Roland Schreyer über Günter Ludwig
Harenberg, 7.1.01.
Ich weiß, ich spüre dich...
Günter Ludwig ist annähernd so alt wie die Bundesrepublik Deutschland. In
seinen eigenwilligen Werken spiegelt sich auch immer wieder die deutsche
Zeitgeschichte. Allerdings nicht historiografisch, sondern eher sensibel
unterlegt und in gegenläufigem Zweifel abgebildet. Seine Kunst ist ihm
Möglichkeit, sich den Ereignissen der Zeit zu stellen, den öffentlichen wie
den sehr privaten, als scharfsichtiger Beobachter, als verschlüsselnder
Kommentator, als Wütender und als Liebender - oder sich diesen Ereignissen
radikal zu entziehen.
Man kann den Künstler Günter Ludwig nur schwerlich einer bestimmten
Stilrichtung oder Schule zuordnen. Kritisch-realistische und surrealistische
Elemente bestimmen sein Zeichnen, sein Malen, seine Radierungen in den
siebziger und in den frühen achtziger Jahren. Diese Jahre sind in Deutschland
eine Phase des allgemeinen geistigen Umbruchs, weg von der Erstarrung im
Kriegs- und Nachkriegstrauma, hin zur konstruktiv gelebten Reform-Demokratie.
In dieser Epoche sucht auch Günter Ludwig nach seinem Standort. Sein Schaffen
konzentriert sich auf Arbeiten in Öl und auf die Zeichnung. Berauschend schön
sind sie oft - und romantisch verklärend-, die An- und Ausblicke, die der
Zeichner gibt. Hier sieht man zum Beispiel des Gesicht einer geliebten Frau,
das nichts anderes ist als Hingabe, das in einem Kuss zur Apotheose von sich
verströmender Liebe wird. Dort wieder zerbricht das Miteinander zweier
Liebenden ins destruktive Groteske. Der gnadenlose Blick des Zeichners kann
erschrecken. Doch schon die frühen Zeichnungen Günter Ludwigs beinhalten, wie
diejenigen der späteren Zeit, sein Sehnen nach unverfälschtem und fast
elysischem Dasein, sie bergen aber auch die Furcht, dieses verklärte und
ästhetisierte Dasein als Illusion sich auflösen zu sehen. Sie zeigen den
beschwörenden Versuch, den geahnten Zerfall aufzuhalten.
Das setzt sich nahtlos fort in den Radierungen Ende der siebziger, Anfang
der achtziger Jahre. Nicht von ungefähr kreisen die Motive des öfteren um
Vincent van Gogh. Diese Hommage-Bilder sind auch ein Mittel, die eigene
Position aufzuspüren. Wie van Gogh sieht er Erscheinungen seiner eigenen Welt
- und stellt sie entsprechend dar - in überbordender Lust und nicht selten in
tiefer Betroffenheit, ja Verletztheit. Es wundert nicht, dass sich diese
Arbeiten zuletzt auflösen zu wollen scheinen. Immer abstraktere Formen machen
sich bemerkbar.
Schließlich legt Günter Ludwig beiseite, womit er begonnen hat: Papier,
Leinwand, Pinsel, Stift, Farbe... Die achtziger Jahre, die in Deutschland
überwiegend eine Phase der politischen Stagnation, wenn nicht
Rückwärtsbewegung sind, verlangen dem Künstler hohe persönliche Opfer ab. Er
ist gezwungen, sein Leben neu zu orientieren. Er zieht sich zurück, er
verschließt sich. Die einzige Möglichkeit, sich zu äußern, ist für ihn ebenso
ungewöhnlich wie naheliegend. Er entdeckt für sich die Potentiale der
Technik; er versucht sich in immer neuen Lichtexperimenten. Gerade als ob er
damit die Dunkelheit seines persönlichen Erlebens, in die er eingetaucht war,
zu tilgen vermöchte. Zu den Lichtexperimenten tritt fast zeitgleich die
Fotografie.
Vom Licht, das in die Tiefe des menschlichen Herzens geht hat einmal der
Musiker Robert Schumann gesprochen, als er über den Beruf und die
Wirkungsmöglichkeit des Künstlers nachdachte. Das Licht ist jetzt für lange
Zeit der Mittelpunkt von Günter Ludwigs Schaffen. Dazu gehört für ihn aber
auch dessen Gegenwelt, der dunklere Raum. Oft ist es nur eine höchstens
punktuelle Erhellung, die ihm anziehend erscheint. Seine Fotos demonstrieren
das nachhaltig. Sie leben fast ausschließlich von dieser Dissonanz, seltener
vom Zusammenklingen des Lichtes und der Dunkelheit, der Farben Schwarz und
Weiß, und sie legen so das Ineinanderlaufen alles Erfahrenen nahe.
