Sie werden in jedem Schrank suchen."

"Aber ich kenne ein Versteck, wo sie uns nicht finden!"

Rufes horchte auf: "Und das wäre?"

Jeanie löste sich von den Bänken und schnappte sich einen Kerzenständer. Damit hebelte sie die lose Steinplatte zur Seite und öffnete den Eingang zur Vampirgruft. Hoffnungsvoll blickte sie zu Rufes, der nun gleichfalls nicht mehr gegen die Bänke drückte, und meinte: "Da drin werden sie uns nicht finden."

Der Prediger nickte: "Also gut."

 

Nicki war inzwischen zu Dexter gestoßen und gemeinsam liefen sie nun durch ganz St. Stilisten, um noch mehr Sympathisanten der Kapelle zu finden. Doch leider waren die meisten Leute nicht zu Hause oder hatten schon etwas besseres vor. Daher beschlossen die zwei wieder zur Kapelle zurück zu laufen.

 

"Wo kommen denn die ganzen Menschen her?", fragte Schwester Hildegard, die sich von Novis, Rentnern und Fotographen der Bildzeitung geradezu umzingelt fühlte. Da postierte sich der Steinmetz vor sie: "Wir demonstrieren gegen den Abriss unserer schönen Kapelle!"

Und gemeinsam rief der Verein 'Des Alten Mannes Rückenbeschwerden e. V.' im Chor: "Gebt der Kapelle eine Chance! Gebt der Kapelle eine Chance!"

 

Den Eingang der Gruft hatte Jeanie wieder sorgfältig verschlossen. Langsam kletterte sie hinunter zu Rufes, der die Höhle mit einem siebenarmigen Kerzenständer ausleuchtete. Jetzt wusste er, wo die Särge standen, die ihm vor einigen Jahren abhanden gekommen waren. Er hatte es damals für einen Jungendstreich gehalten, doch da hatte er sich wohl geirrt.

"Hallo Jeanie, Hallo Maestro", erklang eine Stimme aus einem der Särge.

"Hallo Drake", erwiderte Jeanie und setzte sich leise zu Rufes auf den Boden. Oben waren Geräusche zu hören. Die Polizei war in die Kapelle eingedrungen.

"Dann warst du also diejenige, die den Kontakt mit den Vampiren pflegte", stellte der Prediger fest. Jeanie ließ schuldbewusst die Schultern hängen.

"Ich wusste schon lange von den Vampiren und dass einer meiner Azubis mit ihnen verkehrte, aber dass du die jenige bist! Das hätte ich nie von dir gedacht."

"Tut mit leid..."

Drakes Stimme erklang wieder: "Nimm sie doch nicht so hart ran, Rufes. Sie hat immer ihr bestes gegeben."

"Du weißt, was oben los ist, nicht wahr Drake?", fragte das Mädchen bitter.

"Ja."

"Nun, so sei es. Ich vergebe dir", sprach Rufes großzügig. Jeanie nickte, doch viel besser fühlte sie sich nicht. Von oben hörten sie Schritte und Stimmen. Chicomocomoco ließ alles gründlich durchsuchen.

Jeanie und Maestro warteten. Was mussten wohl gerade die Vampire durchmachen? Vielleicht waren dies die letzten Stunden ihres ewigen Lebens.

 

"Es ist niemand drin", gab der Polizeioberwachtmeister seine Erkundungen irritiert an die Oberschwester weiter. "Aber ich könnte schwören, dass wir vorhin beim Tür aufbrechen Stimmen in der Kirche gehört hatten."

Schwester Hildegard schlug ihre Stirn in Falten: "Vielleicht sind sie hinausgegangen, während wir fort waren." Fragend wendete sie sich an den Schnauzbart: "Sie waren doch die ganze Zeit hier. Haben sie niemanden das Gebäude verlassen sehen?"

