| Movies | FILME ÜBER BERLIN, DIE NOCH FEHLEN
Warum immer diese ganzen Event-Filme? Ich fand das Wunder Von Bern beschissen, jeder wusste doch wie es ausgeht. Und dann jetzt noch die große WM Doku hinterher, Ausgang wieder bekannt - lahm!
Wenn wir schon Klischees wieder aufwärmen wollen, dann richtig. Also komplett mit Produktionshinweisen und allem drum und dran. Auf geht's, was ist an berliner Themen noch nie ultimativ verbraten worden?
:: der 70/80er Jahre Drogen, Rock und alternative Szene in Westberlin Film ::
Das verruchte Leben der Wehrdienstverweigerer im Westteil der Stadt faszinierte die ganze Republik, darum wird die Geschichte am besten autobiographisch erzählt, anhand diverser Lifestyle-Reportagen aus dem Stern über ein beliebiges Junkie Paar.
Wir richten ein Studio in der Haupstr. 155 ein, Iggy Pop und David Bowie kommen vorbei und nehmen bei uns Lust For Life auf. Unseren Dealer treffen wir wie gewöhnlich bei den alten Toiletten unter den Bülowbögen und verlangen "etwas braunes". Beim Babystrich hinter Möbel Hübner setzen wir uns einen Schuss, während vorne die fette Gabi steht, raucht und auf Kunden wartet. Zurück in der Wohnung hören wir die Fehlfarben und an der Tür klingelt Christiane F. Die Tagesschau berichtet über den Stammheim Prozess der RAF, Otto Schily und Horst Mahler verteidigen. Weiter zur Kurfürstenstraße ins Sound, wir treffen Pieke und Klorke auf dem Weg.
Dann haben wir genug Berlin abgefilmt und die erste Hälfte des Films ist voll. Ab jetzt werden die Geschichten der Personen im Laufe der Jahre verfolgt - dabei hat niemand eine Idee, was ein erfülltes Leben auszeichnen könnte. Es bleibt bei kleinen Tagesgeschäften und kalten Wintern. Iggy und David hauen ab in die Schweiz. Unser Dealer wird abgestochen, was nicht schlimm ist, wir haben ja noch drei andere. Wir sind mittlerweile nach Kreuzberg ans besetzte Fraenkelufer weitergezogen, keine Miete und so. Christiane ist jetzt berühmt und versucht mehrmals zu entziehen - klappt nur nicht, weil so viel Buchtantiemen reinkommen, dass immer Kohle für Stoff da ist. Das Sound baut erst Salon-Türen in die Klos um die Fixer abzuschrecken und muss dann ganz schliessen, Pieke und Klorke machen jetzt Klebstoff-punk.
Wir gründen einen Kindergarten für unsere Kinder und der Glitter Teil der 80er beginnt, an dem wir aber nicht mehr teilnehmen weil jetzt Familie. Auf einmal gibt es Perspektiven in der Häuslichkeit, wobei wir natürlich alles ganz anders machen als unsere Spießer-Eltern. Der Film endet alternativ mit Tschernobyl oder dem Mauerfall. Jeder hat seine Form der Bürgerlichkeit gefunden, und richtet sich darin kuschelig-warm ein.
Für die Umsetzung sind nur ein paar Kleinigkeiten zu beachten. Unreine Farben und körniges Filmmaterial schaffen den authentischen Rockdoku Look. Alle Menschen die auftreten müssen angestrengte, verbrauchte Großstadtgesichter haben. Dialoge hinterlassen immer das Gefühl, das niemand mit dem anderen redet, sondern alle mit sich selber. Statische Kameras auf kaputte Hausfassaden an denen Menschen vorbeihasten, viele alte Enten an Bordsteinen, lange Haare überall, Zigarettenasche ist auch wichtig. Dazu ein oder zwei depressive U1-Fahrten im Regen und wir hätten's zum Art-House geschafft.
Produzentensprech: Die Fotos sind zum Verdeutlichen des Visual Feel!
 
:: der 90er Jahre post-Mauer Techno Film ::
Diesmal gibt's passend zur individiuellen Selbstermächtigung einen Helden, Klaus.
Klaus ist so underground, Klaus veröffentlicht seine Platten erst gar nicht. West-Berlin ist eine Insel. Mitte liegt umrankt vom Todesstreifen im Dornröschenschlaf. Techno ist alles was Synthesizer einsetzt. Acid House erlaubt sich einen Scherz und verbreitet Smileys überall. Klaus ist 128. Teilnehmer der ersten Loveparade auf dem Kudamm und ist nachher so fertig, das er den Mauerfall verpennt. In Mitte ist viel Platz zum Tanzen.