Die mittleren und späten achtziger, in Deutschland überwiegend kulturell
stagnativen, aber von einer technisch-ökonomischen Progression geprägten
Jahre zeigen Günter Ludwig offenbar voller Misstrauen gegen alles dem Blick
Schmeichelnde, gegen das einer gefälligen Ästhetik Verpflichtete, gegen das
Vordergründige überhaupt. So verschärft er das bereits in den frühen
achtziger Jahren begonnene Verfahren, seine zunächst subjektiv-realistischen
Abbildungen in einem anschließenden Arbeitsschritt wieder dem Zugriff des
Zweifels preiszugeben - in anarchischer, aggressiver, vielleicht manchmal
auch verspielter Entzauberungslust - und das zuerst Entstandene so zu
zerstören, dass sich der anfängliche gestalterische Ansatz und die danach
aufkommende ratlose Distanz schließlich zu neuen, oftmals geradezu
erschreckenden Bildern fügen.
Das hört sich nach Schema, nach starrer Methode - und auch nach leichter
Erklärbarkeit an. Doch Günter Ludwigs Bilder bleiben im Grunde immer offen
und lassen sich schwerlich erklären. Oft mögen sie spontan-meditativen
Ursprungs sein, dem Unbewussten abgewonnen. Das vordergründig Erfasste, rein
fotografisch oder zusätzlich zeichnerisch bearbeitet, passt sich dem im
Künstler selbst oft ganz anders präsenten Bild an - durch die nicht selten
gewalttätig wirkende Retuschierung bei den Arbeiten seiner sogenannten freien
Fotografie ab 1985, so dass hier zeichnerische, malerische und auch schon
verbale Elemente in das fotografische Motiv eingreifen, korrespondierend und
vielfach zersetzend.
Die Wende zu den neunziger Jahren, die für Deutschland eine Epoche des
nationalen Zusammenschlusses beginnen, der dabei teilweise auch einer
rückwärts gewandten (rechts)nationalen Borniertheit das Wort spricht,
vielleicht aus Furcht vor der grenzenlosen globalen Digitalisierung, die
gleichfalls eintritt, sehen Günter Ludwig sowohl bei einer restaurativen
Erneuerung seines früheren zeichnerischen Schaffens, wie zuletzt auch, davon
wird noch die Rede sein, bei einem völligen Neubeginn auf dem Gebiet des
Virtuellen.
Ende der achtziger, Anfang der 90er Jahre schlägt er privat ein neues
Kapitel auf, und auch künstlerisch insofern, als er Papier und Stifte wieder
herausholt und die nun entstehenden Zeichnungen mit zahllosen Hinweisen auf
die mittlerweile neu gewonnene Ordnung versieht. Ludwig setzt die Bilder,
kaum ans Tageslicht gelangt, dem schon gewohnten anarchisch verwüstenden
Zugriff aus, nicht zuletzt auch durch Vorgänge wie Aufweichen, Zerknittern,
Zerfetzen des Zeichenpapiers und notdürftiges Wieder-Zusammenkleben - so dass
sie den inneren Bildern noch mehr zu gleichen beginnen. Aufgelöste Formen
scheinen sich nun zu organischen Mustern zu fügen, sich festen, geometrischen
Figuren anzupassen oder mit ihnen im Widerstreit zu liegen. Günther Ludwigs
nach wie vor dissonante Bilder leben in dieser Zeit oft ausschließlich von
der Suche nach dem geeigneten Ausdruck der inzwischen gemachten Erfahrungen.
Und er scheut aufgezwungene Beengtheit. Selbst Großformate scheinen ihm
noch zu wenig Raum zu lassen, so als ob er ausbrechen, sich ausweiten, die
Umgebung in seine schöpferische Umgestaltung mit einbeziehen wollte. Die
Botschaft heißt Raum ohne Grenzen - ich weiß, ich spüre dich, heißt es
indirekt programmatisch einmal (1993) anlässlich der Zeichnung Kontemplativ.
Immer augenfälliger werden in den Zeichnungen seit Anfang der 90er-Jahre
die verbalen Zusätze. Mal strophisch, mal in freier Prosa, mal splitterhaft
kurz, mal ausführlicher - Assoziationen sind es, Erklärungen, flüchtige
expressive Marginalien, wie zum Beispiel das resignative Doch all das bringt
mich wenig weit in einer Grafitzeichnung und Collage von 1982. Man kann
durchaus an Horst Janssen denken, dem sich Ludwig verbunden weiß. Doch anders
als beim ausufernden Janssen ist Günter Ludwigs Ton von minimalistisch
einfacher und pointierender Bedenklichkeit: Du hast nichts zu tun, als dein
Leben, wie du es unter mancherlei Umständen vorfindest, fortzusetzen.
Bewußtwerdung als persönliches, prozesshaftes Leitmotiv.
Zunehmend nutzt Günther Ludwig die Sprache als Strukturelement, so als ob
er Worten mehr Unmissverständlichkeit zutraute und als ob er deren
akustischen Nachhall im Leser dann erst visuell akzentuieren wollte. Worte,
die zugleich illustrieren, wenn sie in die Zeichnung eingehen, die in ihrer
äußeren Textstruktur allerdings manches Mal schon wieder halb gelöscht oder
überarbeitet sind. Als ob ihn solche Wort-Bilder zu einem weiter gespannten
Ziel führen sollten. Der Visionär des immer ungefügter Umrissenen scheint
sich immer stärker an die Wortgestalt anlehnen zu wollen.
