| General |  "Captain Berlin"-Erfinder Jörg Buttgereit
Already in illustrated books in the 1940ies super heroes like the recently deceased Captain America fought against scoundrels like Adolf Hitler. The Seventies-comics wildly mixed up all the genres: Comics about war, horror and heroes. In “Team-Ups”, hair-raising stories with big personnel, the villains of contemporary history compete with horror characters like Frankenstein and Dracula or with super heroes in costumes. What would it have looked like, had there also been a respectable German super hero? Would a “liberation through trash” have been possible for the traumatized German people, as it did indeed work in American (Captain America) or Japanese (Godzilla) trivial culture?
The director of several Arthouse-horror films, author of radio plays and film critic Jörg Buttgereit (Nekromantik, Der Todesking) is a specialist in the field of monstrous youth and trivial culture. In 2006 he produced a radio play, “Captain Berlin vs Dracula”, for the West German Broadcasting Company, and now adapts it for the stage as a bonfire of historical creeps with the title “Captain Berlin vs Hitler” (stage: Claus Rudolf Amler, special effects: Hannes Heiner/deadchickens).

Adolf Hitler’s brain has survived. The crazy Nazi-doctor Helga von Blitzen hires the master of life and death: Dracula himself (Adolfo Assor). He is supposed to resuscitate Teutonic human material with his bite. The reward that has been chosen is the virgin Maria – Captain Berlin’s daughter (Sandra Steffl). Super hero Captain Berlin (Jürg Plüss) now has to confront these two monsters. Since the 1940ies he wants to eliminate Hitler, but now he first has to save his daughter from the vampire.
 Maria (Sandra Steffl) mit Hitlers Hirn
Ein richtig guter Film über Hitler
Berliner Morgenpost, 23. April 2009 Von Harald Peters
Man muss offenbar nicht immer in Trauer und Verzweiflung geraten, wenn man das Dritte Reich filmisch bearbeiten will. In diesem Streifen jedenfalls wird alles durch den Kakao gezogen, was nicht niet- und nagelfest ist. Herausgekommen ist ein ziemlich witziger Film über den finstersten Teil deutscher Geschichte.
Nachdem Regisseur Jörg Buttgereit sein Höspiel "Captain Berlin vs. Dracula" in das Theaterstück "Captain Berlin vs. Hitler" verwandelt hat, bringt er nun das Theaterstück als Film in die Kinos. Das Ergebnis überzeugt in jeder Hinsicht. Die Schauspieler sind wunderbar, die Handlung ein großer Spaß. Besser als "Der Untergang" ist der Film allemal.
 Hitlerrobo
Im November 2007 wurde Jörg Buttgereits Theaterstück viermal aufgeführt, und mindestens zweimal ließen Thilo Gosejohann und ein Kollege die Kamera mitlaufen. Doch das Ergebnis geht über “abgefilmtes” Theater hinaus, denn mithilfe comicspezifischer (Soundwords, Sprechblasen) als auch filmspezifischer (Zeitlupe, Überblendungen, Montage) Mittel bildet der Film nicht nur das Theaterereignis ab für jene, die damals nicht dabei waren (oder es immer wieder sehen wollen), der Film kann als eigenes Werk bestehen, das die Ansätze des Theaterstücks noch weiterführt.
Diese Ansätze hängen natürlich vor allem mit Trivialmotiven zusammen. Die Superhelden-Thematik findet hier nicht nur pointierte Sprechblasen und Soundwords, die an die herrlich trashige Batman-Fernsehserie erinnern, auch die vor allem über Toneinspielungen umgesetzten Auftritte von Captain Berlin, der immer (oder fast immer) blitzschnell auftaucht und verschwindet, werden hier durch geringfügige filmische Kniffe verstärkt, ohne den dilletantischen Charme der Bühnendarstellung zu verdrängen. Wenn Captain Berlin in sein Äquivalent der Batcave verschwindet, steigt er immer noch im Duckwalk eine imaginäre Wendeltreppe herab, und Hitlers Gehirn auf einem riesigen Elektronengehirn wirkt durch manche Kameraeinstellung sogar noch pathetischer als auf der Bühne, weil man den für die Spezialeffekte zuständigen Mann hinter den Kulissen nun teilweise sieht - und man kann davon ausgehen, dass dies den Filmemachern durchaus bewusst war.
