Photo of Anja Weinhold

EvilSeverus's Blog

  • Buchreview: "Satan, kannst du mir noch mal verzeihen ..." von A. Hahn & F. Willmann




    Unbestritten war die Band SchleimKeim eine der in Ost und West populärsten Ikonen des DDR-Punks.

    Gegründet Anfang der 80er in der Nähe von Erfurt produzierte sie Skandale am laufenden Band, die wie alles, was die Band tat, von Dieter Ehrlich, genannt "Otze", ausgingen.


    "Satan kannst du mir noch mal verzeihen ..." war einer der wenigen Post-DDR-Songs der Band von dem Album "Abfallprodukte der Gesellschaft", dem das Buch auch seinen Namen verdankt.


    Das Buch besteht hauptsächlich aus Interviews und Zeitzeugenerinnerungen von Bandmitgliedern, Jungpfarrern aus Erfurt, Weimar und Jena und Kumpanen Ehrlichs. Doch das Buch liefert keine reine Fallstudie des mittlerweile legendären Bandleaders, sondern vor allem auch ein eindrucksvolles Potrait der Punkszene in der DDR. Seien es die ständigen Konflikte mit Stasi und Gesellschaft und den Einfluss der evangelischen Gemeinden in dieser Beziehung. Wurden viele der Punkrockkonzerte in Kirchen und Jugendclubs der Protestanten abgehalten. Auch wenn man sich heute kaum noch vorstellen mag wie Punks in Kirchen zechten, Altare demolierten und die Pastoren mit den hiesigen Alkoholleichen umsprangen. 20 Jahre nach dem Fall der Mauer wären derartige Konzerte in Kirchenmauern niemals mehr vorstellbar. Doch in der Abneigung gegenüber dem SED-Regime waren sich Gottlose und Gottesmänner dann doch verbunden, auch wenn SchleimKeim in so manchem Gotteshaus schlussendlich hausverbot bekam, da ihre Konzerte konsequent in Orgien und Schlägereien ausarteten - so das es wohl auch so manchem liberalem Priester zu viel wurde.


    Die Lebensgeschichte Otze Ehrlichs und die der Band SchleimKeim sind untrennbar miteinander verbunden, denn Otze WAR SchleimKeim, wie sich nach seinem Tod Ende der 90er herausstellen sollte. Dennoch sein Leben und Sterben waren so abenteuerlich und durchtrieben, dass so mancher Romanautor vor Neid erblasst wäre.

    Aufgewachsen in bäuerlichen Verhältnissen im Dorf Stotternheim, nahe Erfurt. Die Familie hatte sich geweigert in die LBG einzutreten, weshalb die Familie bei Nachbarn und MfS von Anfang an verdächtig aussah. Der Sohn fiel bereits in der Schule durch Gehorsamsverweigerung auf, brach die Schule und Lehre ab, wurde Punk. Lebte den No-Future-Mythos. Galt als Gewälttätig. Zog Wochenlang umher, kam schließlich jedoch immer zur Mutter zurück. Lebte zeitweilig in Erfurt, Weimar und Ostberlin. In der Hauptstadt begann dann sein langsamer Abstieg durch Partydrogen. Dort produzierte er die Platte "DDR von Unten" für die er fast 4 Jahre im Stasiknast zubrachte. Schließlich wurde Ehrlich immer unberechenbarer. Glaubte an Satan. Landete mehrmahls im Knast. Besorgte sich Geld über Tätigkeiten als IM. Nach der Wende starb seine Mutter. Er landete mehrmals in der Psychiartrie. Und erschlug schließlich seinen Vater mit einer Axt, nachdem dieser ihn für Unzurechnungsfähig erklären lies. Wenig später starb Dieter Ehrlich alias Otze im Gefängnis.

    Das umrahmt das Buch zusätzlich noch mit nach der Wende freigegebenen Berichten des MfS - inklusive, behördlicher Schreibfehler.


    Bei all dem, lohnt sich das Buch?


    "Satan kannst du mir noch mal verzeihen ..." ist vor allem geeignet für Leute, die in das Thema Punk in der DDR, sowie SchleimKeim-Bandgeschichte einsteigen wollen. Für den gestandenen SchleimKeim-Fan hingegen bietet das Buch wenig Neues. Wer also auf überragende Neuentdeckungen im Leben und Schaffen Dieter Ehrlichs hofft, der hofft vergebens.


    Gut geschriebenes Zeitdokument einer im Ostalgismus fast vergessenen Ära.