Die Wirklichkeit ist nicht mehr da, stellt er in der Zeichnung
Zeit-Landschaft vom Februar 1994 fest. Er meint das unanhaltbare Vergehen des
momentan Empfundenen. Es ist dies wohl ein weiter Hinweis auf das schwindende
Vertrauen des Künstlers in die zeichnerischen Optionen, in die Möglichkeit,
den gegenwärtigen glückhaften Augenblick zum Verweilen zu bringen oder die
Wirklichkeit unvermittelt einzufangen, Erinnerungs- und Erneuerungskraft als
unbeeinflussbare Eigenheit sicherzustellen.
Verlässt sich Günther Ludwig deshalb verstärkt auf Worte und hofft er
so auf unbegrenztere Phantasieräume? Im oben genannten Bild Zeitlandschaft
ist die Auflösung des bisher noch Erhaltengebliebenen vorangeschritten.
Selbst das sonst hilfreiche Liniennetz, das Ludwig vereinzelt einarbeitet,
beginnt hier zu verblassen. Im großflächig überwischten Feld werden Reste des
Ausgelöschten zum rudimentär-unwirklichen Schemen. Dafür nimmt die in
früheren Bildern oft ungehemmte Dunkelschraffur gebändigte Form an. Und eine
einzelne, willkürliche Linie, wie der neugierig tastende Fühler eines
Fabeltieres, zuckt über das Blatt. Fast gleichzeitig entsteht aber auch die
Reihe seiner Bilder mit Blumen- und Erdmotiven. Als in den Armen der Natur
aufgehoben und von einer ruhigen Gewissheit erfüllt erfahren wir den Künstler
- und das nicht nur hier, sondern durchgängig bis zur Gegenwart: Immer wieder
ist der Einbezug von Naturelementen tragend, wenn auch manchmal nur noch
sublim erahnbar.
Kunst ist, was die Welt wird, können wir bei Karl Kraus lesen. Günter
Ludwigs Sicht auf die Welt hat mit diesen Zeichnungen, bis in die Mitte der
neunziger Jahre, längst die abbildende Oberfläche verlassen. Er sucht nach
einer neuen Wirklichkeit.
Gibt er deshalb ab 1994 zunehmend auch der Farbe stabilisierenden Raum,
einem lockenden, vitalen Rot, Grün oder Blau und den aus ihnen sich nährenden
Verbindungen? Betrachtet man Farbe, formale Anordnung und eingebrachte
Sprachrudimente im Zusammenwirken, so möchte man immer deutlicher ablesen,
worauf der Künstler sinnt: Darauf, die Zeichenhaftigkeit alles Erfassbaren
festzuhalten. Das Zeichen als Grundelement, als Baustein der erfahrenen
Wirklichkeit, als Chiffre, in der sich das eigene Denken und dessen
Widerstrahlung aus der Außenwelt decken.
Nach seinen Erfahrungen mit den ihm begrenzt erscheinenden Möglichkeiten
manueller Grafik und seinem vermehrten Einbezug der Zeichen wundert es wenig,
dass Ludwig seit 1995 digitale Ausdrucksmöglichkeiten auszuloten beginnt.
Nach seiner Überzeugung lässt sich inneres Sehen auch mit digitaler Technik
ausdrücken, in dieser immer omnipotenteren Variante einer Zeichenwelt, und
nur scheinbar in virtueller Distanz, in Wirklichkeit aber sehr naherückend
und mit ganz neuen Bewegungsmöglichkeiten gestalterischer Phantasie.
Ich verwende für Günter Ludwigs Werke der letzten Jahre den heute
üblichen Begriff Computergrafik nur mit schlechtem Gewissen. Er drückt wenig
aus von dem, was im einzelnen als Vorlage digitalisiert worden ist. Betrachte
ich die synthetisch entstandenen Figuren, Zeichen, Bewegungen etc. in ihren
virtuellen Räumen, so empfinde ich sie zunächst als verfremdete Konstrukte.
Gleich aber als höchst aufregend. Diese Grafiken verlangen mir eine
Neuorientierung von Sensibilität und Rezeptivität ab. Der elektronische
Schein erfordert und erzeugt neues und subtiles Bewusstsein.
Schein und Wirklichkeit lösen sich auf, beides wird als simuliert
erkennbar. Man entdeckt u.a. den übertrieben geglätteten, ironisierenden
Superrealismus sowie aber auch stark subjektiven Neoexpressionismus - alles
in Prozesshaftigkeit begriffen, alles weiterdenkbar, alles offen - wie auch
die eingearbeiteten Wortsegmente Offenheit sind in ihrer Subjektivität. Und
man entdeckt wieder Günter Ludwigs frühere surrealistische Elemente,
Phantasien, Traumanrisse, Assoziationen sowie eine geradezu durchscheinende
und doch eigentümlich vitale figurative Körperlichkeit.
Vergleichbar den Jahresringen eines Baumes schichten sich in den neuen
Grafiken mehrere Generationen von Geschaffenem. Frühe Zeichnungen,
Radierungen, Fotografien finden sich wieder und spannen einen Bogen der
ästhetischen Fiktion. Mich erinnern diese Arbeiten manchmal an weit
zurückliegende Wurzeln. An den Pariser Surrealismus der 30er-Jahre. Oder da
sind die späteren Warhol und Rauschenberg, die die Wirklichkeitstreue der
Fotos durch ästhetische Manipulation, durch Vergößerung oder Vergröberung
z.B. aufheben. Auch die Medienkunst Günter Ludwigs überschreitet die einfach
nur authentische Reproduktion von Wirklichkeit.