Über die Geschichte braucht man nicht zu viele Worte verlieren. Hitlers Selbstmord ließ sein Gehirn unangetastet, und 28 Jahre später versucht “Dr. Ilse von Blitzen” (leidenschaftlich von Claudia Steiger dargeboten), dem Hirn einen neuen Körper zu verschaffen. Unter Zuhilfenahme des im Ostteil der Republik zum Untotsein wiedererweckten Dracula (Adolfo Assor verbindet Marcel Reich-Ranicki, Bata Illic und Yoda zu einer nicht nur stimmlichen Höchstleistung), einiger Entdeckungen des Leichenfledderers Victor Frankenstein (Leichenteile natürlich allesamt von SA, SS und heldenhaft verschiedenen Landsern) und schließlich sogar eines Roboters mit Adolfs Hirn unter einer Glaskuppel, wie man es aus Comics wie Doom Patrol kennt. Das Hirn für sich ist nicht nur ein bemerkenswerter Spezialeffekt mit ausdruckstarken Glubschaugen, der braune Klumpen mit einem angedeuteten Schnauzbart kann es in seiner Mimik durchaus mit Ben Affleck aufnehmen.
Die Meinungen darüber, inwiefern die Geschichte die ihr gegebenen Möglichkeiten ausnutzt, gehen etwas auseinander, aber ich persönlich habe mich köstlich amüsiert, Dialogfetzen wie "Wo bin ich? Das ist doch nicht die Wolfsschanze!" haben sich in meinem Hirn bereits wirksamer verankert als die kompletten Elaborate zu dem Thema von Hirschbiegel, Levy und Singer zusammen. Mag vielleicht auch damit zusammenhängen, dass ich vor einiger Zeit selbst mal ein Theaterstück auf die Beine gestellt habe, in dem es auch um Comics, deutsche Vergangenheit und die Gefahren des Nationalsozialismus ging (Zurück in die Vergangenheit).
Buttgereits spezielle Vorlieben sind zu jedem Zeitpunkt offensichtlich, der Film versucht die Kopie-Verschlissenheit von Grindhouse nachzuahmen (gelungen, ohne aufdringlich zu wirken), im nächsten Atemzug arbeitet man dann aber wieder mit Irisblenden und einer fast expressionistisch wirkenden Ausleuchtung und Kulissen. Die sexy Aspekte der weiblichen Darsteller werden typisch deutsch-verklemmt eingebracht (was Spaß macht), und nebenbei gibt es auch filmische Lösungen, die nicht offensichtlich irgendwo abgekupfert sind. In der Dracula-Sequenz wird beispielsweise von Schwarzweiß langsam die Farbe ins Bild gebracht, wie eine Entsprechung der Wiederbelebung (natürlich spielt die Farbe rot hier auch eine Rolle).
Für mich persönlich wirkte der Film wie ein (absichtlich) dilletantisches Missing Link zwischen den Mel-Brooks-Filmen The Producers (1968) und Young Frankenstein (1974), und passenderweise spielt das Werk auch dazwischen, nämlich 1973. Es gibt viele kleine Schmankerl zu bestaunen wie die Helfer, die dafür sorgen, dass in der Herbstnacht die Blätter im Wind rascheln, einen "Ultrarevolver", der erstaunlich an einen Haartrockner erinnert, oder auch Knoblauch, der in Ermangelung eines Batbelt aus einem kleinen Fahrrad-Werkzeug-Mäppchen gepfriemelt wird. Auch die typischen Mängel vieler Comics werden übernommen. Wenn Captain Berlin plötzlich in Draculas Behausung auftaucht, wird das kurzerhand damit erklärt, dass man beim Handgemenge einen Peilsender am Cape des Vampirs angebracht hatte. Und [möglicher Spoiler!!!] am Ende läuft es so wie in jedem Comic, zu dem im nächsten Monat die nächste Nummer erscheint: "Das Hirn! Es ist weg! Und von Blitzens Leiche auch!" Ein mögliches Sequel mit Werwolf, Golem und Oskar Lafontaine (der passende Schauspieler war schon diesmal dabei) würde ich mir gefallen lassen …
Thomas Vorwerk

Superheld schlägt Adolf
taz, 24.04.2009
Trash, Comic, Horror, Varieté - alles drin: Ex-Underground-Regisseur Jörg Buttgereit hat sein Bühnenstück "Captain Berlin versus Hitler" verfilmt.