    8/10 Pastoren am Rande des Nervenzusammenbruchs
  • Filmreview: "Dark Shadows"




    Der gut aussehende Sohn einer Familie von Fischereiunternehmern Barnabas Collins (Johnny Depp) wird von einer rachsüchtigen Hexe (Eva Green) in einen Vampir verwandelt. Als wäre das nicht noch strafe genug verbuddelt die ihn auch irgendwo im Wald.
    Erst 200 Jahre später, in den frühen 70ern, befreien ihn einige unvorsichtige Bauarbeiter aus seinem irdenen Gefängnis. Reichlich verwirrt und kulturell schockiert macht er sich auf die Suche nach der Hexe, um den Bann, der auf ihm und der Familie Collins liegt zu brechen.

    Zugegeben, nach dem für mich schwer enttäuschenden "Alice im Wunderland" hatte ich doch eher geringe Erwartungen, da auch dieser Tim Burton Film unter den Fittischen von Disney entstand - von denen Burton sich ja bereits in den 80ern getrennt hatte, weil die damalige Disneyführung seine Filme zu familienuntauglich fand. Wie sich Zeiten ändern.


    Ich habe dem letzten, großen Rebell und Märchenerzähler Hollywoods ernstlich Unrecht getan.


    "Dark Shadows" ist schlichtweg großartig und eine tolle Hommage an die Vampirfilme der 30er bis 50er Jahre. Als Vampire noch schwarzromantische Erotik versprühten und noch richtig litten - anstelle sich anzustellen wie der letzte Emo auf Erden. Und in diesem Punkt spielt Johnny Depp Barnabas einfach genial. Der stocksteife, biedere Vampir, der die Herzen der Frauen erobern will indem er ihren Vätern Schafe schenkt und Gedichte rezitiert. Besondern herzlich wird das Ganze natürlich wenn es zum wahren Cultureclash zwischen 1760 und 1972 kommt. So lebt der Film natürlich auch von seinem fabelhaften Hauptdarsteller der mit dem schrulligen Barnabas, der immer da sitzt als habe er ein Brett im Kreuz einmal mehr eine Figur auf die Leinwand bringt, die ähnlich kultverdächtig ist wie einst Depps Captain Jack Sparrow im ersten "Fluch der Karibik".


    Darstellerisch ist der Film ohnehin allererste Sahne. Sei es nun Helena Bonham-Carter als durchgeknallte Psychiaterin, Eva Green als kalte, berechnende Hexe oder den tollen Cameos von Mr Dracula Christopher Lee und Alice Cooper als er selbst. Gerade das Duell Johnny Depp vs. Eva Green ist da sehr gelungen und verleiht dem Film das gewisse etwas an schwarzer Erotik. Zugegeben, mir ist es ein Rätsel wie Burton die entsprechende Sexszene bei Disney durchbringen konnte, da sie durchaus ein Maß an sexuellen Reiz mit sich bringt, die die typische Disneyzielgruppe wohl nicht so ganz verstehen könnte.


    Obwohl "Dark Shadows" atmosphärisch ein sehr typischer Tim Burton ist - mit düsteren, victorianischen Hallen, großartigen, schrägen Sets und Make-Ups und dem entsprechenden Score von Danny Elfman (wer sonst!) - würde ich ihn jedoch mehr in die Richtung von "Beetlejuice" oder "Corpse Bride" einordnen anstelle von "Sleepey Hallow" oder "Sweeney Todd", da der Film der Zielgruppe entsprechend blutleer ist, was keineswegs bedeuten soll er hätte kein Blut! Zumal der Film voller spritziger Ironie mit dem Genre Vampirfilm umgeht und anders als seine beiden, berühmten victorianischen Gruselklassiker mit weit weniger ernst daher kommt. Das heißt allerdings nicht, dass der Film ein Comedyfilm oder gar Parodie ist. Ganz bestimmt nicht. Er ist wie viele von Burtons Filmen eine Hommage an die alten Horrorgenres, in denen Brutalität nicht so eine große Rolle spielte wie faszinierende Düsternis, finstere Antihelden und märchenhafte Annekdoten. Mit anderen Worten; Schwarzromantiker werden sich sofort pudelwohl fühlen!


    Wer Tim Burton und Johnny Depp mag kann hier eigentlich nichts verkehrt machen. Das Dream-Team hat mal wieder zugeschlagen und mir zwei Stunden lang großartige Unterhaltung geboten.