Er dachte tatsächlich einen Augenblick lang nach - jedoch ohne sich dabei ernsthaft Mühe zugeben: "Ja ich glaube, da sind welche raus gelaufen..."

"Und wie viele?"

"Tja pffff...."

Schwester Hildegard fasste einen Entschluss: "Augenscheinlich ist das Gebäude leer, oder? Also reißen sie es endlich ein!"

"Das wurde ja auch Zeit."

Trotz lautstarker Proteste aller Anwesenden wurde das Abrissfahrzeug vorgefahren und nahm seine Aufstellung vor der Kapelle ein. Und wer es nicht besser wusste hatte den Eindruck, einen entsetzten Gesichtsausdruck auf der Front des kleinen Gemäuers zu erkennen.

 

Nicki und Dexter hatten den Nonnengarten erreicht. Da sie das Abrissfahrzeug hörten, fingen sie an zu rennen, als ginge es um ihr Leben.

 

"Hören sie das auch?", fragte Jeanie den Meister.

"Das Motorgeräusch? Ja. Vielleicht wäre es besser, wir gehen wieder hoch zum Glockenturm und winken runter."

"Ja, glaube ich auch."

Zügig kletterten Jeanie und Rufes wieder nach oben und schoben die Steinplatte beiseite. Es war niemand außer ihnen hier. Nosferatu hatte sich schon vor ein paar Minuten in Sicherheit gebracht und war aus der Kapelle geschlüpft.

Gentlemanartig half Jeanie dem Meister aus der Gruft.

 

Die Abrissbirne schwang zurück. Da kamen zwei Jungs auf den Menschentrubel zu gerannt, von denen einer blond war. Er schrie so laut er konnte: "Nein! Stopp! Da sind noch Leute drinnen!"

Nur mit Mühe bekam Chicomocomoco den Jungen an der Jacke zu fassen und riss ihn rüde zurück. "Du kannst da jetzt nicht reingehen, Junge! Siehst du nicht, dass das Gebäude abgerissen wird?"

"Aber da sind noch welche drinnen! Jeanie! Meister!", Nicki war außer sich und konnte sich von dem Polizisten nicht losreißen, so sehr er auch zappelte und um sich schlug. Da bemerkte er, dass Dexter wie erstarrt neben ihm stand. Dexters Augen folgten der Abrissbirne, die unaufhaltsam nach vorne an den Glockenturm schwang.

"Nein! Nicht!", kreischte er.

 

Ein schreckliches, tosendes Geräusch zerriss die angespannte Stille in der Kapelle. Jeanie und Rufes, die gerade zur Holztreppe unterwegs waren, blieben plötzlich wie versteinert stehen und starrten zur Decke, die ihnen entgegen fiel. Besonders Rufes stand ungünstig, denn ein Teil der Decke krachte genau über ihm zusammen.

Und das konnte Jeanie natürlich nicht zulassen. Niemals würde sie ihre große Liebe im Stich lassen! Ohne zu überlegen, sprang sie auf Rufes zu und stieß ihn aus der Gefahrenzone. Das Dumme war nur, dass ihr nun keine Zeit mehr blieb sich selbst zu retten. Die schweren Steine begruben das dürre Mädchen unter sich.

Leider waren ihre Bemühungen umsonst gewesen. Weitere Steine lösten sich von der Decke und fielen auf Rufes, der umknickte und ebenfalls zu Boden stürzte.

 

Die beiden schreienden Jungen waren weder den Arbeitern noch Schwester Hildegard entgangen.

"Was sagt ihr da? Es ist noch jemand drin? Fahrt die Abrissbirne zurück!", rief Schnauzer seinen Männern zu.

"Ich rufe einen Krankenwagen", lies Anna verlauten und rannte in Richtung Klostergebäude. Die Polizisten waren hingegen weitgehend damit beschäftigt Violetta, Nicki und Dexter am betreten der Kapelle zu hindern.

 

…und plötzlich war alles ganz still.

