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Käptn Ahlhab auf der Suche nach dem weißen Wal
Rip it up and start again:
Schanzenfest am 12. September 2009
Der Polizeieinsatz gegen das Schanzenfest vom 4. Juli 2009 stellt sich als
heftigster Übergriff der Polizei in der 21jährigen Geschichte des
Straßenfestes
dar. Anwohner_innen wurden aufgefordert, ihre Fenster zu schließen, da sonst
Wasser gegen sie eingesetzt würde, zahlreiche Menschen wurden durch
Schlagstockeinsätze, Pfefferspray oder Wasserwerfer verletzt. Verletzten wurde
die Behandlung verweigert und Journalist_innen wurden angegriffen. Ziel bei
diesem Einsatz war offensichtlich, jegliche Öffentlichkeit zu verhindern und
auszuschalten. Die kollektive Bestrafung der Idee eines unangemeldeten
Straßenfestes.
Die Liste der polizeilichen Übergriffe ist lang und muss erst noch
vervollständigt werden. Wir fordern alle Verletzten oder Zeug_innen auf, sich
beim Hamburger Ermittlungsausschuss zu melden und Gedächtnissprotokolle
anzufertigen. Unsere Solidarität gilt allen Besucher_innen, die an diesem Tag
Verletzungen davongetragen haben oder in diesem Zusammenhang festgenommen
wurden.
Verantwortlich für den Polizeieinsatz zeichnet die Innenbehörde in Person von
Innensenator Ahlhaus. Der weitere Ablauf war durch die Übergabe der
Verantwortlichkeiten um 18 Uhr an die Innenbehörde bereits vorbestimmt.
Bereits am frühen Abend wurde das Fest von starken Polizeikräften umstellt. Im
weiteren Verlauf durchstreiften 10-20er Gruppen der Polizei in provokanter Art
und Weise die Menge. Als es bis 22 Uhr trotz diesem ständigen Versuch der
Eskalation ruhig blieb, nutzte die Einsatzleitung die aus ihrer Sicht letzte
Gelegenheit und griff das laufende Fest von allen Seiten aus mit allem was da
war an. So sieht kein lagebezogener Einsatz aus, sondern ein geplanter Angriff
als politisches Symbol einer "Law and Order"-Ideologie. Ein Vorgehen, das
Ahlhaus wiederholt praktiziert hat bei der Auflösung von Demonstrationen und
Angriffen auf das Grenz- und Klimacamp.
Der Einsatz von Innensenator Ahlhaus stellt alles in den Schatten, was in
Hamburg in den letzten Jahren vorgefallen ist, auch unter der Ära Schill. Es
ist bemerkenswert, dass es eine schwarz/grüne Koalition brauchte, um den
Sicherheitswahn einer rechtspopulistischen Partei zu toppen. Innensenator
Ahlhaus ist untragbar und wir werden weiter auf die Straße gehen, bis er aus
seinem Amt fliegt. Wir wissen, er ist nicht das Problem, sondern lediglich
Ausdruck des Problems. Er vertritt eine reaktionäre Politik, die ihren Frieden
in dieser Koalition gefunden hat. Eine Politik, die längst ein bundesweites
Phänomen geworden ist mit Kameraüberwachung, Vorratsdatenspeicherung,
Internetsperren, Antiterrorgesetzen oder dem Einsatz der Bundeswehr im
Inneren.
Der Staat rüstet in autoritärer Weise auf und schafft einen zunehmend
reaktionäreren Gesellschaftsdiskurs.
Wir lassen uns nicht zu den Knetfiguren dieser Sicherheitsarchitekturen
machen!
"Wer lebt stört!" war auf einem Transparent am Tag nach dem Schanzenfest zu
lesen. Wir haben vor, das Leben weiter in den öffentlichen Raum zu
tragen. Dies
beinhaltet für uns auch, den politischen Normalbetrieb zu stören und eine
Stadtplanung anzugreifen, die aus öffentlichen Räumen einen
Hochsicherheitstrakt herstellt.