Früher hatte man bei seinen Filmpremieren das Publikum gern etwas kokett darauf hingewiesen, dass die Toiletten gleich beim Eingang sind. Mittlerweile und viele Jahre später sind Jörg Buttgereit und seine trashigen Helden in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Die umjubelte Premiere seines schönen Bühnenstücks "Captain Berlin versus Hitler" hatte vor zwei Jahren jedenfalls im HAU-Theater gegenüber der SPD-Zentrale stattgefunden und ging zurück auf ein Hörspiel, das der nunmehr 46-jährige Autor, Plattenaufleger, Film- und Fernsehregisseur und -kritiker 2006 für den WDR produziert hatte.
Das Hörspiel wiederum variiert die Thematik von Buttgereits zehnminütiger Actionkomödie "Captain Berlin" von 1982, bei der auch Bela B. von den Ärzten mitgewirkt hatte. Buttgereits Frühfilmchen wiederum ist stark geprägt von den "Captain America"-Comics, die ab 1941 den Kampf der Amerikaner gegen Nazideutschland unterstützen sollten. Nun hat "Butti" sein Theaterstück verfilmt.
Aber eigentlich ist "Captain Berlin versus Hitler" kein eigenständiger Film, sondern es standen wohl einmal, als das Stück aufgeführt wurde, auch Kameras im Aufführungssaal, die alles mitgeschnitten hatten. Daraus hat Buttgereit einen Film gezimmert. Das Theaterstück ergänzend gibt es: retromäßige Auf- und Abblenden, Kratzer auf dem oft so sepiamäßig eingefärbten Filmmaterial, unterschiedliche Kameraperspektiven, da und dort auch Close-ups von den Gesichtern (was bei Adolfo Assor sehr toll ist, weil der Schauspieler ein so schönes Mienenspiel hat) und vor allem viele schöne Sprechblasen.
Die Handlung spielt am 3. Oktober 1973, einem kühlen Mittwoch, dem Tag, als Willi Stoph auf Vorschlag des ZK der SED zum Vorsitzenden des Staatsrates der DDR ernannt wurde und der Wuppertaler SV den polnischen Fußballclub KS Ruch Chorzów mit 5:4 bezwang. (Exakt 17 Jahre später trat die DDR der BRD bei. Ist das Zufall?) Die comichaft, mit viel Liebe zum korrekten Zitat und weitreichenden Anspielungen wie ein trashvarietémäßiges Kasperlestück inszenierte Geschichte ist schnell erzählt: Widerständige Wissenschaftler im Untergrund schufen in den 30er-Jahren Captain Berlin, einen deutschen Superhelden, der den wahnsinnigen Diktator Hitler umbringen sollte. Dies misslang. Doch auch der Versuch Hitlers, sich das Leben zu nehmen, ging daneben. Das glubschäugige Hirn des Diktators wurde von dessen tüchtiger Leibärztin Ilse von Blitzen konserviert. Endlich ist es ihr gelungen, Wege zu finden, dem Hirn einen neuen Körper zu geben.
Behilflich soll ihr dabei Dracula, das Kommunistenmonster aus der verbotenen Zone, sein. Captain Berlin lebt auch noch und ist in seiner Freizeit ein linker Journalist. Seine hübsche Tochter, Pater Brown, ein frankensteinmäßiges Monster namens Germanicus (Jörg Buttgereit) spielen auch eine Rolle. Viel geschieht und am Ende gibt es einen schönen Showdown, bei dem Hitlers Hirn wie ein ekliger Ball hin und her geworfen wird.
Dies alles ist sehr comichaft inszeniert. Man spürt die Freude, mit der die Schauspieler so völlig überzeichnet agieren. Adolfo Assor, den man aus existenziell-melancholischen Inszenierungen kennt, zeigt einen Humor, den man ihm nicht zugetraut hatte; barbarellamäßig gibt sich die Unschuld; eher streng, sexy und hysterisch Ilse von Blitzen.
Die Ausstattung ist prima. Als Horrorfilmfreund ist man ganz begeistert, wenn Gedärme aus buntem Papier einem Zombie aus dem Bauch quellen. Alles wirkt manchmal, als käme es aus dem Kopf eines amerikanischen Trashfilmers und Comics verfallenen Teenagers, das mit den Mitteln eines längst erfahrenen Regisseurs inszeniert wurde.
Wer das Stück nicht gesehen hat, sollte sich den Film unbedingt angucken. DETLEF KUHLBRODT
| | Music |
CAPTAIN BERLIN Soundtrack
12" Vinyl Maxi-Single by Peter Synthetik

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