Dafür war es jetzt heller in der Kapelle, da in der Decke ein großes Loch klaffte.

Schmerzen, Schmerzen, es tat so weh. Jeanie hatte ein so furchtbar lautes Krachen in ihrem Brustkorb gehört und jetzt tat ihr das Atmen so weh. Jeder Atemzug war schlimmer als tausend Dolchstöße. Doch sie musste atmen! Jeanie dachte nur an Rufes, der verwundet neben ihr lag und sich nicht rührte. Sie musste es ihm sagen, jetzt oder nie! Es war die letzte Möglichkeit, jetzt bevor sie starb. Unter allergrößter Anstrengung öffnete sie den Mund und versuchte zu sprechen: "Hsssfff… " Sie versuchte es noch einmal: "Meister..."

Rufes stöhnte.

"Meister, ich muss ihnen etwas sagen." Wieder liefen Tränen, vermutlich ihre letzten.

Rufes stöhnte erneut.

"Ich liebe sie!"

Maestro Rufes hatte grässliche Schmerzen und mit solchen Geständnissen zu solchen unpassenden Zeiten am allerwenigsten gerechnet. Er antwortete nur: "Ach so."

Dann fühlte er Jeanies Hand nach seiner tasten. Sie fühlte sich feucht und klebrig nach Blut an. Er drückte sie trotzdem.

Dann erschlaffte Jeanies Hand. Und seine ebenfalls.

 

"Autsch! Du kleiner Bengel!", Chicomocomoco mochte es gar nicht, wenn ein Junge, der zwei Köpfe kleiner war, als er, ihm einen derartigen Stoß mit dem Ellenbogen in die Magengegend verpasste. Doch Nicki hatte es damit nun endlich geschafft, den Polizisten loszuwerden. Niemand hielt ihn mehr auf, als er in die Kapelle stürmte.

Und der Anblick, der sich seinen Augen bot, war wesentlich schlimmer, als jemals vermutet. Beide lagen bewegungslos und unter schweren Steinen verschüttet.

"NEEEEIIIIIIIIN!!!!!!"

Schreiend und weinend warf sich Nicki zu seiner Jeanie und dem Meister auf die Erde.

"Sie sind tot!", schrie er. "Sie sind tot!"

Hektisch räumte er die Steine von Jeanies Brust und wiegte ihren Körper heulend in den Armen. Dexter, Chicomocomoco, Violetta, Schwester Hildegard, der Schnauzer und noch einige der anderen betraten langsam und still die Ruinen der Kapelle. Nicki sah schluchzend auf.

"Sie sind tot", wiederholte er monoton. "Sie sind tot."

 

 

 

 

Lieber Leser!

Das ist die Stelle an der normalerweise die Werbung kommt. Oder FORTSETZUNG FOLGT. Doch diese spektakuläre Geschichte hat gleich zwei Enden:

Für alle Pessimisten, die traurige Enden lieben, ist der Roman daher an dieser Stelle beendet. Die Liebende kam nie mit ihrem Schwarm zusammen. Dafür sind sie aber gemeinsam gestorben. Und das ist doch auch etwas. Hart und bitter, fast wie im richtigen Leben.

Eigentlich reicht dieses Ende vollkommen, doch leider gibt es ja auch bestimmt viele Liebhaber von triefend schmalzigen Schnulzen unter Euch Lesern. Und ich finde, dass man auch Euch eine Chance geben sollte. Wenigstens eine kleine.

Also schön.

 

 

"Nein sie leben noch", sagte der Sanitäter, der den zwei Verletzten den Puls fühlte.

"Wirklich?!", fragte Nicki. Dann fiel ein Blitzlichtgewitter auf ihn herab und jemand hielt ihm ein Mikro ins Gesicht: "Herr Klostergarten, was fühlen sie jetzt?"

"Was ich fühle!?"