Der gewaltsame Einsatz der Polizei hatte einen polizeistaatlichen
Charakter, der
sich gegen alle Menschen auf der Straße richtete. Eine Zivilgesellschaft, die
gegen solche Formen der Polizeigewalt keinen Widerstand leisten würde,
wäre nur
noch als totalitär zu bezeichnen. Die Proteste gegen dieses Vorgehen waren ein
legitimer Akt des Widerstandes. Wir werden uns von keinen Vorfällen
distanzieren außer dem gewaltsamen Vorgehen der Innenbehörde!
Historisch betrachtet ist einzig und allein die Polizei verantwortlich für die
Auseinandersetzungen nach dem Fest. Seit Ende der Neunziger fanden
Angriffe von
Beamten auf kleine Gruppen von Feiernden statt. Unter Schill ist dieses
Phänomen
durch massenhafte Polizeieinsätze mit schwerem Gerät zu den heutigen
Straßenschlachten eskaliert. Heute, 10 Jahre nach den Streitereien um kleine
Lagerfeuer, hat diese Entwicklung ihren Höhepunkt gefunden in einem
Innensenator, der alles was er hasst, in diesem Fest personifiziert sieht. Der
zwanghaft Wasserwerfer im Einsatz sehen will und Erfolgsstatistiken wie
stundenlange Auseinandersetzungen, abgebrannte Polizeiautos und eingeworfene
Polizeiwachen. "Wer Bullen sät, wird Riots ernten!" lautete ein weiteres
Transparent, das am Tag nach dem Fest auf der Straße hing und die Stimmung im
Schanzenviertel und St. Pauli auf den Punkt bringt.
Nicht nur der Einsatz der Polizei war der heftigste seit Jahren. Auch der
Widerstand dagegen fiel unerwartet heftig aus. Wir würden lügen, wenn wir
behaupteten, dies unter den gegebenen Voraussetzungen nicht als positiv zu
empfinden, denn diese Entwicklung skandalisierte erst das untragbare Vorgehen
der Polizei. Wir können uns die Schlagzeilen ansonsten gut vorstellen:
„Polizeieinsatz erfolgreich. Fest blieb vergleichsweise friedlich durch
konsequentes Einschreiten“. Dass zweitausend Polizisten mit Gewalt ein Fest
auflösen, wäre als positives rechtsstaatliches Erfolgsmodell umgedeutet
worden.
Es ist aber das Gegenteil: Die Aushebelung von Grundrechten und eine
sich selbst
erfüllende Prophezeiung. Es ist klar, dass die Auseinandersetzungen mit der
Polizei nach diesen Ereignissen weiter an Intensität zunehmen werden.
Verantwortlich dafür zeichnet alleine die Hamburger Polizeilinie und eine
repressive Politik, die immer mehr Bereiche des Lebens durchdringt.
Die Grundlage dieser Staatsgewalt bildet die Durchsetzung einer Ökonomisierung
des Sozialen, die unsere Lebensverhältnisse in die standortpolitischen
Vorgaben
zwingen soll. Es geht um Verwertbarkeit und Funktionieren im System. Um die
demütige Anerkennung von gesellschaftlichen Ausschlüssen, um Verteilung und
Besitz. Um die alleinseligmachende Anerkennung der kapitalistischen
Ordnung und
bestehenden Normen. Wir verweigern uns diesen gleichgeschalteten
Wirklichkeiten
und Identitäten und basteln uns unsere Lebensentwürfe selber. Wir mögen
verwoben mit dem Bestehenden sein und unsere Versuche haben Ecken und Kanten.
Es knallt und raucht und manchmal geht auch etwas schief. Aber wir sind
obenauf
und bleiben in Bewegung.