    10/10 altmodischen Vampiren mit Gehstöcken



    "Dark Shadows" Trailer

  • Filmreview: "IRON SKY"




    Eigentlich soll es ein Wahlkampfmanöver werden: Der farbige Astronaut James soll auf dem mond vor Wahlplakaten von Sarah palin posieren. Dummer Weise wird die Crew von Mondmännschen der ganz besonderen Art überfallen: Nazis. Die sind 1945 auf die dunkle Seite des Mondes geflüchtet und bereiten seitdem eine Invasion auf die Erde vor. Dumm nur, dass das 4. Reich immer noch mit alten Zählcomputern rechnet. Als die Nazis jedoch James' Smartphone in die Hände bekommen scheinen sie endlich genug Rechenkraft zu besitzen um ihr gewaltiges Kampfschiff "Götterdämmerung" startklar zu machen - dummer Weise ist im entscheidenten Moment der Akku alle.
    Und so wird James, zusammen mit weiten Nazidumpfbacken vom Reichskanzler (Trashikone Udo Kier) auf die Erde geschickt, um dort weitere Computer zu beschaffen. Auf dem Planeten angekommen legen sich die Nazis mit Hanffarmern und Skinheads an, werden von Palins Wahlkampfberaterin als Maskottschen entdeckt und richten mehr Chaos an als unsereins "Blitzkrääg!" rollen kann.

    Dass "Iron Sky" sich nicht ernst nimmt braucht wohl keiner weiteren Erläuterung. Der Film ist fieser, satirischer Edeltrash vom feinsten. Und anders als etwa ein Quentin Tarantino in seinem völlig überbewertetem "Inglorious Basterds" versucht der Film gar nicht erst irgendwie intelektuell zu wirken.


    Nein, "Iron Sky" ist Humbug! Das muss so gesagt werden. Völlig idiotischer, dämlicher Humbug! Doch wie man als Trashfan weiß ist Humbug nicht gleich Humbug. Und so ist der Film diese Art Humbug, die kein Blatt vor den Mund nimmt und mit Vergnügen auch den König des modernen Humbugs zitiert (Nein, nicht Tarantino! Hört endlich mit diesen Beleidigungen auf!) Ed Wood und Charlie Chaplin. Auf die eine oder andere Weise wird "Iron Sky" da zur Hommage an Woods "Plan 9 from Outer-Space" und natürlich Chaplins "Der große Diktator", versetzt mit bissiger Satire gegen Tea-Party und das republikanische, herrlich treudoofe Amerika. In Sachen Doofheit stehen die Amerikaner im Film den Mondnazis in nichts nach.


    Klar, "Iron Sky" wir einigen Leuten überhaupt nicht gefallen. Bei wem das Herz aber auch nur ein bisschen für den wahren Trash schlägt, der sollte sich den Film nicht entgehen lassen. Ich werde mir den film auf jeden Fall in nächster Zeit nochmal im Kino ansehen. Ganz große klasse ... oder sollte ich sagen; ganz große Scheiße?


    10/10 Reichsflugscheiben


    "IRON SKY" Trailer
  • Filmreview: "The Black Power Mixtape - 1967-1975"




    Der Name der Doku ist Programm und "Mixtape", die wohl beste Bezeichnung, denn es handelt sich bei dem film um keine Dokumentation im üblichen Sinne. Vielmehr werden chronologisch nach den Jahren 1967-75 selten gezeigtes Originalmaterial und Kommentare von Martin Luther King, Malcom X, Angela Davis u.a. Mitgliedern der pazifistischen Seite, aber ebenso von den militanteren Black Panthers gezeigt.

    Das große Plus ist dabei für mich, dass über die Originalaufnahmen keine Synchro gelegt wurde, sondern der Film nur untertitelt wurde. Auch, wenn das manchen sicherlich stören mag, da auch Beiträge auf Französisch und Schwedisch enthalten sind. Dennoch trägt das viel zur authentischen Atmosphäre des Films bei.


    Allerdings muss gesagt werden, dass der Film nicht die Geschichte der Black Power Bewegung nachzeichnen will im Sinne von bildungsbürgerlichen Bildungsfernsehen, sondern einzig und allein den Anspruch hat das Bild um die Bewegung zu komplettieren mit vorher kaum gezeigtem Material und Kommentaren.


    Daher kann ich keine uneingeschränkte Empfehlung an jeden rausgeben, denn so mancher wird sich an diesem "Mixtape" stören, an dem Patchworkaufbau, der u.a. auch vorraussetzt, dass der Zuschauer zumindest schon einmal etwas von Black Power gehört hat und etwas mit den genannten Persönlichkeiten anfangen kann ebenso wie mit den damaligen und heutigen lebensumständen der Schwarzen in den USA. Völlig Unbedarfte sollten sich von dem Film also erstmal etwas fernhalten, bis sie sich zumindest die grundlegenden Eckpunkte der Bewegung angelesen haben.


    Wer sich für die Bewegung jedoch interessiert, dem kann der Film durchaus interessante Einblicke gewähren.


    7/10 Black Panthers


    "The Black Power Mixtape" Trailer

Login

Forgot password?

Need an account? Sign up