"Kann nicht mal jemand die Presseleute nach draußen bringen? Ich versuche hier meine Arbeit zu machen!", fluchte der Sani.

Mit leeren Blicken beobachteten Dexter und Nicki, wie Jeanie und der Meister auf eine Trage gelegt und in den Krankenwagen gebracht wurden. Rufes war inzwischen wieder aufgewacht und gab den Paparazzi ein Interview.

"Es ist alles Oberschwester Hildegards Verschulden! Sie hatte schon seit langem geplant gehabt, diese idyllische Kirche, diesen Ort des Friedens und der Besinnung einfach zu vernichten. Selbstverständlich konnten meine Azubis und ich dieses nicht zulassen!"

Jeanie hingegen regte sich nicht und Nicki konnte nur hoffen, dass sie jemals wieder aufwachte.

 

 

Zwei Monate später.

Der Frühling hatte St. Stilisten auch dieses Jahr nicht im Stich gelassen und war wie versprochen zurückgekommen. Die Vögel waren erstaunlicher Weise wiedergekehrt und auch die Blumen hatten sich nicht lumpen lassen und streckten ihre Hippie-Köpfe aus der Erde.  Die Bundesgartenschau wäre ihnen zwar lieber gewesen, als dieses blöde Kaff, aber in Stilisten zublühen war immer noch besser, als gar nicht zublühen...

Der Nonnengarten war in neuem Glanz erstrahlt. Und auch die Kapelle.

Wie gewohnt hockten Nicki und Dexter - der mal wieder verbotenerweise rauchte - auf den Eingangsstufen, während Maestro Rufes drinnen ein paar Blumengestecke richtete.

"Mann, ich dachte, sie wollte heute noch vorbei kommen. Heut ist doch ihr Entlassungstag", jammerte Nicki.

"Reg' dich ab, sie kommt schon noch", sprach ihm Dexter gut zu.

"Hallo Jungs!"

"Jeanie!"

Stürmisch wurde das Mädchen von den beiden begrüßt. Sogar so stürmisch, dass sie beinahe umgefallen wäre, denn immerhin hatte sie noch einen dicken Gips am rechten Bein und musste an Krücken gehen. Und noch jemand stand an ihrer Seite: VATRA. Allerdings hatten sich Nicki und Dexter schon an den Dämon gewöhnt, da er die letzten Wochen mit Jeanie im Krankenhaus gewohnt hatte und immer anwesend war, wenn die beiden sie besucht hatten. Wahrscheinlich war VATRA auch der Grund, weshalb Jeanie viel früher entlassen wurde, als es eigentlich vorgesehen war.

Heute war Jeanies großer Tag. Denn jetzt, wo endlich raus war, dass VATRA sie mit einem Liebesfluch belegt hatte, konnte Rufes helfen, denselben von ihr zu nehmen. Doch wenn sie zurück blickte, musste sie zugeben, dass sie vieles nicht erlebt hätte, wenn der Fluch nicht gewesen wäre. Immerhin hatte sie bei ihrer Odyssee ja auch ziemlich viel gelernt. Eins davon war, dass Dämonen und andere spiritistische Lebewesen eigentlich soweit ganz in Ordnung waren. Jedenfalls weitaus ungefährlicher als viele der Menschen, denen sie Einhalt gebieten sollten. Sie hatte auch gelernt, dass Vampire doch ein Spiegelbild hatten. Lingh zum Beispiel, bewunderte sein Antlitz von allen Seiten recht oft in Spiegeln. Und sie hatte in Erfahrung gebracht, dass es nur etwas Sekundenkleber bedurfte, um ein abgerissenes Mumienohr wieder anzukleben.

