So war das nicht geplant. “Feuerwehrmann, Astronaut, Rennfahrer - auf der
Liste meiner Traumberufe stand seit meiner Kindheit so einiges. ‘Sänger’
allerdings nicht, auf die Idee wäre ich gar nicht gekommen.” Jan Sievers lacht
sein offenes Lachen, immer noch sichtlich erstaunt über die plötzliche Wendung
seiner Karriere: Mit dem Song “Die Suche” ist er seit Wochen Dauergast in den
Charts, sein rauer, warmer Bariton klingt aus allen Kanälen. Vor kurzem hat er
sein TV-Debüt als Sänger gegeben, im zarten Alter von 32 Jahren, live bei
Stefan Raab, das Netz wimmelt nur so vor Einträgen mit dem Namen “Jan Sievers”
und der Blätterwald raschelt schon seit Wochen. Dabei hat er sein Album mit
dem ungewöhnlichen Titel “Abgeliebt” erst just fertiggestellt - wenngleich mit
namhafter Hilfe: Jens Carstens und Zoran Grujovski, bekannt aus dem
“Rosenstolz”-Umfeld, und Patrick Majer, der unter anderem bei “Wir sind
Helden” und “Jennifer Rostock” hinter den Reglern saß, zeichnen für die
Produktion verantwortlich.
Was wohl passiert wäre, hätte es nicht diesen auf Kassette gesungenen
Geburtstagsgruß für eine Kollegin gegeben? Und was, wäre diese kurze
Stimmprobe nicht hinter seinem Rücken in der Musikbranche lanciert worden?
Wahrscheinlich wäre er in seinem Job geblieben. Jan Sievers ist nie auf
Feuerwehrleitern geklettert, bis ins All ist er erst recht nicht gekommen, er
wurde stattdessen Werbetexter. Mit Musik und Songwriting hat die Werbewelt
allerdings wenig zu tun, außer dass beide Felder eine Spielfläche für
Kreativität und Worte bieten – die Werbung eine klar abgegrenzte, die Musik
dagegen eine schier unendliche. Nachdem er einmal in die neue
Kreativ-Spielwiese betreten hatte, war die Leidenschaft geweckt. Und sie
gewann nach kurzer Zeit die Oberhand: Jan Sievers hängte den sicheren Job an
den Nagel und stürzte sich in sein neues Leben. Ohne Absicherung, ohne
Erfahrung in seinem neuen Arbeitsumfeld, abgesehen von ein wenig Klavier- und
Schlagzeugunterricht, den ihm seine Eltern als Kind hatten angedeihen lassen.
Ein finanzielles Risiko, aber kein Problem: Jan Sievers hat ein ausgeprägtes
Urvertrauen, ob das nun sein Berufsleben betrifft oder adrenalinschwangere
Verrücktheiten wie Fallschirmspringen und Canyoning, denen er in seiner
Freizeit nachgeht. Er wollte und musste es einfach ausprobieren. Es würde
schon gut gehen. Und es ging gut. In der Hamburger Clubszene erspielte Jan
Sievers sich schnell den Ruf eines Publikumsmagneten. Und auch darüber hinaus
machte sein Name die Runde: Noch bevor er überhaupt einen eigenen Titel auf
dem Markt hatte, schrieb er schon für andere. Zum Beispiel den Text zu “Ich
bin ein Nichts”, Gunter Gabriels vom Feuilleton hymnisch gefeierte
Interpretation des Radiohead-Klassikers “Creep” - ganz nebenbei die erste
fremdsprachige Textbearbeitung, die Radiohead-Mastermind Thom Yorke je
freigegeben hat.
Die Ideen kommen ungeplant, die Inspiration kann überall lauern - im Urlaub,
im Bus oder an der Kassenschlange im Supermarkt. Und immer wird alles stehen
und liegen gelassen, so lange, bis die Eingebung auf Papier oder Aufnahmegerät
gesichert ist. Etwaige Genregrenzen spielen dabei keine Rolle, Jan Sievers
schreibt einfach Songs, und die bekommen, was sie brauchen: Emotionen,
kitschfrei verpackt in seiner bildhaften Sprache, poetisch und voll
detailverliebter Wortspiele, aber immer auf den Punkt formuliert. Das Ergebnis
ist deutschsprachige Popmusik mit Mut zur großen Geste.
Und ohne Furcht vor großen Namen: Im Video zu “Die Suche”, der ersten Single
des Albums, gibt es gleich ein munteres Stelldichein - Jennifer Rostock,
Gunter Gabriel und Schauspielerin Ina “Paule” Klink leihen der
vorwärtsgewandten Ballade ihre Gesichter. Genau wie Udo Lindenberg,
gewissermaßen als Ehrengast, der “Jan, dem charmanten Vogel”, diesen Wunsch
gern erfüllte.
Zwei Stücke auf “Abgeliebt” sind Koproduktionen mit dem schwedischen
Jazz-Musiker und Komponisten Martin Tingvall, der schon für Udo Lindenbergs
epochales Comeback-Album "Stark wie Zwei" maßgebliche Songs beisteuerte und
jüngst mit seinem “Tingvall Trio” den Jazz ECHO entgegennehmen durfte: das
druckvolle “Gegen die Zeit” sowie der letzte Song des Albums, “Fortsetzung
folgt”. Hinter dem unprätentiösen Titel des finalen Tracks verbirgt sich ein
ergreifender, nur von Klavier und Streichern begleiteter Abschiedsbrief an
eine erst vor kurzem verstorbene Person, der sich Jan Sievers noch immer sehr
verbunden fühlt. Ein Song, der das Innerste nach außen kehrt. “Es tut gut,
solche Gefühle rauszulassen, sie zuzulassen und in Worte und Töne zu fassen”,
sagt Jan Sievers. “Musik schreiben, bedeutet für mich auch, Erlebtes zu
verarbeiten. Von Zeit zu Zeit tut es einfach gut, den emotionalen Eisschrank
abzutauen und Platz für Neues zu schaffen.”
Außerdem wurde ein weiterer Wunsch Realität: Der von einem Duett mit AnNa R.,
der Sängerin von Rosenstolz. Mit dem Titel „Nichts zu bereuen“ schrieb Jan
Sievers eher eine Art “Anti-Duett”, einen Song für zwei charakterstarke,
völlig unterschiedliche Stimmen, die sich aber perfekt ergänzen. Jan Sievers
schaut mit einem offenen, grundsätzlich positiven Blick auf das Leben mit all
seinen Eigenheiten und Wirrnissen. Im Herbst ist eine Tournee geplant, alles
andere wird sich weisen. Und was immer die Zukunft auch an neuen
Überraschungen parat halten mag: Das wird schon.
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