Osteuropa entdeckt Techno. Klaus spielt als DJ VdX im Tresor und vögelt nur noch Litauerinnen und Wolfgang Tillmanns. Unter einem Pseudonym produziert er „Die Schlümpfe - Tekkno is kool“ um Geld zu verdienen. Gegenüber seiner Wohnung machen KW - Die Kunstwerke auf, um die Ecke liegt das Tacheles Haus. Mitte wird zum Spekulationsobjekt. Am großen Stern sind über 1.000.000 Menschen bei der Love Parade. Als Klaus spielen soll ist er so high, dass Westbam eine Stunde früher anfangen muss. Schuld daran ist Marc Spoons Pillenkoffer.
Die Regierung zieht nach Berlin und Klaus kann die Miete nicht mehr zahlen. Er verdingt sich als Resident im KitKatClub und vögelt jetzt nur noch frustrierte Sekretärinnen. Bunker und E-Werk gibt's nicht mehr. Frontpage outet ihn in einem "peinlich vor zwei Jahren"-Feature als heimlichen Dancefloor Produzenten. Das ändert aber auch nichts mehr, weil jetzt nur noch Ambient Platten von japanischen Wassermusikern gekauft werden und "Frontpage" bald auch weg ist.
Klaus rächt sich an der Szene und der Welt mit der Erfindung von Lounge-Samplern und zieht nach Prenzlauer Berg - der perfekte Abschluss, um daraus die Mitte-Trilogie werden zu lassen. Auf jeden Fall hat hippieesker Hedonismus sein Revival erlebt, interpersonale Beziehungen sind kaum noch von Bedeutung, Alltagssprache wird mit Englisch gespickt und die Digitalisierung der Existenz klopft an die Tür.
Die Produktion ist denkbar einfach. Man braucht einen Ex-Viva Kameramann, der die Farben schön knallig macht, die Kamera nie ruhig hält und andauernd zwischen Klaus' Gesicht und der aufgehenden Sonne hin- und herzoomt. Diesmal bauen die Dialoge zwar auf tatsächlichen Austausch auf, dabei stimmen aber alle immer nur enthusiastisch den Plattitüden der anderen zu. Ernste Worte werden nur mit sich selbst gewechselt. Entweder zusammengekauert in der Dusche beim Runterkommen ohne Tranquilizer oder beim Fluchen über derilierende Menschen im Sanitätszelt. Klassische Erzählanordnungen werden im Schnitt negiert um die Unverbindlichkeit dieses neuen Lebensstils zu verdeutlichen. Höre ich jemanden hoffnungsvollen Jung-Regisseur sagen?
 
:: der „Schatz ich glaube meine New Economy Blase ist geplatzt, fahr mich in's Krankenhaus“ Film ::
Wir knüpfen einfach an den Techno Film an. Ausgehend von Klaus' neuem Mitbewohner Phil. Der ist für irgendwas kulturelles an der HU eingeschrieben, kauft bei Humana immer Trainingsjacken und findet auf einmal 60er und 70er Jahre Einrichtungsgegenstände toll. Klaus verdient ein Vermögen an seinen neuen Freunden mit seinen Lounge-CDs und lässt sich im Austausch von ihnen beim Turnschuhkauf beraten.
Beim Latte Machiatto überzeugt Phil Klaus davon, sein neu gewonnenes Geld in eine Musik-Download Plattform zu investieren. Die beiden gründen "mp2isgood4u.com". Die Server stehen in der gemeinsamen WG, schnell hat das Unternehmen 20 Angestellte. Alles Phils Freunde, die er von der Ausbildung zum Webdesigner kennt. Ihre Praktikantenstellen versteigern sie bei eBay. Als Ausgleich für das stressige Networking im Café unten vor der Haustür veranstaltet Phil jetzt regelmäßig "Retro" Partys zu denen nur Menschen mit häßlichen und deswegen lustigen Schnurrbärten, Haarschnitten und T-Shirts Einlass finden. Klaus lässt sich blonde Strähnchen verpassen und darf als Maskottchen mit. Phil spricht hinter seinem Rücken von ihm als „Koksidiot, der alles bezahlt“. Die WG löst sich auf.
Das Unternehmen wird trotzdem noch an die Börse gebracht. Phil verkauft sofort seinen Anteil. Denn das Stammkapital ist für Kickertische, Electroscooter und ganz viel Print-Werbung draufgegangen, aber niemand hat sich jemals auch nur eine Datei von der Plattform runtergeladen. Die Twin Towers stürzen ein und der TecDax nimmt negative Werte an. Klaus wird wegen Bilanzfälschung angeklagt und hängt sich in der Scheune seine Eltern auf.