Nun, mit VATRA war das so eine Sache. Jetzt, wo er bei ihr wohnte, hatte er es sich zum Hobby gemacht, Jeanie überallhin zu begleiten. Wenn sie mit Nicki und Dexter unterwegs war, gab es natürlich keine Probleme, da die Jungs über den Dämon bescheid wussten. Doch wenn Jeanie bei wildfremden Leuten mit diesem vermeintlichen Hund aufkreuzte, der dann auch noch anfing sarkastische Bemerkungen von sich zu geben, gab es etliche Schwierigkeiten. Jeanie behauptete in diesen Fällen immer, dass es sich bei VATRA um einen rumänischen Zirkushund handelte. Natürlich glaubte ihr das niemand ernsthaft, doch die meisten Leute zogen es vor, lieber nicht noch einmal nachzufragen. Nun, wer behauptete schon, dass das Leben mit einem Dämon einfach war?

"Die Kapelle sieht ja super aus!", platzte es aus Jeanie heraus. Immerhin war der Glockenturm schon fast wieder vollständig aufgebaut. Um die gesamte Kapelle herum hatte man ein Stahlgerüst errichtet. Schließlich sollten bei der Renovierung keine Kosten gescheut werden. Man konnte sagen, dass sie das gammelige Gemäuer bereits jetzt schon in ein strahlendes Schlösschen verwandelt hatten.

Nach Schwester Hildegards Skandal, der in allen Zeitungen gestanden hatte, war Bürgermeister Scheuerwich sehr bemüht gewesen seine Weste rein zu waschen und hatte einen Hilfsfond für die Kapelle ins Leben gerufen. Außerdem hatte er für Maestro Rufes einen Arbeitsvertrag auf Lebenszeit bei der Oberschwester ausgehandelt.

Nun bliebe noch zu erwähnen, dass sich auch die Vampire bester Gesundheit erfreuten. Rufes hatte einzig den Steinplatten-Boden der Kapelle wohlwissentlich nicht renovieren lassen.

Die einzigen Gearschten - außer Schwester Hildegard natürlich - waren die netten Leute von der Bildzeitung. Sie waren ziemlich eingeschnappt, weil Jeanie nun doch nicht tödlich verunglückt war, denn das hätte die Schlagzeile perfekt gemacht. Daher wurde die Nachricht von ihrem Überleben zur Strafe auch nur kurz als Randmitteilung erwähnt.

"Hallo, mein Kind!", begrüßte Maestro Rufes Jeanie freundlich, als sie in die Kapelle trat. Sie hatte ihn so sehr vermisst, während der langen Zeit im Hospital...

"Hallo", antwortete sie schüchtern. Ihr war die Situation etwas peinlich, nun wo er wusste, dass sie ihn liebte. Doch Rufes verzog keine Miene und kam gleich zur Sache: "Bist du bereit den Fluch endlich los zu werden?"

"Na klar!"

"Ich hoffe nur, dass es auch klappt. Einen Fluch zu bannen ist kein Kinderspiel."

"Wem sagst du das?", fiel ihm VATRA heiter ins Wort. Rufes ignorierte ihn und wies seine Azubis an, sich in einen Kreis auf den Steinboden zu setzen - natürlich nahm VATRA neben Jeanie platz. In der Mitte des Kreises lagen schwere, alte Bücher, Rosenkränze und Massen Weihwasser. Zudem duftete der Raum nach Weihrauch und war mit zahlreichen Kerzen dekoriert. Rufes hatte schon alles bestens vorbereitet.

Nun setzte sich auch der Meister dazu und lies erst eine stimmungsvolle Stille entstehen, bevor er anfing zu sprechen: "Vorweg eine Frage an den Dämon: Bist du dazu fähig, deinen ausgesprochenen Fluch wieder zurückzunehmen?"

"Eine Antwort an den Alten", sprach VATRA und nahm befriedigt war, wie die Azubis, bei dieser Respektlosigkeit Rufes gegenüber, eingeschüchtert zusammenzuckten. "Ein Fluch kann niemals zurückgenommen oder gebrochen werden - das weißt du doch. Hähä. Und erst recht nicht von mir. Flüche leben, sind sie einmal ausgesprochen. Oh, manche meiner Flüche werden von einigen Familien stolz von Generation an Generation weiter gegeben." Dann drehte er seinen zerfledderten Schädel zu Jeanie und meinte: "Tut mich echt leid für dich, Puppe."