Vor wenigen Monaten noch sah ich Günter Ludwig mit Pinsel und Farbe am
Werk. Nun türmen sich um ihn CD-Roms, Disketten, Scanner, Tastaturen,
Monitore, Drucker und dergleichen. Pixel und Bites werden bedeutsam. Es
könnten einem da die Kritiker alter Schule einfallen, die von der Muse aus
der Steckdose sprechen, wenn sie an Computerkunst denken.
Ich fragte mich schon auch, ob nicht das Kreative mit dem Computer
sozusagen automatisch zu einem Abschluss kommt. Und anfangs, wenn ich ehrlich
bin, waren mir diese Gerätschaften mit ihren mir meist unbegreifbaren
Optionen mehr als suspekt. Sie schienen ein Eigenleben zu haben und den
Benutzer zu degradieren. Doch für Günter Ludwig ist der Computer nicht der
entmündigende technische Dominus, auch nicht einfach nur der programmierbare
Automat, sondern gleichsam - wie bisher - Pinsel, Kamera, Feder etc. Der
Bedienende bleibt Creator, weist an, schafft weiter die Bilder seiner
Vorstellung. Die so entstehenden Werke leben, sie bewegen, sie fesseln.
Diese Kunst Günter Ludwigs ist einmal von leuchtender Fabgebung und
-vielfalt, dann wieder monochron. Ihre Farbkonstruktion scheint mir oft
Bildgrundlage im Sinne von Goethes Maxime, nach der sich Bilder aus der Farbe
heraus entwickeln sollen, sie ist aber vor allem auch weiterhin bedingt durch
die Verbindung von Bild und Text. Diese multimediale, virtuelle Welt hat sich
zum intellektuellen, von Sprache durchdrungenen Raum erweitert, zur
literarisierten Cyberwelt, die, meist zentral, vom Individuum beherrscht
wird, verankert in einem großen Gefühl, wie ich es nennen möchte. Die
Bildmotive sind eine Imagination der inneren Erlebnisräume.
Lange Zeit hatte man in Günter Ludwigs Bildern der neunziger Jahre
vergebens nach dem Menschenbild gesucht. In diesen Computergrafiken der
letzten Jahre ist ein Wiederaufleben des Porträts, des Figurativen überhaupt
zu verzeichnen, meist jedoch abstrakt durchbrochen. Aber vor allem, meine
ich, ist seine digitale Ästhetik geprägt von Anmut.
Von 1995 bis 1998 entstand die Grafik-Serie Im Windflug Worte zum
gleichlautenden Gedicht-Zyklus aus meiner Feder. Das Zusammengehen von Bild
sowie integriertem Gedichtfragment mit meiner lyrischen Intention war für
mich faszinierend zu sehen. Die zum Bildinhalt gewordenen Wörter und
Buchstaben zeigen sich in neuer, nicht unbedingt in der von mir gedachten
Bedeutung. Mir er-staunliche Wortzusammenhänge werden suggeriert. Günter
Ludwig illustriert die Gedichte aus dem Windflug-Zyklus so, dass er mir dazu
verhilft, sie neu zu betrachten. Er verdichtet die vorliegenden Sprachbilder
oder lässt sie zerfallen, Zeilen überspannen das Bild, sie dehnen sich, sie
flammen auf, sie verlöschen. - Ich nehme diese Grafiken möglichst unabhängig
von meiner Einbezogenheit auf.
So sehe ich die späten Werke Günter Ludwigs überhaupt, auch die kürzlich
entstandenen Bilderreihen, vom Pharaonen-Zyklus, über die Illustrationen meiner
Harry Voss-Erzählungen bis hin zu dem gewaltigen Vorhaben der Welt
LICHT MÄRCHEN, durchaus als schöpferischen Kulminationspunk. Immer sind
diese Bilder auch narrative Auseinandersetzung. Sie setzen die Erzählung fort.
Licht und Dunkel greifen ineinander. Farben und kalte, befehden sich
oder geben einander Halt. Ins Auge fallen, nach wie vor, die Schattenseiten, die
nachtdunklen Schrecken. Aus ihnen bricht aber fast immer ein Suchen nach
Licht, nach dem Lebensfrohen und Sinnlichen hervor. Solches halbverschüttete,
skeptische Hoffen auf harmonische Aufhellung zeigen seine Märchenillustrationen.
Günter Ludwig wird zunehmend Romantiker - auch wenn er sich an Wirklichkeit
annähert, so geschieht das häufig nur noch verstohlen. Seine Sicht des
Geschehenden bekennt sich als subjektive Wirklichkeit, als das träumerisch
Imaginierte. Als das ungestillte Sehnen des an der Welt Leidenden.
Unaussprechliches und das hinter dem vordergründig sich Vollziehenden Fühlbare
versucht er sichtbar zu machen. Das Gefühl - so hat es Caspar David Friedrich
formuliert, und so ist au Günter Ludwig zu übertragen - das Gefühl ist des Künstlers Gesetz.
