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Seit die Gesundheitsministerkonferenz erwägt, Lautstärken gesetzlich zu beschränken, können sich Clubbetreiber nicht mehr durch Lärm hervortun. Sondern durch ein gutes Schallklima. Das soll auch die Aggressivität mindern.
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Gebaut für die Ohren. Der Friedrichshainer Raumklang-Club ist auf Stahlfedern gelagert und wie von einem Instrumentenbauer entworfen.
„Der Klang bestimmt, wie wir uns fühlen“, sagt Wilson Willsingh. Der Dozent für technische Akustik beschäftigt sich mit der Gestaltung von Tonstudios. Seine nächsten Projekte sind allerdings ein neues Medienzentrum in Moskau und eine unterirdische Hochgeschwindigkeitsstrecke in Seoul. In immer mehr Bereichen sind Lärmbändiger wie Wilson gefragt. Es ist nämlich schrecklich laut geworden. Die Dauerbeschallung beim Einkaufen, mp3-Handys in der U-Bahn, die Geräuschkulisse der Stadt lässt einen immer weniger abschalten. Und viele suchen, so verrückt das klingt, nach einer harten Woche Erholung in einer harten Nacht. Vor dreißig Jahren war es noch normal, zwei Stunden in der Disko zu bleiben. Heute sind es fünf. Technotänzer verbringen wach mehr Zeit im Club als zu Hause. Was sagen die Ohren dazu? Fiep.
340.000 Neuerkrankungen an chronischem Tinnitus zählt die Deutsche Tinnitus-Liga Jahr für Jahr. „Vor allem bei jungen Menschen steigt die Zahl stark“, sagt Birgit Mazurek, die das Tinnitus-Zentrum der Charité leitet. „Manche hören schon mit zwanzig so schlecht wie ein Vierzigjähriger.“ Häufig sind Diskobesuche die Ursache. „Ab 85 Dezibel ist es für das menschliche Ohr schon viel zu laut“, warnt die Medizinerin. In Clubs sind 100 Dezibel und mehr, was einem Presslufthammer entspricht, völlig normal. Anders als zum Beispiel in der Schweiz gibt es in Deutschland bislang keine gesetzlichen Vorgaben. Ohropax helfe wenig, sagt Mazurek und rät, sich beim Hörgeräte-Akustiker einen individuellen Hörschutz anpassen zu lassen. Oder noch besser: „Nicht lange in die Disko gehen, am besten überhaupt nicht.“
Ein Warnruf, der auf abgestumpfte Ohren stößt. Partykultur ist ohne Selbstzerstörung nicht zu haben, ärztlicher Rat nicht gefragt. Wer nachts loszieht, will Geschichten erleben, will von etwas erfasst werden, das größer ist als er selbst.
Guter Klang definiert sich nicht durch die Lautstärke, sondern durch das Verhältnis zur Stille. Niemand weiß das besser als Wilson Willsingh, selbst ein Mensch von buddhistischer Ruhe. Vielleicht hat er die von seiner indischen Herkunft. Wenn er von „der Herstellung des Trancezustands auf der Tanzfläche“ spricht, klingt er wie ein Therapeut. In gewisser Weise ist er das auch. Wilson hat selbst einen Club konstruiert, Raumklang heißt er und befindet sich in Friedrichshain. Zweieinhalb Jahre hat das gedauert. Der ganze Raum lagert auf 6000 Stahlfedern. Dadurch dringt kein Ton nach draußen und in den Wohnungen darüber können Leute schlafen. „Der Lärmschutz ist das Erste, um das sich ein Club kümmern muss“, sagt Wilson. „Dann muss der Raum akustisch ausgeleuchtet werden, bevor es sich lohnt, an ein teures Soundsystem zu denken. Sonst wäre das, wie ein tolles Gemälde in eine Dunkelkammer zu hängen.“ Acht Schallabsorberplatten hängen an den Wänden, für jede hat Wilson eine eigene Zusammensetzung aus Blech, Schaumstoff und Folien berechnet.
Auch das Soundsystem hat der Akustiker eigens entwickelt. Als Hochtöner wurden Biegewellenwandler mit Kristalloberfläche verwendet, die anders als herkömmliche Lautsprechermembranen kaum Überlagerungen verursachen. Die Signale erreichen das Ohr so präzise wie möglich. Das Ergebnis ist umwerfend. Ein transparenter Klang in jedem Frequenzbereich, jede Soundschicht ist klar zu unterscheiden. Hier zu tanzen gleicht einem Bad.
„Viele DJs beschweren sich, es sei ihnen zu leise“, erzählt Betreiber Stefan Reinhardt amüsiert, „dabei ist es bei uns so laut wie woanders, nur der Druck auf dem Ohr, an den man sich schon gewöhnt hat, fehlt.“ Was das für die Clubatmosphäre bedeutet: „Die Aggression sinkt“, sagt Wilson, „vor allem Frauen fühlen sich wohler.“ Der größte Vorteil: Kein Fiepen am Tag danach, die Gefahr von Hörschäden sinkt. „Spaßfaktor und Gesundheit schließen sich nicht aus“, ist Wilsons frohe Botschaft.
Klar, Klang ist nicht alles. Das Raumklang wird nie die mythische Ausstrahlung eines Tresor erreichen. Es ist mehr ein Labor, das zeigt, wie es gehen könnte. Seit die Gesundheitsministerkonferenz erwägt, Lautstärken gesetzlich zu beschränken, können sich Clubbetreiber nicht mehr durch Lärm hervortun. Sondern durch ein gutes Schallklima. Welche Rolle dabei der Raum spielt, lässt sich auch im Weekend hören: Die neue Lounge drei Stockwerke höher klingt glasklar und warm – obwohl die Anlage vom selben Hersteller stammt. „Die Sensibilität für Akustik wird allgemein wachsen“, ist sich Wilson sicher. Vielleicht werden dann alle etwas entspannter.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 09.12.2007) |