"Aber man kann den Fluch umleiten", warf Rufes ein. VATRA nickte: "Einige erfahrene Kirchenleute können es. Hast du so etwas schon einmal gemacht?"

"Nein, aber es wird schon klappen."

Dexter fühlte sich etwas unwohl und rutsche ein Stück nach hinten: "Aber auf wen wird der Fluch denn dann umgeleitet?"

"Darauf habe ich keinen Einfluss. Der Fluch wird sich die Person selbst aussuchen", sagte Rufes.

"Viel Glück, Leute. Ich wollte schon immer mal bei so etwas dabei sein!", erklärte der Dämon.

"Nun denn", begann Rufes. "Komm in die Mitte des Kreises und ziehe die Rosenkränze über, Jeanie." Sowie sie seiner Aufforderung Folge geleistet hatte, überschüttete er das erschrockene Mädchen mit einem Eimer Weihwasser.

"So, das müsste reichen."

Da ging plötzlich die Kapellentür auf. Violetta stand draußen: "Hey Jeanie! Geht'ss dir wieder gut?"

"Wir sind gerade etwas beschäftigt, Vio", erklärte Jeanie. Doch Violetta lies sich davon keineswegs abhalten und machte Anstalten hineinzukommen. Da erbarmte sich Dexter, der sie immer noch so wenig leiden konnte wie einen Flugzeugabsprung ohne Fallschirm, und lief vor zur Tür, um sie abzuwimmeln.

Nun war die Sitzung durch ihre Diskussion zwar erheblich gestört, doch der Prediger machte trotzdem weiter. Er hatte Hunger und wollte möglichst schnell Feierabend machen.

Daher fing er an, einen solch alten lateinischen Dialekt zu murmeln, den vermutlich noch nicht einmal der Fluch selbst verstand - aber es hörte sich gefährlich und drohend an.

"Evanesco exsecrationis et daemon! Emittere castus virguncula. Evanesco exsecrationis et daemon! Emittere...."

Und so weiter, und so weiter.

"Weiche Fluch! Weiche!"

Schllllllupf.

Jeanie spürte deutlich, wie etwas aus ihrem Körper gekrochen kam. Genauer gesagt aus dem Bauch, dem Sitz ihrer Gefühle. Es fühlte sich eigenartig an und es zog an ihrem Inneren. Ängstlich klammerte es sich an ihre Seele, doch die Austreibungsformel scheuchte es unbarmherzig nach draußen. Egal, es hatte ihm sowieso nie so richtig hier gefallen...

Dann starrten Rufes und Nicki mit offenen Mündern auf Jeanies Hand. Auch sie selbst richtete mit gesträubten Nackenhaaren ihren Blick darauf.

Der Fluch war ein kleines, schwarzes Ding, so groß wie ein mittleres Buch etwa. Und er sah aus wie eine schleimige Mischung aus Tintenfisch und Scampi.

"Oh, ich habe schon schönere ausgesprochen", kommentierte VATRA.

Seine hässlichen Tentakeln ringelten sich. Es schien zu überlegen. Nicki und Rufes hielten die Luft an. Jeden konnte es treffen.

Da blickte das augenlose Ding zu Dexter und Violetta hinüber...

 

"Verpiss dich, Mann! Wir haben hier drinnen was Wichtiges zu tun!", fauchte der Grufti.

"Ich will doch nur meine Freundin bessssuchen!", schimpfte Violetta.

 

...und traf eine Entscheidung.

 

Dexter blieb plötzlich wie angewachsen stehen. Er hatte plötzlich ein ganz seltsames Gefühl. So als ob etwas Kaltes in ihn hineingekrochen wäre. Und als er wieder aufblickte, stand da plötzlich die schönste Frau der Welt vor ihm!