Harenberg, 7.1.01.
Ich weiß, ich spüre dich...
Günter Ludwig ist annähernd so alt wie die Bundesrepublik Deutschland. In
seinen eigenwilligen Werken spiegelt sich auch immer wieder die deutsche
Zeitgeschichte. Allerdings nicht historiografisch, sondern eher sensibel
unterlegt und in gegenläufigem Zweifel abgebildet. Seine Kunst ist ihm
Möglichkeit, sich den Ereignissen der Zeit zu stellen, den öffentlichen wie
den sehr privaten, als scharfsichtiger Beobachter, als verschlüsselnder
Kommentator, als Wütender und als Liebender - oder sich diesen Ereignissen
radikal zu entziehen.
Man kann den Künstler Günter Ludwig nur schwerlich einer bestimmten
Stilrichtung oder Schule zuordnen. Kritisch-realistische und surrealistische
Elemente bestimmen sein Zeichnen, sein Malen, seine Radierungen in den
siebziger und in den frühen achtziger Jahren. Diese Jahre sind in Deutschland
eine Phase des allgemeinen geistigen Umbruchs, weg von der Erstarrung im
Kriegs- und Nachkriegstrauma, hin zur konstruktiv gelebten Reform-Demokratie.
In dieser Epoche sucht auch Günter Ludwig nach seinem Standort. Sein Schaffen
konzentriert sich auf Arbeiten in Öl und auf die Zeichnung. Berauschend schön
sind sie oft - und romantisch verklärend-, die An- und Ausblicke, die der
Zeichner gibt. Hier sieht man zum Beispiel des Gesicht einer geliebten Frau,
das nichts anderes ist als Hingabe, das in einem Kuss zur Apotheose von sich
verströmender Liebe wird. Dort wieder zerbricht das Miteinander zweier
Liebenden ins destruktive Groteske. Der gnadenlose Blick des Zeichners kann
erschrecken. Doch schon die frühen Zeichnungen Günter Ludwigs beinhalten, wie
diejenigen der späteren Zeit, sein Sehnen nach unverfälschtem und fast
elysischem Dasein, sie bergen aber auch die Furcht, dieses verklärte und
ästhetisierte Dasein als Illusion sich auflösen zu sehen. Sie zeigen den
beschwörenden Versuch, den geahnten Zerfall aufzuhalten.
Das setzt sich nahtlos fort in den Radierungen Ende der siebziger, Anfang
der achtziger Jahre. Nicht von ungefähr kreisen die Motive des öfteren um
Vincent van Gogh. Diese Hommage-Bilder sind auch ein Mittel, die eigene
Position aufzuspüren. Wie van Gogh sieht er Erscheinungen seiner eigenen Welt
- und stellt sie entsprechend dar - in überbordender Lust und nicht selten in
tiefer Betroffenheit, ja Verletztheit. Es wundert nicht, dass sich diese
Arbeiten zuletzt auflösen zu wollen scheinen. Immer abstraktere Formen machen
sich bemerkbar.
Schließlich legt Günter Ludwig beiseite, womit er begonnen hat: Papier,
Leinwand, Pinsel, Stift, Farbe... Die achtziger Jahre, die in Deutschland
überwiegend eine Phase der politischen Stagnation, wenn nicht
Rückwärtsbewegung sind, verlangen dem Künstler hohe persönliche Opfer ab. Er
ist gezwungen, sein Leben neu zu orientieren. Er zieht sich zurück, er
verschließt sich. Die einzige Möglichkeit, sich zu äußern, ist für ihn ebenso
ungewöhnlich wie naheliegend. Er entdeckt für sich die Potentiale der
Technik; er versucht sich in immer neuen Lichtexperimenten. Gerade als ob er
damit die Dunkelheit seines persönlichen Erlebens, in die er eingetaucht war,
zu tilgen vermöchte. Zu den Lichtexperimenten tritt fast zeitgleich die
Fotografie.
Vom Licht, das in die Tiefe des menschlichen Herzens geht hat einmal der
Musiker Robert Schumann gesprochen, als er über den Beruf und die
Wirkungsmöglichkeit des Künstlers nachdachte. Das Licht ist jetzt für lange
Zeit der Mittelpunkt von Günter Ludwigs Schaffen. Dazu gehört für ihn aber
auch dessen Gegenwelt, der dunklere Raum. Oft ist es nur eine höchstens
punktuelle Erhellung, die ihm anziehend erscheint. Seine Fotos demonstrieren
das nachhaltig. Sie leben fast ausschließlich von dieser Dissonanz, seltener
vom Zusammenklingen des Lichtes und der Dunkelheit, der Farben Schwarz und
Weiß, und sie legen so das Ineinanderlaufen alles Erfahrenen nahe.
Die mittleren und späten achtziger, in Deutschland überwiegend kulturell
stagnativen, aber von einer technisch-ökonomischen Progression geprägten
Jahre zeigen Günter Ludwig offenbar voller Misstrauen gegen alles dem Blick
Schmeichelnde, gegen das einer gefälligen Ästhetik Verpflichtete, gegen das
Vordergründige überhaupt. So verschärft er das bereits in den frühen
achtziger Jahren begonnene Verfahren, seine zunächst subjektiv-realistischen
Abbildungen in einem anschließenden Arbeitsschritt wieder dem Zugriff des
Zweifels preiszugeben - in anarchischer, aggressiver, vielleicht manchmal
auch verspielter Entzauberungslust - und das zuerst Entstandene so zu
zerstören, dass sich der anfängliche gestalterische Ansatz und die danach
aufkommende ratlose Distanz schließlich zu neuen, oftmals geradezu
erschreckenden Bildern fügen.