Wir werden weiterhin und mit wachsender Begeisterung das Straßenfest im
Schanzenviertel durchführen. Auch um zum Ausdruck zu bringen, dass wir uns
staatlicher Repression nicht beugen. Wir feiern auf der Straße, wir bringen
unsere politischen Vorstellungen in die Öffentlichkeit, wir wehren uns gegen
die Stadtentwicklung und wir lassen uns nicht einschüchtern von einer Politik,
die genau darauf mit dem Arsenal des polizeilichen Ausnahmezustandes reagiert.
Wir haben viel diskutiert, wie eine angemessene Antwort auf die Ereignisse am
Abend des 4. Juli aussehen könnte. Mehrere Anwohner_innen haben uns
schließlich
auf die Idee gebracht. Am 12. September feiern wir in diesem Jahr ein zweites
Schanzenviertelfest! Ein neuer Anlauf, bei dem wir der Innenbehörde die
Möglichkeit geben, ihr Einsatzkonzept zu überdenken.
Wir laden alle ein, am 12. September nochmal ein großes und schönes
Straßenfest
im Schanzenviertel zu feiern. Nicht um die Gewaltphantasien der
Innenbehörde zu
bedienen, sondern um zum Ausdruck zu bringen, dass wir uns davon keinesfalls
beeindrucken lassen. Aus Solidarität mit den Betroffenen der Übergriffe am
Samstag, um Geld zu sammeln für Prozesse und zur Unterstützung von Leuten, die
verletzt wurden, aus dem politischen Willen heraus, die autoritären
Inszenierungen einer Innenpolitik nicht zu respektieren, die jeden Bezug zur
Realität im Stadtteil verloren hat. Feiern wir ein großes und breites Fest
gegen Polizeigewalt!
Unterstützen wir den Innensenator bei der Suche nach dem großen weißen
Wal. Dem
sagenumwobenen Feind der Kapitäne und Hansestädte, welchen Ahlhausahab in den
Untiefen des Schanzenviertels schlummern sieht und dem er mit einer ganzen
Flotte aus Wasserwerfern, Polizeifahrzeugen und Überwachungskameras unablässig
auf der Spur ist. Das Ende dieser Geschichte kennt jedes Kind. Sorgen wir
dafür, dass sie ihren Anfang nimmt!
"Käptn Ahlhab auf der Suche nach dem weißen Wal" wird zum Motto des
Schanzenfestes am 12. September 2009. Alle sind eingeladen, ihrer Inspiration
freien Lauf zu lassen! Kommt nach Hamburg - kommt ins Hamburger
Schanzenviertel, um selbstorganisiert Aktionen, Infostände, Theater, Kunst,
Kultur und Propaganda in die Straßen zu tragen! Die Stadt ist groß und in
Unruhe wie ein Ozean im Sturm. Taucht ein in die Welt von Moby Dick!
Ahlhab und die Walfänger des Sicherheitsstaates versenken!
Gegen staatliche Repression und Kontrolle!
Gentrifizierung stoppen - Kapitalismus abschaffen!
Anwohner_innen und Initiativen aus dem Schanzenviertel
Moby Dick; oder: Der Wal (englisch Moby Dick; or: The Whale) ist ein 1851 in
London und New York erschienener Roman von Herman Melville. Das erzählerische
Rückgrat des Romans ist die schicksalhafte Fahrt des Walfangschiffes „Pequod“,
dessen Kapitän Ahab mit blindem Hass den weißen Pottwal jagt, der ihm das Bein
abgerissen hat. Entlang dieses erzählerischen Fadens, der knapp die Hälfte des
Romans ausmacht, reihen sich zahlreiche philosophische, wissenschaftliche,
kunstgeschichtliche und mythologische Exkurse, zu denen noch viele subjektive,
mal lyrische, mal auch ironische Betrachtungen kommen. Melville versucht in
Moby Dick, die ganze komplexe moderne Welt in ihrer Vielfalt und
Zersplitterung
abzubilden.
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