Lassen Sie uns über die Neunziger reden.
Halt, bleiben Sie da! Es wird nicht wehtun, versprochen. Danke.
So, jetzt, da wir schon so gemütlich beisammensitzen: Sollte man im Jahre 7 des neuen Jahrtausends nicht wirklich mal ein klein wenig unbefangener an jenes Jahrzehnt herangehen, in dem Franz Ferdinand noch ausschließlich ein erschossener Thronfolger war, Handys noch mehrere Kilos wogen, Regierungen noch nicht Administrationen hießen – dafür aber Indie noch Alternative? Eben.
Sind Sie noch da? Sehr gut. Weil: Alternative ist auch gleich ein ausgezeichnetes Stichwort, um mehr oder minder elegant zu jener Band überzuleiten, die Ihnen an dieser Stelle ans Herz gelegt werden soll. Sie hört auf den Namen – jetzt sprich es endlich aus, Alter! – Screena. Stammt aus dem niederösterreichischen Kernland. Hat sich nach diversen internen Umstrukturierungen seit drei Jahren in der Besetzung Michael Gacksch (vox/git), Eduard Müller (git), Bernhard Klemt (bass) und Christoph Haiderer (dr) gefunden. Und nun endlich ihre erste Platte fertig gestellt – nach Studio Sessions nachgerade Guns n’ Roses’scher, ähm, Intensität (nur eben ohne Koks, Ideenlosigkeit und Mietmusiker). Ob der Album-Opener aus diesem Grund „Back To Start“ heißt? Wir wissen es nicht. Egal.
Alternative also. Kann ja so manches heißen. Im Falle Screena sollte man das so strapazierfähige Wörtchen aber weniger als musikalischen Klammerbegriff oder gar als ideologische Richtschnur verstehen, sondern schon eher als so etwas wie einen emotionalen State of Mind. Denn obwohl einen Herr Gacksch gern mal begeistert auf Bands hinweist, auf deren MySpace-Seiten man Failure, Sonic Youth oder Built To Spill als wichtigste Friends findet, ist das Schiff Screena eben trotzdem nicht mit 300 Knoten Richtung Neunziger-Nostalgie unterwegs. Die Dekade, in der emotionaler Rock broke, schwingt auf dem zum Zeitpunkt der Niederschrift noch (und wohl auch für immer) namenlosen Album vielmehr als Ahnung mit denn als unabänderliches Zitat oder fixe Idee.
Meint: Der Drive von Helmet, die Breitwand-Gefühlsepik der Generation Shoegazer, der Dreck von Barkmarket, die Dynamik von Quicksand, Rotz von Jawbox und (Tränen-) Wasser der Smashing Pumpkins – sie alle haben wohl ihr Scherflein beigetragen zur Vorlieben- und Klangfindung Screenas. Mehr aber auch schon nicht. Für eine schlichte Retro-Fixierung klingt ihr Sounduniversum ganz einfach zu eigenwillig (um nicht zu sagen - ständig), ist es zu wenig offensichtlich, dafür aber umso hinterfotziger auf unwiderstehliche Hooks ausgelegt. Und nicht nur einmal bekommt man eine Vorstellung davon, wie das Erbe der alten Helden der neunziger Jahre heute klingen würde, wenn sie mit den neuen Helden des Post Post Punk nicht irreversibel zusammengeknallt wären, sondern nach einer durchzechten Nacht gemeinsam das Studio geentert hätten. Also wie etwas, auf das vielleicht gar nicht so wenige Menschen gewartet haben könnten. (Christoph Prenner)
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Das Gespräch wurde aufgezeichnet am 29. August 2009.