Das hört sich nach Schema, nach starrer Methode - und auch nach leichter
Erklärbarkeit an. Doch Günter Ludwigs Bilder bleiben im Grunde immer offen
und lassen sich schwerlich erklären. Oft mögen sie spontan-meditativen
Ursprungs sein, dem Unbewussten abgewonnen. Das vordergründig Erfasste, rein
fotografisch oder zusätzlich zeichnerisch bearbeitet, passt sich dem im
Künstler selbst oft ganz anders präsenten Bild an - durch die nicht selten
gewalttätig wirkende Retuschierung bei den Arbeiten seiner sogenannten freien
Fotografie ab 1985, so dass hier zeichnerische, malerische und auch schon
verbale Elemente in das fotografische Motiv eingreifen, korrespondierend und
vielfach zersetzend.
Die Wende zu den neunziger Jahren, die für Deutschland eine Epoche des
nationalen Zusammenschlusses beginnen, der dabei teilweise auch einer
rückwärts gewandten (rechts)nationalen Borniertheit das Wort spricht,
vielleicht aus Furcht vor der grenzenlosen globalen Digitalisierung, die
gleichfalls eintritt, sehen Günter Ludwig sowohl bei einer restaurativen
Erneuerung seines früheren zeichnerischen Schaffens, wie zuletzt auch, davon
wird noch die Rede sein, bei einem völligen Neubeginn auf dem Gebiet des
Virtuellen.
Ende der achtziger, Anfang der 90er Jahre schlägt er privat ein neues
Kapitel auf, und auch künstlerisch insofern, als er Papier und Stifte wieder
herausholt und die nun entstehenden Zeichnungen mit zahllosen Hinweisen auf
die mittlerweile neu gewonnene Ordnung versieht. Ludwig setzt die Bilder,
kaum ans Tageslicht gelangt, dem schon gewohnten anarchisch verwüstenden
Zugriff aus, nicht zuletzt auch durch Vorgänge wie Aufweichen, Zerknittern,
Zerfetzen des Zeichenpapiers und notdürftiges Wieder-Zusammenkleben - so dass
sie den inneren Bildern noch mehr zu gleichen beginnen. Aufgelöste Formen
scheinen sich nun zu organischen Mustern zu fügen, sich festen, geometrischen
Figuren anzupassen oder mit ihnen im Widerstreit zu liegen. Günther Ludwigs
nach wie vor dissonante Bilder leben in dieser Zeit oft ausschließlich von
der Suche nach dem geeigneten Ausdruck der inzwischen gemachten Erfahrungen.
Und er scheut aufgezwungene Beengtheit. Selbst Großformate scheinen ihm
noch zu wenig Raum zu lassen, so als ob er ausbrechen, sich ausweiten, die
Umgebung in seine schöpferische Umgestaltung mit einbeziehen wollte. Die
Botschaft heißt Raum ohne Grenzen - ich weiß, ich spüre dich, heißt es
indirekt programmatisch einmal (1993) anlässlich der Zeichnung Kontemplativ.
Immer augenfälliger werden in den Zeichnungen seit Anfang der 90er-Jahre
die verbalen Zusätze. Mal strophisch, mal in freier Prosa, mal splitterhaft
kurz, mal ausführlicher - Assoziationen sind es, Erklärungen, flüchtige
expressive Marginalien, wie zum Beispiel das resignative Doch all das bringt
mich wenig weit in einer Grafitzeichnung und Collage von 1982. Man kann
durchaus an Horst Janssen denken, dem sich Ludwig verbunden weiß. Doch anders
als beim ausufernden Janssen ist Günter Ludwigs Ton von minimalistisch
einfacher und pointierender Bedenklichkeit: Du hast nichts zu tun, als dein
Leben, wie du es unter mancherlei Umständen vorfindest, fortzusetzen.
Bewußtwerdung als persönliches, prozesshaftes Leitmotiv.
Zunehmend nutzt Günther Ludwig die Sprache als Strukturelement, so als ob
er Worten mehr Unmissverständlichkeit zutraute und als ob er deren
akustischen Nachhall im Leser dann erst visuell akzentuieren wollte. Worte,
die zugleich illustrieren, wenn sie in die Zeichnung eingehen, die in ihrer
äußeren Textstruktur allerdings manches Mal schon wieder halb gelöscht oder
überarbeitet sind. Als ob ihn solche Wort-Bilder zu einem weiter gespannten
Ziel führen sollten. Der Visionär des immer ungefügter Umrissenen scheint
sich immer stärker an die Wortgestalt anlehnen zu wollen.