Phil schreibt einen Bestseller über seine Zeit in der New-Economy, kommt mit der Vintage-Siebdruck Designerin Karen zusammen und steigt auf zum Lifestyle Redakteur beim „'Berg Magazin“. Seine Asics Sneaker landen in der Mülltonne, er trägt jetzt Anzug.
Für's Bühnendesign sollten wir am besten aus einem 2nd Hand Shop auf der Kastanienallee das komplette Set basteln. Dann müssen wir nur noch die Produktion an eine Pro7 Tochterfirma übergeben, die ihre besten Praktikanten vorbeischickt, und wir können uns mit den Produktionspartys beschäftigen, haben die damals schließlich auch so gemacht. Dazu kommt natürlich noch eine überproduzierte Website, die genauso viel kostet wie der Film selbst. Die Dialoge drehen sich immer nur um Buzz-Words, Gadgets und Firmenneugründungen, soziale Situationen sind immer Sushi-Matinees, Themen-Partys oder Ladeneröffnungen. Wenn der Teil als kreativer Durchhänger der Trilogie ohne Aussage bezeichnet wird, haben wir es genau richtig gemacht.

:: der „die technischen Möglichkeiten machen jeden zum Produzenten“ Film ::
Letzter Teil der Mitte-Trilogie:
Phils Magazin schmeisst ihn raus. Niemand liest mehr pop-kulturelle Kontexteinordnungen von neuen Bands, sondern lieber komplett subjektive, mit Handyfotos angereicherte Backstageberichte mit Koks und Titten. Karen besinnt sich auf die neue Selfmade Ethik und wandelt ihren Laden zu einem offenen Community Projekt um, bei dem jeder seine Shirts bei ihr anbieten kann. Sie verlässt Phil, der erbittert aus Frankfurt Pamphlete über die kulturelle Bodenlosigkeit Berlins schreibt.
Karen hält ihre Streifzüge und sexuellen Abenteuer in Berlins Nachtleben mit einem Photo-Blog fest und hat bald 50.000 Pageviews. Damit macht sie aber auch kein Geld, bekommt aber durch ihren Ruf den Chefredakteursposten vom „'Berg Magazin“. Sie macht daraus die Ironie-Bibel für alle Urbaniten, und träumt von Proll-Ästhetik für alle. Sie trifft Jake, der gerade eine web2.0 Plattform für mittellose Künstler und schützlingslose Kunstmäzene in Berlin aufbaut. Zusammen haben sie ein Kind, dessen Erziehung sie sich mit ihren Nachbarn teilen und dessen voranschreitende Entwicklung mit einem Videopodcast dokumentiert wird.
Jake macht low-fi Fotos im 70er-Trash-Porn Style, bis er von Terry Richardson verklagt wird. Daraufhin gründet er eine Swingerclub Kette für Hipster, mit Hausverbot für Terry. Die wird so erfolgreich, dass er daraus ein Franchise Unternehmen macht mit Ablegern in London, New York und Shanghai. Als neureicher Bohemien verbringt er Stunden damit, sich mit Karen über das arbeitsklassigste Tattoo zu streiten. Er entscheidet sich für "made by Hartz IV" und findet sein Lebensglück als er in einer Kneipe im Wedding erst nach zwei Minuten als nicht dazugehörend auffällt.
Erklärtes Produktionsziel muss natürlich sein, den Film nur mit Hilfe von "Freunden" und ohne Geld zu drehen. Wir tauschen ein iBook und eine Kamera gegen die Möglichkeit für ein unbekanntes Talent den kompletten Soundtrack für den Film produzieren zu dürfen. Bevor ans Storyboard gedacht werden kann, braucht der Film einen Myspace Account, der den ganzen Produktionsprozess online darstellt. Darauf können sich User für den Cast bewerben. Andere User stimmen dann ab, wer mitspielen darf. Daraus wird der Vorspann geschnitten. Alle Sex- und Swingerclubszenen bestehen aus Videos von einer Amateurpornocommunity. Das restliche Material lassen wir die Hauptdarsteller selber drehen. Das alles kann man sich dann kostenlos runterladen, die Szenen wie man will arrangieren und die beste Version kommt für die drei Offliner, die es noch gibt, ins Kino.
Mit diesem Film zerstören wir das klassische Produktionssystem von Hollywood und gehen in die Mediengeschichte ein. Und zwar als Menschen mit den dümmsten Tattoos aller Zeiten.   
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