"Du Violetta! Hast du die Haare anders? Du siehst ja so... so... hinreißend aus!", rief er fasziniert. Violetta erstaunte. So etwas hatte ihr Schwarm noch nie zu ihr gesagt!

"Schön, dass esss dir endlich aufgefallen isssst..."

"Ehrlich Vio!", Dexter konnte seine neue Erkenntnis gar nicht fassen. Früher hatte er sie immer für das hässlichste Mädchen der ganzen Klosterschule gehalten und jetzt auf einmal... . Fassungslos lief er um sie herum und beäugte sie noch näher: "Ja wirklich, du siehst total klasse aus! Warum hab' ich das vorher nie bemerkt? Gehst du heute Abend mit mir aus?"

"Och... vielleicht..."

 

Leicht belustig beobachteten Jeanie, Nicki, Rufes und VATRA die Szene an der Kapellentür. Irgendwie hatte es beinahe den Richtigen getroffen.

"Sollen wir ihm sagen, dass es ihn erwischt hat?", fragte Nicki. Doch die Antwort stand allen schon in den Gesichtszügen geschrieben und so sagten sie alle gleichzeitig: "Nein."

Jeanie strahlte über das ganze Gesicht. Sie war frei!

Jetzt konnte sie wieder endlich all das tun, wozu sie Lust hatte und war nicht mehr an diesen dummen Fluch gebunden. Überglücklich lies sie ihren Blick in der Kapelle umherschweifen, die ihr nun plötzlich in einem ganz neuen Licht erschien.

Huch! Wer war denn der alte Mann, der da direkt vor ihr saß? Oh nein!

"Weshalb starrst du mich so an, Jeanie?", wollte Rufes wissen.

So sah der Meister also in Wirklichkeit aus. Jeanie wurde auf einmal ganz übel als sie an die vielen erotischen Phantasien dachte, die sie sich mit ihm ausgemalt hatte. Egal ob vaginal, vertikal oder horizontal! Igitt!

Dann fiel ihr Blick auf Nicki, der sie wie immer liebevoll anlächelte. Waren ihr eigentlich schon vorher die niedlichen Grübchen aufgefallen, die er um die Mundwinkel hatte?

Da tat sich schon wieder so ein Gefühl in ihrem Bauch. Und diesmal war es ein echtes. Nicki bemerkte den Blick und lächelte noch breiter: "Wie geht es dir?"

"Gut."

Dann spiegelte sich Unsicherheit in seinen Augen und er startete aufgeregt stammelnd einen letzten Annäherungsversuch.

"Du sag' mal, ähm... Jeanie. Hättest du vielleicht Bock mit mir Eisessen zugehen. So zur Feier des Tages?"

"Ja gerne!", antwortete das Mädchen.

Nicki konnte sein Glück nicht fassen: "Ich hol' dich dann gegen drei ab, okay?"

"Passt mir gut!"

"Mir auch", sagte VATRA. "Ich komme mit."

 

"Nein Ehrlich, wie du dich bewegst und dir durch' s Haar fährst, das ist so süß!", rief Dexter begeistert. "Und dein Sprachfehler, der ist total niedlich!"

Dann hielt er kurz inne und überlegte: 'Mein Gott das darf doch nicht war sein, aber ich glaube, ich liebe Violetta!'

 

Rufes war schon lange aufgestanden und hatte seine Utensilien verräumt, als Nicki und Jeanie immer noch da saßen und sich unterhielten. Verträumt blickte Jeanie den Jungen an.

'Ich glaub, ich bin verliebt! Schon wieder! Verdammt, geht das schnell bei mir.'

 

Auch zwei Meter tiefer, direkt unter ihnen, blickte jemand verträumt in die Finsternis seines Sarges.

"Und ich", sagte Drake, "Ich liebe happy ends!"

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