Die Wirklichkeit ist nicht mehr da, stellt er in der Zeichnung
Zeit-Landschaft vom Februar 1994 fest. Er meint das unanhaltbare Vergehen des
momentan Empfundenen. Es ist dies wohl ein weiter Hinweis auf das schwindende
Vertrauen des Künstlers in die zeichnerischen Optionen, in die Möglichkeit,
den gegenwärtigen glückhaften Augenblick zum Verweilen zu bringen oder die
Wirklichkeit unvermittelt einzufangen, Erinnerungs- und Erneuerungskraft als
unbeeinflussbare Eigenheit sicherzustellen.
Verlässt sich Günther Ludwig deshalb verstärkt auf Worte und hofft er
so auf unbegrenztere Phantasieräume? Im oben genannten Bild Zeitlandschaft
ist die Auflösung des bisher noch Erhaltengebliebenen vorangeschritten.
Selbst das sonst hilfreiche Liniennetz, das Ludwig vereinzelt einarbeitet,
beginnt hier zu verblassen. Im großflächig überwischten Feld werden Reste des
Ausgelöschten zum rudimentär-unwirklichen Schemen. Dafür nimmt die in
früheren Bildern oft ungehemmte Dunkelschraffur gebändigte Form an. Und eine
einzelne, willkürliche Linie, wie der neugierig tastende Fühler eines
Fabeltieres, zuckt über das Blatt. Fast gleichzeitig entsteht aber auch die
Reihe seiner Bilder mit Blumen- und Erdmotiven. Als in den Armen der Natur
aufgehoben und von einer ruhigen Gewissheit erfüllt erfahren wir den Künstler
- und das nicht nur hier, sondern durchgängig bis zur Gegenwart: Immer wieder
ist der Einbezug von Naturelementen tragend, wenn auch manchmal nur noch
sublim erahnbar.
Kunst ist, was die Welt wird, können wir bei Karl Kraus lesen. Günter
Ludwigs Sicht auf die Welt hat mit diesen Zeichnungen, bis in die Mitte der
neunziger Jahre, längst die abbildende Oberfläche verlassen. Er sucht nach
einer neuen Wirklichkeit.
Gibt er deshalb ab 1994 zunehmend auch der Farbe stabilisierenden Raum,
einem lockenden, vitalen Rot, Grün oder Blau und den aus ihnen sich nährenden
Verbindungen? Betrachtet man Farbe, formale Anordnung und eingebrachte
Sprachrudimente im Zusammenwirken, so möchte man immer deutlicher ablesen,
worauf der Künstler sinnt: Darauf, die Zeichenhaftigkeit alles Erfassbaren
festzuhalten. Das Zeichen als Grundelement, als Baustein der erfahrenen
Wirklichkeit, als Chiffre, in der sich das eigene Denken und dessen
Widerstrahlung aus der Außenwelt decken.
Nach seinen Erfahrungen mit den ihm begrenzt erscheinenden Möglichkeiten
manueller Grafik und seinem vermehrten Einbezug der Zeichen wundert es wenig,
dass Ludwig seit 1995 digitale Ausdrucksmöglichkeiten auszuloten beginnt.
Nach seiner Überzeugung lässt sich inneres Sehen auch mit digitaler Technik
ausdrücken, in dieser immer omnipotenteren Variante einer Zeichenwelt, und
nur scheinbar in virtueller Distanz, in Wirklichkeit aber sehr naherückend
und mit ganz neuen Bewegungsmöglichkeiten gestalterischer Phantasie.
Ich verwende für Günter Ludwigs Werke der letzten Jahre den heute
üblichen Begriff Computergrafik nur mit schlechtem Gewissen. Er drückt wenig
aus von dem, was im einzelnen als Vorlage digitalisiert worden ist. Betrachte
ich die synthetisch entstandenen Figuren, Zeichen, Bewegungen etc. in ihren
virtuellen Räumen, so empfinde ich sie zunächst als verfremdete Konstrukte.
Gleich aber als höchst aufregend. Diese Grafiken verlangen mir eine
Neuorientierung von Sensibilität und Rezeptivität ab. Der elektronische
Schein erfordert und erzeugt neues und subtiles Bewusstsein.
Schein und Wirklichkeit lösen sich auf, beides wird als simuliert
erkennbar. Man entdeckt u.a. den übertrieben geglätteten, ironisierenden
Superrealismus sowie aber auch stark subjektiven Neoexpressionismus - alles
in Prozesshaftigkeit begriffen, alles weiterdenkbar, alles offen - wie auch
die eingearbeiteten Wortsegmente Offenheit sind in ihrer Subjektivität. Und
man entdeckt wieder Günter Ludwigs frühere surrealistische Elemente,
Phantasien, Traumanrisse, Assoziationen sowie eine geradezu durchscheinende
und doch eigentümlich vitale figurative Körperlichkeit.
Vergleichbar den Jahresringen eines Baumes schichten sich in den neuen
Grafiken mehrere Generationen von Geschaffenem. Frühe Zeichnungen,
Radierungen, Fotografien finden sich wieder und spannen einen Bogen der
ästhetischen Fiktion. Mich erinnern diese Arbeiten manchmal an weit
zurückliegende Wurzeln. An den Pariser Surrealismus der 30er-Jahre. Oder da
sind die späteren Warhol und Rauschenberg, die die Wirklichkeitstreue der
Fotos durch ästhetische Manipulation, durch Vergößerung oder Vergröberung
z.B. aufheben. Auch die Medienkunst Günter Ludwigs überschreitet die einfach
nur authentische Reproduktion von Wirklichkeit.
