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Club Manufaktur Schorndorf

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Liebe Mitglieder, Freunde und Zaungäste,

von unserem linksliberalen Geschichtslehrer wurde uns einst ein Satz von George Santayana ins Poesiealbum geschrieben: „Wer die Geschichte nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen.“ Wir haben diesen Satz seither stets in Ehren gehalten: er war uns in mancherlei Diskussion dienstbar. Doch schon seit einigen Jahren – und gewiss nicht erst seit der Lektüre von Simon Reynolds zwar diskussionswürdiger, aber äußerst lesenswerter Studie „Retromania“ – beginnen wir zu ahnen, dass auch das Gegenteil zutrifft. Warum sonst sollen wir ins Kino gehen, um uns das Pastiche eines Original-Stummfilms mit dem Titel „The Artist“ anzuschauen, wenn wir doch ebenso gut die DVD eines Original-Stummfilms von Murnau oder Pabst oder Lang oder gar Eisenstein oder Ozu einlegen könnten? Warum sollen wir uns die Musik einer Band anhören, die so klingt wie einst (bitte hier nach Belieben einsetzen): a) Talking Heads, b) Joy Division oder c) The Cure, wenn wir doch bereits von den Originalen in Echtzeit begeistert waren. Der Pop-Kritiker Didi Neidhardt schreibt dazu: „Das Unbehagen der Retromanie der 2000er Jahre speist sich ja weniger aus dem Umstand, dass etwas bekanntes Anderes zurückgespiegelt wird, als es für einen in Erinnerung war. Die Langeweile ergibt sich eher dadurch, dass sich die Unwissenden von heute auf die Unwissenden von gestern beziehen und dabei nicht einmal aus versehen im Stande sind, Mehrwert zu produzieren, sondern gleich ins konservative Lager wechseln. Retro-Pop als Dixielandisierung von Pop. Da wurde in den 1950ern ja auch domestiziert und kuratiert, was das Zeug hält, während parallel dazu BeBop Jazz neu buchstabierte.“ Die Dinge liegen also etwas komplizierter als das „kenn ich schon, war ich schon, weiß ich schon“ der Ü40-Pop-Kenner vermuten lässt. Nehmen wir beispielsweise die Berliner Band Die Türen, wo ja ältere Wissende von heute zu noch älteren Wissenden von gestern darüber sprechen, was ein straighter Klaus Dinger- Beat aus den 70ern uns heute noch zu sagen hat, wenn wir mit dem Lexikon der Neuen Deutschen Welle („Ich such seit Jahren schon mein altes Megaphon / Was man nicht im Kopf hat, muss man immer bei sich tragen.“) über den Alltag des Mitte-Prekariats von heute sprechen. Wobei es Begriffe wie ALG2, RTL2 und Suchmaschine 1981 ja noch gar nicht gab. Die Türen singen zwar so realistisch wie scheinheilig „Pop ist tot“, finden aber selbst nichts dabei im Video ihres Single-Hits „Leben oder Streben“ vorführen, welche Spuren dieses Boheme-Leben in die nicht mehr ganz jungen Körper einschreibt, wenn sie versuchen, die berühmteste Rentnerband des Planeten zu re-enacten. Keine Fragen, die Rentner mögen auch mal ein wildes Leben geführt haben, heute sehen sie klar gesünder aus als die Mittdreißiger. Dabei sind Die Türen mit soviel Leidenschaft bei der Sache, dass man nicht umhin kann zu rufen: Wenn schon Pop, dann aber, bitte schön, so! Wittgenstein sagt: „Auch wenn The Fall nie dein Fall waren / Waren wir ein Paar.“ Übrigens: was fangen wir eigentlich mit der Information an, dass die Band vom ultramegaokayen Vorgängeralbum „Pop“ (nur echt in der ALDI-Tüte) gerade einmal 1500 Einheiten verkauft hat? Hallo? Geht´s noch etwas besser? Klar doch! Hat Lena Meyer-Landrut jetzt etwa ein Album mit Cover-Versionen von Billie Holiday aufgenommen? Das dachten wir spontan, als „Hey Joe“ der jungen Britin Liz Green an unseren Ohren vorbeizog, so leicht zickig, aber im großen Herzen doch sooo romantisch. Nun halten wir es im Falle von »Lady Day« ja gerne so, dass wir das Original hören und nicht etwa Madeleine Peyroux, aber in ihrer Heimat England wird Liz Green ohnehin eher als britsche Antwort auf Antony Hegarty gehandelt. Was uns ehrlich gesagt etwas überrascht, denn Antony ist ja seinerseits Brite. Anyway! „O, Devotion!“, das theateraffine Debütalbum der jungen Sängerin, geizt nicht mit geschmackvollem Retro-Stil zu Kurt Weill-Bläserarrangements. Ist jung, klingt alt. Älter immerhin als „Maraqopa“, das neue Album vom Wüstenschrat Damien Jurado, dem Mann mit der eigenwilligen Karriere zwischen Meisterwerk und Demotape. „Maraqopa“ klingt nach Meisterwerk, ist originell arrangiert und erinnert an Musik, die Dino Valente vielleicht 1971 mit Pearls Before Swine gemacht hätte, wäre er nicht Sänger bei Quicksilver Messenger Service gewesen. Ganz schön aufregend! Aber wie schreibt Diedrich Diederichsen in „Eigenblutdoping“ so treffend: „Wer im Immergleichen des Loops etwas Neues erlebt, hat es mit einem viel härteren Neuen zu tun, als wer dies in einer Struktur erlebt, in der das Auftreten des Neuen vorgesehen ist.“ Und damit zu something completely different! „Ja, ist denn schon wieder Ayler, Albert?“, fragt man sich, wenn man das Jazz-Album des Jahres 2011 ein- und auflegt. „Coin Coin Chapter One: Gens de couleur libres“ von Matana Roberts brachte auch das nicht sehr jazzaffine SPEX-Magazin zu jubeln, wenngleich dafür ein alter Haudegen eingeflogen werden musste, weil die Kids in der Redaktion aufgrund des Covers wohl ein conscious HipHop-Album erwartet hatten. Matana Roberts schert sich nicht um die Spielregeln des Jazz-Ghettos, sondern veröffentlicht mal auf „Thrill Jockey“, mal auf „Constellation“ – coole Labels, wo man mit Jazz für größes Ensemble eher nicht rechnet. In der Manier von Charles Mingus betreibt Roberts eine Art Familienforschung qua Sound und oral history, dabei die Nähe zu Coltrane (John und Alice) oder Pharoah Sanders durchaus suchend, aber auch Offenheit gegenüber Rock-Strukturen oder New Orleans Jazz zulassend. „Coin Coin Chapter One“ ist eine leidenschaftliche Spurensuche voller magischer Momente, produziert mit den Mittel des Retro. Eine rundherum erschöpfende Geisterstunde, aber wie soll man sonst mit Toten sprechen und von ihnen erzählen? Womit übrigens bei Erscheinen des Albums nicht unbedingt zu rechnen war: Matana Roberts und ihr (verkleinertes) Ensemble spielen das Programm auch in Deutschland live. Aber nur ein einziges Mal – und zwar in der „Manufaktur“. Hey, exklusiv, Leute! Darauf sind wir, ehrlich gesagt, ein ganz kleines bisschen stolz. Echt jetzt.

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