Vor wenigen Monaten noch sah ich Günter Ludwig mit Pinsel und Farbe am
Werk. Nun türmen sich um ihn CD-Roms, Disketten, Scanner, Tastaturen,
Monitore, Drucker und dergleichen. Pixel und Bites werden bedeutsam. Es
könnten einem da die Kritiker alter Schule einfallen, die von der Muse aus
der Steckdose sprechen, wenn sie an Computerkunst denken.
Ich fragte mich schon auch, ob nicht das Kreative mit dem Computer
sozusagen automatisch zu einem Abschluss kommt. Und anfangs, wenn ich ehrlich
bin, waren mir diese Gerätschaften mit ihren mir meist unbegreifbaren
Optionen mehr als suspekt. Sie schienen ein Eigenleben zu haben und den
Benutzer zu degradieren. Doch für Günter Ludwig ist der Computer nicht der
entmündigende technische Dominus, auch nicht einfach nur der programmierbare
Automat, sondern gleichsam - wie bisher - Pinsel, Kamera, Feder etc. Der
Bedienende bleibt Creator, weist an, schafft weiter die Bilder seiner
Vorstellung. Die so entstehenden Werke leben, sie bewegen, sie fesseln.
Diese Kunst Günter Ludwigs ist einmal von leuchtender Fabgebung und
-vielfalt, dann wieder monochron. Ihre Farbkonstruktion scheint mir oft
Bildgrundlage im Sinne von Goethes Maxime, nach der sich Bilder aus der Farbe
heraus entwickeln sollen, sie ist aber vor allem auch weiterhin bedingt durch
die Verbindung von Bild und Text. Diese multimediale, virtuelle Welt hat sich
zum intellektuellen, von Sprache durchdrungenen Raum erweitert, zur
literarisierten Cyberwelt, die, meist zentral, vom Individuum beherrscht
wird, verankert in einem großen Gefühl, wie ich es nennen möchte. Die
Bildmotive sind eine Imagination der inneren Erlebnisräume.
Lange Zeit hatte man in Günter Ludwigs Bildern der neunziger Jahre
vergebens nach dem Menschenbild gesucht. In diesen Computergrafiken der
letzten Jahre ist ein Wiederaufleben des Porträts, des Figurativen überhaupt
zu verzeichnen, meist jedoch abstrakt durchbrochen. Aber vor allem, meine
ich, ist seine digitale Ästhetik geprägt von Anmut.
Von 1995 bis 1998 entstand die Grafik-Serie Im Windflug Worte zum
gleichlautenden Gedicht-Zyklus aus meiner Feder. Das Zusammengehen von Bild
sowie integriertem Gedichtfragment mit meiner lyrischen Intention war für
mich faszinierend zu sehen. Die zum Bildinhalt gewordenen Wörter und
Buchstaben zeigen sich in neuer, nicht unbedingt in der von mir gedachten
Bedeutung. Mir er-staunliche Wortzusammenhänge werden suggeriert. Günter
Ludwig illustriert die Gedichte aus dem Windflug-Zyklus so, dass er mir dazu
verhilft, sie neu zu betrachten. Er verdichtet die vorliegenden Sprachbilder
oder lässt sie zerfallen, Zeilen überspannen das Bild, sie dehnen sich, sie
flammen auf, sie verlöschen. - Ich nehme diese Grafiken möglichst unabhängig
von meiner Einbezogenheit auf.
So sehe ich die späten Werke Günter Ludwigs überhaupt, auch die kürzlich
entstandenen Bilderreihen, vom Pharaonen-Zyklus, über die Illustrationen meiner
Harry Voss-Erzählungen bis hin zu dem gewaltigen Vorhaben der Welt
LICHT MÄRCHEN, durchaus als schöpferischen Kulminationspunk. Immer sind
diese Bilder auch narrative Auseinandersetzung. Sie setzen die Erzählung fort.
Licht und Dunkel greifen ineinander. Farben und kalte, befehden sich
oder geben einander Halt. Ins Auge fallen, nach wie vor, die Schattenseiten, die
nachtdunklen Schrecken. Aus ihnen bricht aber fast immer ein Suchen nach
Licht, nach dem Lebensfrohen und Sinnlichen hervor. Solches halbverschüttete,
skeptische Hoffen auf harmonische Aufhellung zeigen seine Märchenillustrationen.
Günter Ludwig wird zunehmend Romantiker - auch wenn er sich an Wirklichkeit
annähert, so geschieht das häufig nur noch verstohlen. Seine Sicht des
Geschehenden bekennt sich als subjektive Wirklichkeit, als das träumerisch
Imaginierte. Als das ungestillte Sehnen des an der Welt Leidenden.
Unaussprechliches und das hinter dem vordergründig sich Vollziehenden Fühlbare
versucht er sichtbar zu machen. Das Gefühl - so hat es Caspar David Friedrich
formuliert, und so ist au Günter Ludwig zu übertragen - das Gefühl ist des Künstlers Gesetz.






Immerhin Eindruck :-)